Wirtschaftskriminalität: London, Metropole der Geldwäscher

In der britischen Hauptstadt gehören 36.000 Immobilien Briefkastenfirmen in Steueroasen – laut Transparency eine Riesenwaschmaschine für schmutziges Geld. Auch in Wien?

(c) Bloomberg (Simon Dawson)

Wien. Wer hier residiert, hat ausgesorgt: One Hyde Park gilt als teuerste Apartmentanlage der Welt. Die Fenster der 86 Wohnungen mit Blick über die grüne Lunge Londons sind schusssicher verglast. Die Wärter tragen Melonen und wurden bei Spezialeinheiten des britischen Heeres ausgebildet. Aber meist sind die Wohnungen verwaist, fast keiner der Käufer hat hier seinen Hauptwohnsitz. Eine Recherche von „Vanity Fair“ ergab: Vier Fünftel sind im Eigentum von Briefkastenfirmen in Steueroasen.

Ein breites Phänomen: In ganz London gehören über 36.000 Immobilien solchen anonymen Offshore-Unternehmen, geht aus einem Bericht hervor, den Transparency International jüngst veröffentlicht hat. Die Experten sind dabei weniger der Steuerflucht der Reichen auf der Spur als der Geldwäsche von Politikern, die Schmiergeld nehmen und öffentliche Mittel unterschlagen. Für Transparency ist die britische Hauptstadt der sichere Hafen für „die korrupten Eliten der Welt“.

So fügt die Organisation ihr Mosaik zusammen: Auch bei drei Viertel aller verdächtigen Immobiliengeschäfte, hinter denen die Londoner Polizei schwere Fälle von Geldwäsche vermutet, sind die Käufer Firmen aus Ländern mit strengem Bankgeheimnis. Und die Immobiliendienstleister von Savills kennen die Menschen, die sich für neu gebaute Exklusivwohnungen in London interessieren: Zu 90 Prozent Ausländer, großteils aus Osteuropa, Zentralasien, China, dem Nahen Osten und Afrika – genau jene Regionen, in denen die Korruption am üppigsten wuchert.

Warum zieht sie gerade der Londoner Immobilienmarkt so magisch an? Die Preise sind so hoch, dass sich mit einem einzigen Kauf große Beträge „parken“ lassen– in einem politisch sicheren, wenig regulierten Umfeld. Mit der britischen Krone lose, mit dem Finanzplatz eng verbunden sind Steueroasen wie die Virgin Islands oder die Kanalinseln. Wenn es der Familie eines Diktators oder eines kriminellen Beamten zu Hause zu heiß wird, erwartet sie in der attraktiven Metropole eine luxuriöse Bleibe. Bis dahin stehen viele dieser Wohnungen einfach leer.

Das macht böses Blut unter all jenen, die tatsächlich in London leben und arbeiten. Zumal selbst für die gehobene Mittelschicht eine Wohnung in einem zentralen Bezirk nicht mehr erschwinglich ist.

Transparency empfiehlt nun schärfere Gesetze. Schon jetzt muss eine britische Firma, die eine Immobilie kauft, ihre wirklichen Eigentümer nennen. Diesen Standard solle die Regierung auf ausländische Firmen ausweiten. Allerdings sind die Offshore-Konstruktionen meist so komplex, dass ein Makler oder Anwalt gar nicht mit vertretbarem Aufwand nachprüfen kann, welche natürlichen Personen am Ende einer Kette von Briefkastenfirmen, Strohmännern und Nummernkonten stehen.

 

Österreich: Strenge Vorgaben

Auch in Österreich müssen Immobilientreuhänder überprüfen, welche wirtschaftlichen Eigentümer hinter einem Unternehmen stecken. Das steht in gesetzlichen Bestimmungen, die Geldwäsche unterbinden sollen. Es braucht aber nicht einmal eine exotische Offshore–Konstruktion, um als Treuhänder Schwierigkeiten zu haben, die Personen dahinter zu finden. Selbst hinter einer österreichischen AG können sich Personen verstecken, die nicht identifiziert werden wollen.

Wenn ein Immobilientreuhänder Ungereimtheiten bei der Herkunft des Geldes seines Mandanten erkennt, muss er das beim Bundeskriminalamt anzeigen. Ist das erfolgt, heißt es warten, bis die Behörde das Okay gibt. In dieser Zeit darf die Transaktion nicht durchgeführt werden. Das ist vor allem für Rechtsanwälte unangenehm, da sie den eigenen Mandanten anzeigen müssten. In der Praxis wird ein Rechtsanwalt einen Mandaten mit dubiosen Geldquellen ablehnen. Allerdings sind sich Juristen einig, dass die Geldwäschebestimmungen nicht ganz greifen. Doch Insider versichern, dass der kleine heimische Markt für Geldwäscher kein Paradies wie London ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2015)

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