Chef russischer Ratingagentur: „Es würde Pioniere brauchen“

Die russische Ratingagentur NRA startet ihre Europa-Aktivitäten von Wien aus. NRA-Chef Tschetwerikow über die politische Färbung von Ratings, die Ambition der Chinesen und den versäumten Moment der Europäer.

Viktor Tschetwerikov
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Viktor Tschetwerikov – (C) NRA

Die Presse: In Russland agieren vier lokale Ratingagenturen und drei internationale. Mit welchen konkurrieren Sie?

Viktor Tschetwerikov: Mit allen. Seit etwa 2009 gewinnen russische Agenturen weiter Marktanteile. Wir vergeben nicht nur Kreditratings an Firmen und Emittenten, sondern beurteilen auch Branchen und Regionen.

Es springt ins Auge, dass Europa mit dem Plan, den drei großen US-Agenturen Fitch, Moody's und S&P eine eigene entgegenzustellen, nicht vorankommt. Können oder brauchen es die Europäer nicht?

Natürlich können sie es. Wir wissen das, denn wir sind Mitglied der Assoziation europäischer Ratingagenturen, die ungefähr 30 lokale Agenturen vereinigt.

Aber diese verstehen sich ja nicht als globale Konkurrenz zu den drei Großen.

Stimmt. Und auch wir konkurrieren bislang mit den drei Großen nur im Inland. In Russland ist die Situation wohl speziell. Die ESMA (European Securities and Markets Authority) und internationale Regulatoren verlangen ja Ratings nicht mehr unbedingt. Ratings sind daher ein freiwilliger Schritt der Firmen selbst – etwa zum Marketing oder bei einem Börsengang. In Russland aber werden Ratings vom Regulator verlangt.

Nochmals: Warum hat Europa bislang keine eigene Großagentur aufgebaut?

Es würde Pioniere brauchen.

Wurde der beste Moment dafür versäumt?

Ja. Man hätte das 2009/2010 schaffen müssen, als man an der Finanzkrise noch die Fehler der drei Großen sah und es für besser hielt, möglichst viele Beurteilungen zu haben. Jetzt kommen neue Spieler – so die chinesische Dagong, die über ihr italienisches Büro die EU-Akkreditierung bekommen hat.

 

Dagong hat im Vorjahr angekündigt, mit Ihrem russischen Konkurrenten RusRating eine globale Agentur hochzuziehen. Das Projekt scheint aber zu stocken.

Dagong hat alle BRICS-Länder zur Teilnahme eingeladen. Aber nur RusRating hat zugesagt. Die anderen wollten offenbar nicht mit den Chinesen. Auch die Kooperation mit den Russen kommt nicht sehr voran, denn Dagong entwickelt sich allein mit hohem Tempo, RusRating ist dafür nicht wichtig.

 

Ist Dagong allein ernst zu nehmen?

Ja, unbedingt.

Russland verdächtigt die drei US-Agenturen, das souveräne Rating Russlands und seiner Firmen bewusst niedriger zu bewerten. Eine Verschwörungstheorie?

Die Experten sind hier geteilter Meinung. Der Eindruck drängt sich auf, dass die großen drei gewisse andere Schablonen für Russland anwenden. Die finanzökonomischen Kennzahlen bei uns wurden in den vergangenen Jahren ja nicht wesentlich schlechter und haben nicht das tiefe Niveau der Jahre 2008/2009 erreicht. Damals aber war das Rating Russlands tatsächlich höher. Jetzt ist es so hoch wie im Jahr 2004, als sehr viele Wirtschaftsreformen erst begannen und der Reservefonds anzuwachsen begann.


Stellt sich also die Frage, was den Agenturen an der jetzigen Situation nicht passt.

Genau. Und da muss man sagen, dass es neben den durchaus vorhandenen negativen Tendenzen in der Wirtschaft nur die politische Situation sein kann.

Eine Ideologisierung in dieser Branche ist also nicht auszuschließen. Nun umgekehrt: Warum sollen wir einer russischen Agentur glauben, zumal wir hinter allem Russischen den Kreml sehen?

Ich muss betonen, dass es in Russland immerhin noch keine staatliche Agentur gibt, die Bewertungen also unabhängig sind. Und ich muss sagen, dass der Kreml und die Regierung sehr den Rat unabhängiger Experten suchen. Zu Europa: Ich schließe Vorurteile uns gegenüber nicht aus. Gleichzeitig muss ich festhalten, dass es gegenüber den US-Ratingagenturen in Russland keine negative Einstellung gibt – zumindest was die Firmenratings betrifft. Denn alle unsere Firmen, die auf den internationalen Finanzmarkt gingen, haben internationale Ratings. Daran wird sich nichts ändern.

Warum haben Sie als Niederlassung Wien gewählt?

Abgesehen von der persönlichen Vorliebe: Zum einen hatte Österreich immer eine verständlichere Position gegenüber Russland...

Sie meinen, weil Österreich eher gegen die Sanktionen war?

Darum geht es nicht, auch die Slowakei war dagegen. Österreich nahm in Europa immer eine ziemlich unabhängige Position ein. Und sie scheint vom Hausverstand getragen. Man bricht auch jetzt nicht mit Russland, Verträge werden höchstens aufgeschoben. Es ist attraktiv, dass die Politik diesbezüglich etwas sekundär ist. Außerdem hat Österreich keine eigene Ratingagentur, viele russische Firmen sind hier aktiv. Und es ist von hier aus leichter, Osteuropa zu bearbeiten.

Immer öfter heißt es, das Ärgste der Wirtschaftskrise in Russland sei überstanden. Was denken Sie?

Kleine Siege zu feiern ist immer schön. Aber bedeutende Verbesserungen kann ich im Großen und Ganzen nicht sehen. Es ist zu früh für ein Urteil. Man muss das Jahresende oder zumindest den Herbst abwarten. Dann werden wir sehen, wie sehr es dem Staat gelingt, die Inflation im Zaum zu halten. Der Herbst ist für Russland immer entscheidend.

PERSON UND UNTERNEHMEN

Viktor Tschetwerikow (46) ist Gründer und Chef der National Rating Agency (NRA), der zweitgrößten unter den vier russischen Agenturen. Zuvor war der langjährige Bankmanager von 2002 bis 2006 Vize-Vorstandsvorsitzender der Nationalen Vereinigung der Wertpapiermarktteilnehmer (NAUFOR).

Die Ratingagentur NRA vergibt Ratings derzeit nur in Russland. Der Antrag um eine EU-Lizenz wird heuer eingebracht. Vorerst werden von Wien aus Branchenanalysen für Russland angeboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2015)

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