Franken-Schuldner müssten bald Zinsen bekommen

Kolumne Was gestern noch anerkannte Norm war, steht heute auf dem Kopf. Strafzinsen sind bereits Realität.

(c) FABRY Clemens

Wir leben in einer verrückten Welt, was gestern noch anerkannte Norm war, steht heute auf dem Kopf. Womöglich wird es noch so weit kommen, dass die Banken dafür, dass man Geld einlegt, Zinsen verlangen. Und dafür, dass man ihnen Kredite abnimmt, welche bezahlen.
Absurd, meinen Sie? Also bitte: Mehrere deutsche und Schweizer Großbanken haben schon "Strafgebühren" für große Einlagen eingeführt. Wozu auch Zinsen für Geld bezahlen, das man von der Notenbank praktisch umsonst bekommt? Und für das man auch noch selbst Strafzinsen bezahlen müsste, wenn man es als Bank beispielsweise bei der EZB zwischenparkt.

Gut, vorerst betrifft das nur kurzfristige Tagesgeldeinlagen von mehr als 100.000 Euro, davor brauchen sich gewöhnliche Sparer noch nicht zu fürchten. Aber wenn die Zinssituation so pervers bleibt wie jetzt, dann wird sich die Bestrafung der Anleger wohl langsam, aber sicher auch in Richtung gewöhnlicher Sparer durchfressen. Man hat als Bank ja nichts zu verschenken.

Die Zinsmedaille hat allerdings auch noch eine andere Seite. Und die sehen die Banker weitaus weniger locker als die Abwehr unerwünschter Einlagen per Strafzins: Vor ihren Türen werden nämlich wohl bald Kreditnehmer erscheinen, die Zinszahlungen der Bank für ihre aufgenommenen Kredite verlangen werden. Vielleicht sogar zu Recht.

Das Geheimnis dahinter lautet Referenzzinssatz: Bei variabel verzinsten Krediten sind die Zinsen normalerweise an einen solchen Referenzsatz gekoppelt. Beim Schweizer Franken beispielsweise, in dem unglücklicherweise noch immer mehr als 150.000 Österreicher verschuldet sind, ist das im Regelfall der Dreimonats-CHF-Libor. Viele Franken-Kredite sehen vor, dass die Kreditnehmer jährlich Zinsen in Höhe dieses Libors plus 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte Aufschlag bezahlen müssen. Angepasst wird im jeweils folgenden Quartal.

Und jetzt kommt's: Seit dem Paukenschlag der Schweizer Notenbank liegt der CHF-Libor deutlich unter null. Zuletzt bei minus 0,86 Prozent. Wer also einen Kredit mit, sagen wir, CHF-Libor plus 0,5 Prozentpunkte laufen hat, müsste auf dieser Basis ab dem kommenden Quartal eigentlich ungefähr 0,3 Prozent Zinsen von seiner Bank überwiesen bekommen, statt welche zu bezahlen.

Die Banken sagen, das Problem sei ihnen bewusst und ihre Juristen hätten ihnen versichert, dass sie auch dann nicht unter null gehen müssten, wenn im Vertrag keine einschlägigen Klauseln enthalten sind. Wir werden sehen. Sollte der Referenzzinssatz weiter sinken, dann werden wohl bald ein paar Konsumentenanwälte auszutesten beginnen, ob das auch tatsächlich so ist.

E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

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