Einkaufswagen: Ein deutscher Drahtesel feiert Jubiläum

Vor 60 Jahren rollte der erste "stapelbare Einkaufswagen" in einem deutschen Supermarkt, die 20 Wägen hat die Firma Wanzl aus dem bayerischen Leipheim geliefert. Heute ist Wanzl damit Weltmarktführer.

Einkaufswagen
Einkaufswagen
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Wien. Er trägt die gesamte Konsumgesellschaft auf dem Buckel und muss damit im Laufe seines Lebens die Strecke von der Erde bis zum Mond zurücklegen. Seine Lebenserwartung ist entsprechend kurz, als Achtjähriger wird er in einer Stahlschmelze wieder terminiert: Der Einkaufswagen, eine drahtige Erfindung des Massenkonsums, feiert Geburtstag in Europa. Vor 60 Jahren rollte der erste „stapelbare Einkaufswagen“ in einem deutschen Supermarkt, die 20 Wägen hat die Firma Wanzl aus dem bayerischen Leipheim geliefert. Heute ist Wanzl damit Weltmarktführer.

Das Wagerl, das die Kunden als herrenloses, banales Drahtgestell betrachten, hat mehr Bedeutung, als man ahnen möchte: „Schauen Sie sich in fremden Ländern die Einkaufswägen an, und Sie wissen, wie die Gesellschaft tickt“, betont WU-Handelsprofessor Peter Schnedlitz gerne in seiner Vorlesung.

Ein Wagerl in Tokio, das einem kleinen eisernen Vogelnest mit langen Stelzen gleicht, kann es nicht mit einem 400-Liter-Shopping-Cart in Long Island vor New York aufnehmen. Die Genügsamkeit und Kleinteiligkeit der Japaner steht dem Einkaufswahn der Amerikaner diametral gegenüber.

 

Im Norden sind Wägen größer

Bei uns in Österreich sind die Wägen kleiner als in Nordeuropa, aber größer als in mediterranen Ländern. Das Nord-Süd-Gefälle verläuft interessanterweise in Amerika genau umgekehrt. Dafür gibt es gesellschaftspolitische Erklärungen: „Kleine Einkaufswägen zeigen, dass Frauen wenig berufstätig sind und öfter einkaufen gehen können. Die Größe des Wagens ist auch ein Kaufstimulus, genauso wie die Größe des Ladens“, zitiert Schnedlitz aus Studien. 1970 hatten noch 90 Prozent der Geschäfte weniger als 100 Quadratmeter, jeder neue Billa hat heute die zehnfache Fläche. Einkaufswagen wären nicht mehr wegzudenken.

 

Wien: 250.000 Wägen gestohlen

Mit 50 Millionen Stück ist das scheppernde Eisengefährt nach dem Automobil der am meisten benützte Wagen auf vier Rädern. Jährlich werden sieben Millionen Stück neu produziert. „Allein in Österreich gibt es 800.000 Wägen, wir haben dabei die weltweit höchste Dichte“, erklärt Franz Brosch, Chef der Wanzl-Niederlassung in Wien-Liesing.

Das hätte sich Erfinder Sylvan Goldman aus Oklahoma im Jahr 1937 nicht träumen lassen. Der Ladeneigentümer war auf Kundenfreundlichkeit aus. Und stellte einfach einen Einkaufskorb auf einen rollbaren Kindersessel. Ein unpraktischer Vorfahre der modernen Geräte.

„Der Clou an den heutigen Geräten ist ja, dass man sie platzsparend ineinanderschieben kann“, sagt Brosch. Diesen „stapelbaren Korb“, der heute „sogar im Internet als Symbol für das Einkaufen“ dient, hatte der heutige Weltmarktführer und Firmengründer Rudolf Wanzl im Jahr 1950 patentieren lassen. Später erfand er auch das Pfandsystem für Einkaufswägen, um den Diebstahl einzudämmen.

Dennoch werden allein in Wien durchschnittlich 250.000 Einkaufswägen pro Jahr gestohlen – einer kostet immerhin 150 Euro – und landen etwa als Grillrost auf der Donauinsel. Eine derartige Zweckentfremdung könnte vorbei sein, wenn der Einkaufswagen in die nächste Generation geht: Dann sollen die Wagen aus Plastik sein.

Dies wäre notwendig, um aus dem Einkaufswagen einen rollenden Kassierer zu machen. Ein neues System könnte nämlich dafür sorgen, dass eingekaufte Produkte über einen integrierten RFID-Chip gescannt werden und kein klassisches Kassieren mehr nötig wäre.

 

Generation Kunststoff

Dazu müssen die Einkaufswägen aber aus Kunststoff gebaut sein. Der Stahl würde das Chip-Signal stören. Das System ist derzeit zwar noch zu teuer. Dies könnte sich jedoch schon in einigen Jahren ändern, sagt Handelsforscher Schnedlitz voraus.

auf einen blick

Der erste„stapelbare Einkaufswagen“ rollte vor 60 Jahren in einem deutschen Supermarkt. Die 20 Wägen kamen von der bayrischen Firma Wanzl. Heute ist Wanzl – später auch Erfinder des Pfandsystems für Einkaufswägen – damit Marktführer. Jährlich werden sieben Millionen Stück neu produziert. Allein in Österreich gibt es 800.000 Wägen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2009)

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