Tourismus: Wenn der Russe zu Hause bleibt

Nach einem Jahrzehnt stetigen Anstiegs russischer Touristen kehrt sich heuer der Trend um. Die Rubel-Abwertung macht Auslandsreisen zu teuer, und der Patriotismus wirkt.

(c) APA/EPA/YURI KOCHETKOV (YURI KOCHETKOV)

Wien. Seit Jahren sind sie der Renner der Saison. Gar nicht, weil sie so viele sind, schließlich machen sie erst knapp zwei Prozent aller nach Österreich kommenden Touristen aus. Aber die russischen Touristen geben eben gern viel aus – und wurden seit über einem Jahrzehnt jährlich immer mehr.

Bis jetzt. Denn heuer wird der Trend erstmals gebrochen. Und rechnet man die bisherigen Anzeichen der Trendwende auf das Gesamtjahr hoch, auch noch äußerst empfindlich. Wie nämlich die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ gestern unter Berufung auf Maja Lomidze, Geschäftsführerin der Assoziation russischer Reiseveranstalter, berichtete, verzeichnen russische Reiseveranstalter einen Rückgang der Buchungen um knapp die Hälfte. Die Zahlen betreffen nicht Österreich speziell, sondern insgesamt die Urlaubsplanung für den Winter und die Winterferien, die in Russland erst in den ersten beiden Jännerwochen stattfinden. Laut Lomidze hätten im Unterschied zu den Vorjahren im August und September überhaupt keine Frühbuchungen stattgefunden. Jetzt würden sie schleppend verlaufen. Aber selbst wenn gegen Ende des Monats voraussichtlich aktiver gebucht werde, sei ein Rückgang um 25 bis 30 Prozent für die gesamte Saison zu erwarten. Die Nachfrage nach innerrussischen Wintersportorten steige um ein Viertel bis zu einem Drittel.

 

Verbale Untertreibung

Das ist weiter nicht verwunderlich. Immerhin ist der Rubel gegenüber dem aus Euro und Dollar bestehenden Währungskorb seit Jahresbeginn um 33,9 Prozent gefallen. Allein im letzten Monat fiel er um 14 Prozent zum Dollar und zwölf Prozent zum Euro. Entsprechend teurer wird die Auslandsreise. „Früher war der Urlaub in Russland teuer und in Europa günstiger. Jetzt ist es in Russland teuer und in Europa sehr teuer“, bringt es Irina Tjurina vom russischen Tourismusverband auf den Punkt.

Bei der Österreich Werbung ist man verbal um Untertreibung bemüht. Sprecherin Ulrike Rauch-Keschmann verweist darauf, dass zuletzt viele russische Reiseveranstalter pleitegegangen und überhaupt der Anteil der direkt buchenden Individualtouristen auf zwei Drittel gestiegen sei, weshalb Auswirkungen abzuwarten seien. „Für den Winter sind Prognosen zu früh. Faktum aber ist, dass wir im Gesamtjahr ein Minus haben.“

 

Reale Fakten

Sieht man sich die vorläufigen Zahlen der Statistik Austria an, so kann das Minus satt werden. Zwar gab es im Zeitraum Jänner bis September bei den Nächtigungen russischer Touristen nur einen Rückgang von 4,5 Prozent. Lässt man aber die noch von den Vorjahresbuchungen profitierenden Jahresanfangsmonate weg, so zeigt sich für Mai bis September ein Minus von 9,9 Prozent. Die Statistik für September weist bereits einen Rückgang von 19,5 Prozent aus. Dank eines guten Jänners könne man hoffen, dass der Rückgang im Gesamtjahr unter 20 Prozent bleibe, ist inoffiziell aus Quellen der Österreich Werbung zu hören: „Für den Winter sind minus 40 Prozent möglich.“

In den Touristenhochburgen in Westösterreich sieht man den Tatsachen nüchtern ins Auge. „Nach jetzigem Buchungsstand bei den Tourismusbetrieben denken wir, dass 20 bis 30 Prozent weniger russische Gäste kommen“, sagt Oliver Schwarz, Chef von Ötztal Tourismus. Für einzelne Orte wie Sölden, wo russische Gäste mit acht Prozent Anteil die drittstärkste Gruppe sind, ein empfindlicher Einschnitt.

 

Gast fühlt sich unwillkommen

Es ist vor allem die Mittelschicht, die Österreich bereist und bei der die Rubel-Abwertung Einfluss auf die Urlaubsplanung hat. Bei dieser Schicht werde man heuer mit 25 bis 30 Prozent weniger Ankünften rechnen müssen, sagt auch Andrea Steibl, Chef des Tourismusverbandes Paznaun-Ischgl. Vor allem das Loch im Jänner, in dem die Russen sonst 60 Prozent aller Gäste ausmachen, werde wieder klaffen. Steibl gibt übrigens nicht nur der Rubel-Abwertung die Schuld. Wegen der westlichen Sanktionen würden sich viele Russen unwillkommen fühlen. „Das nährt den Patriotismus“, meint Steibl hinsichtlich innerrussischer Urlaube. „Putin hat das erkannt.“

Auf einen Blick

Im Vorjahr wurden 513.000 Ankünfte von Gästen aus Russland in Österreich verzeichnet – ein Plus von 7,8 Prozent zu 2012. Die Nächtigungen legten um 9,5 Prozent auf 1,954 Millionen zu. Bei beiden Kriterien abermals ein neuer Rekord, nachdem der Touristenstrom schon über ein Jahrzehnt stetig gewachsen ist. Nun verursachen Rubel-Abwertung und westliche Sanktionen erstmals einen empfindlichen Einbruch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2014)

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