Porsche-Piëch: Eine Familie, getrennt durch den Namen

Zell am See ist Porsche-Land. Hier ist der Stammsitz der Familie, hier ist Firmengründer Ferdinand Porsche bestattet, und hier werden die Fehden zwischen den beiden Familienzweigen Piëch und Porsche ausgefochten.

GERMANY - FILES/FERRY PORSCHE WITH CARS
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Ferry Porsche – EPA

Wenn einem hier das Herz nicht aufgeht, dann hat man keines. Der See liegt still inmitten der Berge, die Wiesen sind frühlingshaft grün, hinten ragt weiß das schneebedeckte Kitzsteinhorn auf und bildet einen scharfen Kontrast zum strahlend blauen Himmel – Zell am See ist an diesem Tag fast schon kitschig schön.

Wolfgang Porsche weiß diese Idylle zu schätzen. Das ist seine Heimat, hier wuchs er auf, und hier fühle er sich, sagte er einer Architekturzeitschrift, am wohlsten. Gerade jetzt wird er die Ruhe auf seinem Landgut samt Bauernhof und 200 Stück Vieh besonders suchen, um Kraft zu tanken nach dem familieninternen Konflikt mit seinem Cousin Ferdinand Piëch.

Fast eine Woche lang beherrschte nur ein Thema die internationalen Medien: Der Machtkampf an der Spitze des Volkswagen-Konzerns zwischen Piëch und Vorstandschef Martin Winterkorn. Der wahre Konflikt im Hintergrund hieß aber: Porsche gegen Piëch. Während in der Vergangenheit ein Nebensatz von Familienpatriarch Ferdinand Piëch genügte, um Managerkarrieren im Konzern zu beenden, scheiterte er diesmal mit seiner Aussage, er sei „auf Distanz“ zu Winterkorn. Der Porsche-Zweig der Familie qualifizierte die Aussage als „Privatmeinung“ ab und stellte sich gegen den 78-Jährigen. Und zum allerersten Mal musste Piëch zurückstecken. Für das ohnehin angespannte Familienverhältnis zwischen den Piëchs und den Porsches war das nicht sehr förderlich.


600 Jahre alter Bauernhof. Im Schüttdorf, einem Stadtteil von Zell am See, wird man das irgendwann diskutieren, wie so oft in der Vergangenheit. Das 600 Jahre alte Schüttgut, etwas oberhalb gelegen, ist der Stammsitz der Familien Porsche und Piëch. Zwei große Wirtschaftsgebäude und eine weiß getünchte Kapelle gruppieren sich um das Haupthaus im Pinzgauer Stil mit seinem gemauerten Erdgeschoß und den hölzernen Obergeschoßen. In dieser Gemeinde sind Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch nicht die großen Wirtschaftsmagnaten, sondern weitgehend normale Bürger. Ferdinand und Wolfgang wuchsen hier auf, manche Einheimische kannten sie schon als Kinder und haben mit ihnen gespielt.

Heute gehört der Stammsitz Wolfgang Porsche, der einen guten Teil seiner freien Zeit in Zell am See verbringt. Auf jeden Fall immer im Herbst. Da geht er stolz mit seinen Kühen mit, wenn sie von der Alm wieder ins Tal getrieben werden. Sogar bei Ortsfeiern sieht man den Milliardär und seine Familie, „aber nie bei einem Zeltfest“, erklärt ein Einheimischer. Das wäre dann doch ein wenig zu volkstümlich.

Man spricht nicht viel über die Porsches. Sie leben „unauffällig und eher zurückgezogen“, erklärt man in der Gemeinde. Nur wenn viele teure Autos im Ort unterwegs sind – neben den obligaten Porsches vor allem Audis –, dann weiß man, dass oben beim Schüttgut wieder ein Familientreffen stattfindet.

Der Pinzgau ist Porsche-Land. Viele der Dutzenden Familienmitglieder besitzen hier weitläufige Anwesen, das Porsche Design Studio hat in Zell am See seinen Sitz. Dem Clan gehört die Mehrheit der Schmittenhöhebahn mit ihren 26 Liften und 30 Pisten, die Schifffahrtslinie auf dem See und der Flugplatz, den man als „den modernsten Österreichs“ anpreist. Adäquat nächtigen können Gäste im Schloss Prielau, das Wolfgang Porsche gehört, und adäquat essen im Schlossrestaurant von Sternekoch Andreas Mayer. Das Luxushotel bietet seinen Gästen auch ein ganz spezielles Service: Man kann verschiedene Porsche-Modelle fahren, das „Lebensgefühl zum Mieten“ (Prospekt) kostet ab 560 Euro pro Tag.

Das gemeinhin „Porsche-Gut“ genannte Schüttgut kaufte Ferdinand Porsche, der Schöpfer des VW-Käfers, im Jahr 1942, um für seine Familie – seine Ehefrau Aloisia, die Tochter Louise und seinen Sohn Ferry – eine Zufluchtsstätte vor den Wirren des Zweiten Weltkriegs zu haben. Louise Porsche, die 1928 den Wiener Rechtsanwalt Anton Piëch heiratete und mit ihm vier Kinder hatte (Ferdinand Piëch war das dritte Kind), lebte bis an ihr Lebensende 1999 in Zell am See und machte gerne Ausflüge mit ihrem Porsche 911.

Am Familienstammsitz mussten schon mehrere Krisen bewältigt werden. Anfang der 1970er-Jahre etwa, als so viele Familienmitglieder in den Porsche-Konzern drängten, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen kam. Damals tobte beispielsweise der große Streit zwischen Ferdinand Piëch und seinem Cousin Hans-Peter Porsche über technische Grundsatzfragen wie Hubraum oder Drehzahl der Autos. Ferry Porsche, der 1948 den Porsche 356 entworfen und damit den Grundstein für die Sportwagenlegende gelegt hatte, holte die ganze Familie am Salzburger Schüttgut zusammen. Man engagierte sogar einen Psychologen für gruppendynamische Beratung, der im Streit vermitteln und ihn beilegen sollte.

„Es war eher eine Satire auf gut gemeinte Bemühungen“, erinnert sich Piëch in der Biografie von Wolfgang Fürweger („Ferdinand Piëch: Der Jahrhundert-Manager“, Uberreuter-Verlag). „Wir gerieten uns voll in die Wolle.“ Die Konsequenz aus dem Treffen: 1972 musste sich die ganze Familie aus dem operativen Geschäft bei Porsche zurückziehen. Nicht einmal ein simples Praktikum in der Firma sollte künftig noch möglich sein.

Für den leidenschaftlichen Techniker Ferdinand Piëch war das ein harter Schlag. Er gründete in Stuttgart ein eigenes Konstruktionsbüro und arbeitete unter anderem für Mercedes, bevor er zu Audi wechselte. Mit 37 Jahren (1975) wurde er bereits technischer Vorstand, er brachte die Automarke mit dem Fünf-Zylinder-Ottomotor und dem Quattro-Allrad voran. 1993 wurde er Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und führte das Unternehmen bis zu seinem Wechsel in den Aufsichtsrat 2002 aus den tiefroten Zahlen.


Lizenz für Käfer. Wolfgang Porsche, jüngster Sohn von Ferry Porsche und Sprecher der Familie, war in den 1970er-Jahren Generalimporteur für Yamaha-Motorräder, arbeitete bis 1981 bei Daimler-Benz im Vertrieb und später bei Tochtergesellschaften im Ausland. Seither ist er nur noch im Aufsichtsrat der Porsche AG und bei der Porsche Holding in Salzburg tätig.

Das war einer der genialen Schachzüge von Ferry Porsche: Er handelte nach dem Krieg mit VW eine Lizenzgebühr für jeden verkauften Käfer aus (0,1 Prozent des Bruttopreises) und sicherte sich die Exklusivrechte für den Vertrieb aller VW-Produkte in Österreich. Mittlerweile ist die Porsche-Holding Salzburg der größten Autohändler Europas, sie machte 2014 einen Umsatz von 17,1 Mrd. Euro. Bis 2010 hielten die Porsches und Piëchs je 50 Prozent an der Holding, heute gehört sie der Volkswagen AG.

Die Volkswagen AG ist wiederum zu 50,7 Prozent im Besitz der Porsche Automobil Holding, deren Stammaktien zu 100 Prozent im Besitz der Familien Porsche und Piëch sind (der Porsche-Zweig hält knapp über 50 Prozent, es ist aber festgeschrieben, dass alle Entscheidungen einstimmig gefasst werden müssen).

Hier der Techniker Piëch, dort der Ferry-Sohn Wolfgang. Größer könnte der Unterschied zwischen den beiden Familienüberhäuptern kaum sein. Wolfgang Porsche, der wohlbehütet aufwuchs, die Waldorfschule besuchte, kunstsinnig ist und gerne Witze erzählt. Ferdinand Piëch, der mit 15 Jahren seinen Vater verlor und in ein Schweizer Elite-Internat musste, das ihn, sagen manche, hart für das Leben gemacht habe. Piëch relativiert das in der Fürweger-Biografie: „Die Schule war ein typisches Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng. Leute, die das Bedürfnis hatten, mich und meinen Background zu deuten, haben Passagen aus alten Geschichten zu Schlüsselerlebnissen aus der Schulzeit hochstilisiert. Gar so arg war es nicht, aber gelernt hab ich schon einiges.“

Über das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Familien gibt es viele Geschichten, ob sie alle wahr sind, ist fraglich. Piëch soll über den „Waldorf-Schüler“ Wolfgang spotten, der wiederum soll seinen Cousin Ferdinand als „Nicht-Namensträger“ bezeichnen. Zwar sind alle Enkel von Ferdinand Porsche, es soll Ferdinand Piëch aber tatsächlich wurmen, dass er nicht den Namen Porsche trägt.

Zurück in Zell am See. Drinnen im Schloss Prielau steht an der Rezeption eine weiße Vase mit der Aufschrift „Heiterkeit“. Es klingt wie ein Aufforderung. In diesem Hotel haben die Porsches und Piëchs ihren letzten großen Konflikt 2009 um den damaligen Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking ausgetragen. Von Heiterkeit war da keine Spur.

Das Schüttgut liegt mittlerweile im Schatten. Versteckt ist hier auch die private Autosammlung von Wolfgang Porsche, die er zuletzt den Teilnehmern der Internationalen Porsche Tage gezeigt hat. Glanzstück ist der Austro Daimler Bergmeister, ein Cabriolet aus dem Jahr 1932, das in Wiener Neustadt gebaut wurde. Ernst Piëch, älterer Bruder von Ferdinand, hat 2013 im Salzburger Mattsee sein „Fahr(t)raum“-Museum mit speziellen Oldtimern eröffnet. Sein Glanzstück: Ein Austro Daimler Prinz Heinrich, Baujahr 1910.

Auf die Kapelle fallen die letzten Lichtstrahlen. Hier sind die Urnen von Ferdinand und Aloisia Porsche, von ihren Kindern Louise und Ferry, deren Ehepartner Anton Piëch und Dorothea Porsche und von Enkelin Louise Daxer-Piëch beigesetzt. „Diese Kapelle“, sagte Wolfgang Porsche 2004 dem „Manager Magazin“, „ist der Kern unserer Tradition.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2015)

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