Fremdwährungskredite: Der Sündenfall der Banken

Fremdwährungskredite waren viele Jahre das Nonplusultra der heimischen Immobilienfinanzierung. Wie es so weit kommen konnte.

Ein bisschen Schweiz für jeden. Fremdwährungs- finanzierungen wurden in Österreich vor allem auf Franken-Basis abgeschlossen.
Ein bisschen Schweiz für jeden. Fremdwährungs- finanzierungen wurden in Österreich vor allem auf Franken-Basis abgeschlossen.
Ein bisschen Schweiz für jeden. Fremdwährungs- finanzierungen wurden in Österreich vor allem auf Franken-Basis abgeschlossen. – Stamm Peter/Action Press/picturedesk.com

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei ihrem Finanzberater. Er ist um die 40, trägt Anzug und Krawatte. Sie plaudern mit ihm über das Wetter, den Urlaub, die Kinder. Dann kommen Sie endlich zur Sache: Sie haben diese schöne Wohnung gesehen, eine Immobilie, von der Sie und Ihre Familie schon seit Langem träumen. Das nötige Kleingeld haben Sie zwar nicht ganz beisammen, aber die meisten müssen solche Dinge doch auch finanzieren. Gut, dass Sie gekommen sind, sagt Ihr Berater. Er hätte da nämlich ein passendes Produkt parat – eines, das schon viele seiner Kunden glücklich gemacht hätte.

Ihr Berater fängt an zu rechnen – und Sie fangen an zu strahlen. Denn die Schulden, die Sie an die Bank zurückzahlen müssen, sind geringer als die gesamte Kreditbelastung– weil die Zinsen in einem anderen Währungsraum viel niedriger sind, der Wechselkurs günstig ist und das Darlehen erst zum Ende der Laufzeit getilgt werden muss. Ihr Berater will Ihnen einen Fremdwährungskredit verkaufen, und Sie denken sich nichts dabei. Denn von ihren Freunden wissen Sie bereits, dass da praktisch nichts schiefgehen kann.

So oder so ähnlich ist es einst wohl vielen ergangen. Berater klärten nicht auf, und Kunden fragten nicht nach. Risiko oder Spekulation? So wollte dieses Finanzierungsinstrument kaum jemand nennen. Heute ist das Problem noch immer 25 Milliarden Euro schwer. Der Fremdwährungsanteil der aushaftenden Kredite an Private lag 2014 bei rund 18 Prozent. Doch wie kam es so weit?

Das Übel nahm Anfang der 1990er-Jahre seinen Ausgang. Damals wurde der heimische Finanzmarkt liberalisiert. Wollten Private einen Kredit in fremder Währung aufnehmen, benötigten sie fortan keine Bewilligung der Oesterreichischen Nationalbank mehr. Von nun an stand kleinen Sparern die große weite Welt der Devisenspekulation offen. Bis schließlich alle ihr blaues Wunder erlebten. 2008 und 2015 werden für Fremdwährungsnehmer besonders teure Jahre.

Fremdwährungskredite an Private zu vergeben – zunächst in Franken, ab der Jahrtausendwende kamen zahlreiche Yen-Darlehen hinzu– fand nirgendwo so starke Verbreitung wie in der Alpenrepublik. 2008 hatten 267.000 österreichische Haushalte einen Fremdwährungskredit abzustottern. Vor gut 20 Jahren, 1996, hielt sich das Interesse der Bevölkerung noch in Grenzen. Damals wurden knapp 1,2 Milliarden Euro in ausländischen Devisen verliehen.


Grenzgänger. In Westösterreich spielten Fremdwährungskredite schon seit jeher eine größere Rolle. Dies war der Nähe zu den angrenzenden Nachbarstaaten geschuldet. Viele Vorarlberger verdingten sich in der Schweiz und in Liechtenstein. Daher schien es nicht abwegig, einen Kredit in einer fremden Währung zu finanzieren. Zumal die Löhne der Grenzgänger ebenso in Franken ausbezahlt wurden. Ende der Achtzigerjahre betrug der Anteil der Fremdwährungskredite unter Privaten in der Region bereits vier bis fünf Prozent, während sich österreichweit nur 0,2 Prozent auf diese Art verschuldeten. 2002 stand bereits die Hälfte der Haushalte in Tirol und Vorarlberg mit Franken in der Kreide.

Ab Mitte der 90er-Jahre verbreitete sich das Finanzierungsmodell auch im Osten des Landes. Beinahe jeder kannte jemanden mit einem laufenden Fremdwährungskredit.

Mehrfachspekulation. Dabei beinhalten Fremdwährungskredite gleich ein mehrfaches Risiko. Nummer eins: das Zinsänderungsrisiko. Im eigenen Währungsraum entwickeln sich die Zinsen nun einmal anders als im Ausland. Gerade bei langen Kreditlaufzeiten sind Schwankungen schwer bis gar nicht vorherzusagen. Ein Zinsvorteil kann zwar einige Zeit bestehen, ob er aber von Dauer ist? Eher nein. Auch spielt die Entwicklung des Wechselkurses eine nicht unwichtige Rolle. Der Franken galt und gilt als stabile Währung. Rapide Veränderungen konnte man sich lang nicht vorstellen, bis die Finanzkrise alle Beteiligten eines Besseren belehrte. Investoren flüchteten in Scharen in den sicheren Schweizer Hafen, was die erhebliche und für Kreditnehmer unerträgliche Aufwertung der Währung zur Folge hatte. Anfang dieses Jahres kam dann der nächste Schock: Die Schweizer Notenbank brachte den Euro-Mindestkurs zu Fall, und das Unvorstellbare geschah: Der Franken wurde schon wieder teurer und die Kreditschuld noch größer.

Ein weiteres Risiko stellt der Tilgungsträger für den endfälligen Kredit dar, der ebenso problematisch ist. Hinter dem Tilgungsträger standen üblicherweise Aktien (manchmal auch Immofinanz-Papiere) oder fondsgebundene Lebensversicherungen, deren Zweck das Ansparen von Vermögen war. Geld, das nach 20 Jahren in derart ausreichendem Maße vorhanden sein sollte, um das Darlehen auf einen Schlag zurückzubezahlen. Die Rendite des Tilgungsträgers war dabei ausschlaggebend. Je höher sie erwartet wurde, desto geringer fiel der monatliche Ansparbetrag aus. Aber was, wenn die Rendite doch niedriger war als erwartet? Ein Problem, das man gern hintanstellte. Die Ernüchterung folgte 2008, als die Aktienmärkte ihren Sturzflug begannen. Bei vielen Tilgungsträgern klaffen noch heute zu stopfende Lücken.

Doch warum fanden derlei spekulative Produkte eine solche Verbreitung? Ausschlaggebend dürften der Herdentrieb der Bevölkerung und sogenannte Strukturvertriebe gewesen sein, deren Job es war, der Bevölkerung Finanzdienstleistungen zu verklopfen. Für die Vermittler war es ein lukratives Geschäft, da sie gleich zweimal Provisionen kassierten. Einmal für den Tilgungsträger, einmal für die Vermittlung des Kredits. Starke Anreize also, um derlei Konstrukte unters Volks zu bringen.

Peter Kolba vom Verein für Konsumenteninformation geht mit den heimischen Banken deswegen hart ins Gericht. Die Institute hätten den Strukturvertrieben ordentliche Provisionen bezahlt, wenn es ihnen gelang, Kunden zu gewinnen. Er spricht von einem „glatten Sündenfall der Banken“. In ihnen sieht er Komplizen, die sich „null ausreden können“. Einem normalen Häuslbauer hätte man ein derartiges Spekulationsgeschäft jedenfalls „nie und nimmer“ anraten dürfen, kritisiert Kolba. Er wirft den Banken darüber hinaus vor, die überwiegende Anzahl der Kunden falsch beraten zu haben.

Bürger wie Banken gaben sich damals der Illusion hin, dass ein starke Volatilität der Märkte zwar in der Theorie möglich, in der Praxis aber unwahrscheinlich ist. Im Gespräch vergleicht ein Banker das Risiko eines Fremdwährungskredites mit einem Segeltörn am Meer. Der Ozean kann zur Todeszone werden, wenn ein Unwetter naht. In der Theorie ist das zwar jedem klar. Doch solang die Sonne scheint, wird das Szenario nicht in Erwägung gezogen, mögliche Gefahren weit weg in die Zukunft verschoben.

Auch viele Banken konnten oder wollten den Ernstfall nicht durchspielen. In ihrer Vergabe waren sie zu großzügig, in ihrer Informationspolitik oft zu lax.


Reich oder nicht? Die einen sagen, dass Darlehen an Bürger vergeben worden seien, die sich diese Kredite eigentlich nicht leisten konnten. Die anderen meinen, es möge sich angesichts niedriger Ausfallraten doch eher um eine wohlhabendere Klientel gehandelt haben. Doch das mit den Ausfallraten ist so eine Sache. Mehr als 80 Prozent der Darlehen sind endfällig. Rund zwei Drittel haben heute noch eine Restlaufzeit von bis zu 15 Jahren. 41 Prozent werden in bis zu zehn Jahren fällig. Ein Franken-Kredit sei im Grunde nur etwas für jene gewesen, die Verluste auch hätten aussitzen können, sagt einer, der es wissen muss. Vermögensverwalter Johann Massenbauer gilt in Österreich als „Erfinder des Fremdwährungskredits“, er hat diesen schon Anfang der 90er Jahre verkauft. „Meine Meinung war immer, dass ein Fremdwährungskredit nur etwas für jemanden ist, der das Risiko wirtschaftlich auch erträgt.“ Die Idee an sich, eine Immobilie in fremder Währung zu finanzieren, sei aber nicht schlecht gewesen, sagt Massenbauer. Andernfalls gäbe es zahlreiche Liegenschaften nicht.

Und was taten die Behörden? Laut Kolba, der von einem „völligen Versagen der Aufsicht“ spricht, viel zu wenig. Die Finanzmarktaufsicht warnte seit 2002 vor Fremdwährungskrediten und verpflichtete die Banken, Mindeststandards umzusetzen. Der Neuvergabestopp folgte erst 2008, rechtlich war er vorher nicht möglich. Später kam der Wunsch an Banken und Verbraucher, die Darlehen in Euro zu konvertieren. Heute dürfen Fremdwährungskredite nur noch an sehr Reiche vergeben werden, an Personen mit einem „außergewöhnlich hohen Vermögen“. Für den gemeinen Häuslbauer ist das Instrument tabu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2015)

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