US-Autoindustrie stellt sich um: Wettlauf mit der Zeit

Hohe Spritpreise und sinkende Nachfrage treiben die Hersteller an ihre Grenzen. Der Umstieg auf sparsame Modelle oder Hybrid-Autos ist zu spät erfolgt.

Krise bei US-Autoproduzenten
Krise bei US-Autoproduzenten
AP (David Zalubowski)

Amerikas einst stolze Autoindustrie kämpft um ihr Überleben. Das Zusammenwirken hoher Benzinpreise und der sinkender Nachfrage treibt GM und die Ford Motor Co an die Grenzen ihrer Ressourcen. Der unmittelbare Kollaps steht im Urteil von Experten nicht bevor. Doch die Branche befindet sich in einem Wettlauf mit der Zeit.

Beide Hersteller haben Hunderttausende Arbeitsplätze gestrichen und Dutzende Fabriken stillgelegt. Der Vormarsch der japanischen und koreanischen Hersteller geht dennoch weiter. Der Ausblick für GM, Ford und der inzwischen privatisierten Chrysler LLC ist düster. Vorige Woche vermeldete GM für das zweite Quartal einen Verlust von sage und schreibe 15,5 Mrd. Dollar (9,95 Mrd. Euro). Dieser entstand durch die Absatzflaute, Abschreibungen im Zusammenhang mit Stellenabbau, Werksschließungen und des Preisverfalls bei Kleinlastern und Geländewagen. Zuvor hatte Ford einen Verlust von 8,7 Mrd. Dollar mitgeteilt. Der Autoabsatz der beiden Hersteller ist im Berichtszeitraum um insgesamt 13 Prozent gesunken. Als Privatfirma ist Chryler nicht der Publizitätspflicht unterworfen.

Reichen Bargeldreserven?

GM und Ford hatten mit einer Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte gerechnet. Sie haben sich getäuscht. Beide sagen neuerdings noch schlechtere Marktverhältnisse voraus. "Die Lage ist sehr ernst. Der Fluss wird tiefer und breiter," konstatiert der Leiter des Center for Automotive Research in Detroit, David Cole, in der Zeitung The New York Times. "Die Frage ist: Wird es ihnen gelingen, das andere Ufer zu erreichen, ehe die Bargeldreserven verbraucht sind?" Die Umstellung der Produktion von hochzylindrigen, benzinfressenden SUV (sport utility vehicles) auf kleinere sparsamere Modelle oder Hybrid-Autos ist im Urteil von Fachleuten zu spät erfolgt. Da Umstellungen erst nach Jahren Früchte tragen, stellt sich die Frage, ob die Hersteller über genügend Bargeldreserven verfügen, um die Durststrecke durchstehen zu können.

Die amerikanische Autoindustrie stellt sich auf das schlechteste Jahr seit einem Jahrzehnt ein. Seit Anfang 2008 ist der Absatz im Vergleich zum Vorjahr und zehn Prozent gesunken, einschließlich 13 Prozent Minus im Juli. Selbst Toyota Motor Co hat zu kämpfen. Der japanische Produzent verkauft im Juli fast 12 Prozent weniger Fahrzeuge als im Juli 2007. Am schlimmsten trifft die Krise die US-Hersteller. Bei GM fiel der Absatz um 26 Prozent und bei Ford um 14,7 Prozent. Chrysler vermeldete 28,8 Prozent Rückgang. Der Marktanteil der drei Hersteller insgesamt hat im Juli ein Allzeittief von 43 Prozent erreicht. GM hatte zum Quartalsende 21 Mrd. Dollar in der Kasse, zu normalen Zeiten ein ausreichendes Finanzpolster. Das Unternehmen verbraucht jedoch monatlich mehr als eine Milliarde Dollar.

Zusammenschluss?

Kein Wunder, dass manche Experten den baldigen Konkurs nicht ausschließen, andere von einem Zusammenschluss der beiden Produzenten reden. "Es erinnert fast an die Evolutionstheorie - nur die Stärksten haben Überlebenschancen," zitiert die Times den Branchenexperten Jesse Toprak von der Firma Edmunds.com. "Die Umstellung auf sparsamere Autos war die richtige Entscheidung, doch das nimmt viel Zeit in Anspruch". Die Stärksten sind die Amerikaner nicht mehr und die Zeit wird knapp. Dennoch sähe er keinen Grund zur Panik, versichert GM-Finanzdirektor Ray Young in einem Times-Interview am Sonntag. "Ich sehe mehr Entschlossenheit," sagt er. "Wir ziehen diese Maßnahmen durch und konzentrieren uns auf das, was wir kontrollieren können".

(APA)

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