Analyse: Was Griechenland von Islands Bankrott lernen kann

Erstes Hilfspaket: gescheitert. Zweites Hilfspaket: gescheitert. Drittes Hilfspaket: gerade geschnürt. Sollte auch Nummer drei scheitern, kann Athen von Island lernen. Das hat nach dem Staatsbankrott einen Neustart geschafft.

(c) EPA (SIGURDUR J. OLAFSSON)

Wien. Jetzt ist also Rettungspaket drei für Griechenland geschnürt (maximal 86 Mrd. Euro). Mit 400 Mrd. Euro sind die griechischen Staatsschulden inzwischen zwar mehr als doppelt so hoch wie 2009. Trotzdem: Nach dem monatelangen politischen Hickhack und dem Chaos in den Verhandlungen mit der eigenwilligen Links-rechts-Koalition in Athen klingt die Einigung auf Paket drei wie ein Erfolg.

Dabei ist es das exakte Gegenteil, so die Experten des unabhängigen kanadischen Anlageberaters Ice Cap: Denn die Notwendigkeit eines dritten Rettungspakets ergibt sich ja nur, weil die ersten zwei Rettungs- und Reformversuche gescheitert sind.

Vor diesem Hintergrund unterstrich am Montag auch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF, erneut, dass sie selbst nicht mehr an die Rückzahlung der griechischen Staatsschulden glaubt – und weiterhin einen Schuldenschnitt fordert (es wäre der zweite). All das sollte schon zu denken geben. Wie soll aus einem Land, das seit fünf Jahren mit Notkrediten am Leben gehalten wird, noch eine Erfolgsgeschichte werden? Nur extreme Optimisten können noch daran glauben, dass Griechenland das dritte Hilfspaket zurückzahlen kann, ohne dafür ein viertes zu benötigen.

 

„Niemand gab Island Geld“

Die Experten von Ice Cap Management sind keine derartig Extrem-Optimisten. Sie haben die Entwicklung Griechenlands mit jener in Island verglichen – und ziehen sehr eindeutige Schlüsse. „Es ist für Griechenland unmöglich, seine Schulden zurückzuzahlen“, schreibt IceCap-President Keith Dicker in einer Analyse.

Es gibt aber eine Lösung: Island. Der kleine Inselstaat in Nordeuropa hat in der Krise alles anders gemacht als die EU und Griechenland – und es hat funktioniert. „Island war das erste Land, das in der Finanzkrise umgefallen ist. Und niemand ist Island zu Hilfe gekommen. Im Gegenteil“, so Dicker.

Tatsächlich war das komplett verrückt gewordene isländische Bankensystem Briten und Europäern lang ein Dorn im Auge. Isländische Banken, die im Vorfeld der Krise massiv expandierten, boten zum Teil doppelt so hohe Zinsen wie ihre Konkurrenten auf dem Festland oder den britischen Inseln. Als die Lage 2008 eskalierte, ließ die Hüterin der Weltwirtschaft die kleine Insel einfach fallen. Die US-Zentralbank Federal Reserve versorgte damals fast alle Zentralbanken mit Dollar – über Notfallskanäle. Island bekam keinen Zugang.

„Niemand wollte Island Geld geben – das Land war offiziell pleite. Die Flüsse wurden austrocknen und die Geysire verebben, hat es damals geheißen. Aber stattdessen ließ die Regierung die Banken kollabieren und die Währung um rund 70 Prozent abwerten. Die Rückzahlung der Schulden wurde eingestellt. Und am Ende gingen sogar Banker ins Gefängnis“, so Dicker.

Das Ergebnis: Die Inflation stieg teilweise auf 20 Prozent. Viele Isländer haben ihren Job verloren. Aber schon 2009 konnte das Land den Weg einer echten Erholung einschlagen. Heute liegt die Wirtschaftsleistung Islands nur drei Prozent unter jener des Jahres 2008. Griechenland hat bereits ein Drittel seiner Wirtschaftsleistung verloren. Die Talfahrt geht trotz (oder wegen?) der Rettungspakete weiter.

Sicherlich hat Island einen „moderneren“ Staat und weniger Korruption als Griechenland. Aber das Land hat die Krise ihre Arbeit tun lassen. Die Regierung hat die Banken nicht gerettet und sogar die Banker bestraft. Und heute steht Island solide da. Bleibt die Frage: Wann wird diese Lektion in Athen, Brüssel oder Berlin ankommen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2015)

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