Griechenland: Was schuldet Deutschland Athen?

Laut einer Expertenkommission können die Griechen einen Zwangskredit aus dem Zweiten Weltkrieg zurückfordern. Heutiger Wert: elf Milliarden Euro. Was steckt dahinter?

(c) EPA (FOTIS PLEGAS G.)

Wien. Es ist nicht das erste Mal: Wer in Griechenland Stimmung gegen das „deutsche Spardiktat“ machen will, ruft die moralische Schuld der Nazi-Besatzer in Erinnerung – und die ökonomische Schuld, in die sie sich ummünzen lässt. Kühne Summen schwirrten da schon durch die Medien, bis zu 500 Milliarden. Nun liegt eine neue Zahl auf dem Tisch: elf Milliarden Euro. Das klingt harmloser, ist aber tatsächlich brisanter. Denn sie stammt von einer Expertenkommission, die für die Regierung herausfinden sollte, wie viel man realistisch heute noch von den Deutschen fordern kann.

Fest steht: Reparationen kann es keine mehr geben. Sie werden von Verlierern eines Krieges an Sieger gezahlt, nicht zwischen Partnern und Freunden in der EU – wie die Deutschen gerne betonen. Sie wissen warum: Noch nie hat ein Staat kollektiven Schadenersatz gezahlt für etwas, was er vor sieben Jahrzehnten angerichtet hat. Wer damit anfängt, öffnet die völkerrechtliche Büchse der Pandora (individuelle Zahlungen an Opfer sind davon natürlich unabhängig). Aber dann gibt es da noch die Finanzschulden, die Deutschland im Krieg im Ausland machte – oder besser: dem Rest Europas aufzwang. Und Schulden bezahlt man auch an Freunde. Sie verjähren nie.

 

Juristisch wenig Chancen

So sehen es zumindest die griechischen Experten. Konkret geht es um einen Kredit über 476 Mio. Reichsmark, zu dem die Reichsbank die griechische Nationalbank zwang. Damit deckte Hitlers Regime die Besatzungskosten und finanzierte auch zum Teil Rommels teures Afrikaabenteuer. Der Kredit sollte nach Kriegsende zurückgezahlt werden, wozu es nie kam. Heute wäre er (bereits verzinst) die genannten elf Milliarden wert. Die Nazis führten genau Buch über ihre Konten mit unterdrückten Vasallenstaaten. Bei Kriegsende summierten sich die Verbindlichkeiten auf 90 Mrd. Reichsmark oder etwa neunzig Prozent des deutschen BIP von 1938, wie der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl ermittelt hat.

Doch die Deutschen haben sich dieser Schulden nach Ansicht der meisten Völkerrechtler elegant entledigt. In der Konferenz von 1953 in London wurden sie mit möglichen Reparationen zusammengelegt – und das Thema als Ganzes vertagt, bis zu dem damals imaginären Termin einer deutschen Wiedervereinigung. Als es 1990 doch dazu kam, schloss der Rechtsnachfolger im „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ künftige Zahlungen aus – wegen der reichlich verflossenen Zeit und seiner neuen Rolle als hoch angesehenes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft. Beides Argumente, die streng genommen nur zu Reparationen passen, nicht zu Krediten – ein „Taschenspielertrick“, mit dem Deutschland alle Ansprüche „juristisch beerdigt“ hat, wie Ritschl im Gespräch mit der „Presse“ meint.

 

Benachteiligte Griechen

Unterschrieben haben damals auch die Griechen. Warum aber stellen sie als Einzige weiter hartnäckig Forderungen an Berlin? Nicht nur, weil sie am Rande der Pleite stehen und sich von deutschen Gläubigern unter Druck gesetzt fühlen. Wie der Historiker Hagen Fleischer gezeigt hat, ist bei den Kriegsentschädigungen niemand schlechter ausgestiegen als sie. Die Wehrmacht plünderte und blutete das Land besonders brutal aus. Relativ wie absolut steht Griechenland bei den ökonomischen Schäden an vierter Stelle – nach Polen, der Sowjetunion und Jugoslawien. Vor allem Russen und Polen profitierten später von Gebietsgewinnen. Das Sowjetregime ließ zudem die DDR kräftig zur Ader.

Die westlichen Siegermächte aber folgten schon bald der Doktrin der USA: Sie wollten die BRD als Partner im Kalten Krieg wirtschaftlich und militärisch aufbauen. Also schonten sie den neuen Verbündeten, auch als Lektion aus dem Versailler Vertrag mit seinen hohen Reparationsforderungen, der in der Weimarer Republik mit zum Aufstieg Hitlers geführt hatte.

Für die „kleinen“ Opfer gab es nur Anteile aus in den Besatzungszonen demontierten Industrieanlagen. Die Lieferung nach Griechenland, wo schon wieder ein Bürgerkrieg tobte, kam nie an. Auch eine deutsche Entschädigung für NS-Verbrechen im Jahr 1960 von 115 Mio. Mark versickerte in dunklen Kanälen – eindeutig ein griechisches Problem. Für die Deutschen war das Thema damit erledigt.

Juristisch dürfte es das heute auch insgesamt sein. Aber nicht unbedingt moralisch, findet Ritschl. Für ihn ist das Londoner Abkommen das „Paradebeispiel für einen gelungenen Schuldenschnitt“, ohne den „das deutsche Wirtschaftswunder gar nicht denkbar gewesen wäre“, auch „auf Kosten der von den Nazis besetzten Länder“. Harte Währung und solide Haushalte sieht er als die segensreichen Folgen für Deutschland – „und ihr Österreicher ward“, dank Marshallplan und fester Bindung an die D-Mark, „auch dabei“.

Zur Geschichte

Im April 1941 überfiel Hitler-Deutschland Griechenland. Das Besatzungsregime plünderte die Wirtschaft durch Zwangsexporte aus, eine Hungersnot war die Folge. Die Wehrmacht verübte Massaker, hunderte Dörfer wurden im Kampf gegen die Partisanen „plattgemacht“. Am Ende zerstörte sie – als Politik der „verbrannten Erde“ – gezielt die griechische Infrastruktur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2015)

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