Russland: Der Frust geht um

In Russland herrscht Resignation: Zu den Sanktionen kommen Ölpreisverfall und Renationalisierung. Nun begehren Konzernchefs allmählich auf. Ein Stimmungsbild.

UKRAINE RUSSIA PUTIN
UKRAINE RUSSIA PUTIN
PUTIN/ GREF – (c) APA/EPA/SERGEI CHIRIKOV / POOL (SERGEI CHIRIKOV / POOL)

Moskau. Herman Gref ist kein Hasardeur. Zu lange schon sitzt der 50-jährige Ex-Wirtschaftsminister an den Schaltstellen der russischen Politik und Wirtschaft, um nicht zu wissen, dass Fundamentalopposition gegen den dirigistischen und isolationistischen Mainstream beruflichem Selbstmord gleichkäme. Aber mitunter holt der heutige Chef von Russlands größter und staatlicher Bank, Sberbank, zum Schlag aus. Und gibt – wie dieser Tage – schier Unerhörtes von sich.

Höre man die Leute sagen, „dass der Wechselkurs Gott sei Dank gefallen ist und der Import zum Erliegen kommt, dann zucke ich zusammen“, sagte er auf dem Investitionsforum „Russia Calling“ und erinnerte daran, dass das Land an allen Ecken vom Import abhänge: „Ich bin bereit, nicht zu essen, aber ich kann heute ohne die Segnungen der Zivilisation nicht mehr auskommen.“ In einem Aufwasch ohrfeigte Gref dann noch die politischen Entscheidungsträger, indem er einen Vergleich mit der Sowjetunion zog: „Warum ist die Sowjetunion zerfallen? Wegen der erschütternden Inkompetenz der sowjetischen Führung – vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft“, sagte er coram publico: „Sie haben die Gesetze zur Entwicklung der Ökonomie nicht geachtet, mehr noch, sie haben sie nicht gekannt, und das hat ihnen am Ende den Rest gegeben. (...) Man kann die Leute nicht mit dem Gulag motivieren.“

 

Zu viel an Negativmomenten

Das saß. So weit hatte sich seit der Ukraine-Krise in Moskau noch keiner hinausgelehnt. Jetzt, da nationaler Zusammenhalt über allem steht, pinkelt man dem Kreml nämlich nicht ans Bein. Gref war schlau genug, keine Namen zu nennen. So blieb Spielraum für Interpretationen. Sollte er am Ende gar seinen Weggefährten Wladimir Putin gemeint haben? Und sollte er ins Schwarze getroffen haben, wie der Spontanapplaus im hochkarätigen Publikum der Konzernbosse zeigte?

Die russische Unternehmerschaft ist von Depression erfasst. Zu viel an Negativmomenten hat sich angehäuft, als dass es noch mit dem sonst verbreiteten Zynismus zu verdauen wäre: Da herrscht Stagnation, weil das ölgetriebene Wachstumsmodell ausgedient hat. Da kommt ein investitionsgetriebenes Modell nicht in die Gänge, weil das Geschäftsklima nun wieder eingetrübt ist. Da ist der Ölpreis seit Mitte Juni um über 22Prozent auf unter 90 Dollar je Barrel gefallen. Da sind die westlichen Sanktionen, die nicht nur die Erschließung neuer Öl-Lagerstätten, sondern den Zugang zum Kapitalmarkt unmöglich machen. Und da ist als Reaktion nicht nur Russlands Importstopp auf Agrarprodukte, sondern auch der Hausarrest gegen den Milliardär Wladimir Jewtuschenkow, weil dieser sich geweigert hatte, seinen Ölkonzern Bashneft an den Staat zu übergeben.

Es war abermals Gref, der die Stimmung auf den Punkt brachte: „Der beliebteste Antrag unter den Geschäftsleuten ist der Antrag auf Emigration.“

Zumindest das Kapital wird schon vorgeschickt: In den ersten drei Quartalen hat sich der Abfluss gegenüber 2013 laut Zentralbank auf 85,2 Mrd. Dollar verdoppelt. Ausländische Direktinvestitionen in die russische Realwirtschaft (ohne Banken) sind im dritten Quartal um nur eine Mrd. Dollar gestiegen, nachdem sie seit 2006 in keinem Quartal unter vier Mrd. Dollar gelegen hatten. Dafür stiegen im dritten Quartal die Direktinvestitionen russischer Konzerne im Ausland um 21,6Prozent auf 11,8 Mrd. Dollar.

 

Investieren ist nicht sinnvoll

Wer rechnen kann, weiß, dass die Misere erst beginnt. Gerade die Sanktionen sind folgenschwer. „Sie breiten sich wie Metastasen aus, bis sie am Ende überall zu spüren sind“, sagt David Jakobaschwili, vormals einer der größten Agrarindustriellen und nun milliardenschwerer Immobilieninvestor, zur „Presse“: „Es ist leicht, Sanktionen einzuführen, aber schwer, da wieder herauszukommen.“

Man kann die Schuld dem Westen zuschieben, wie das in Russland nun en vogue ist. „Ihr füttert die Falken“, sagte sogar der sonst besonnene Präsident des russischen Unternehmerverbandes, Alexandr Schochin, jüngst im Interview mit der „Presse“. Mit den Sanktionen gegen die Staatsbanken habe der Westen übers Ziel hinausgeschossen.

Man kann statt des Westens freilich auch Putins Ukraine-Abenteuer als fatalen Ausgangspunkt einer Ereigniskette sehen, die Russlands Wirtschaft weiter unterminiert. Hinter den Kulissen schüttelt manch ein Unternehmer den Kopf über die Entscheidungen des Kremls. Manch einer bekennt auch, welchen Frust er hat. Und welche Ängste.

„Wann immer was nicht richtig läuft, wird man bei uns Schuldige suchen“, sagt Jakobaschwili: „Und wieder könnten die sogenannten Oligarchen als Sündenböcke herhalten müssen.“ Der Fall Jewtuschenkow gelte als Fanal, dass sich der Staat und seine sanktionierten Betriebe an Privatfirmen schadlos halten, so ein russischer Vermögensverwalter, der anonym bleiben möchte, im Gespräch: „Es fehlt einfach jeglicher Sinn, hier im Moment irgendwo zu investieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)

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