Europas Banken sind ein Fehler im System

Neuere Daten zeigen: Ein Finanzsystem, das von Banken statt vom Kapitalmarkt dominiert ist, hemmt das Wachstum und erhöht das Risiko. Für Europa ein Problem. Denn nur hier ist der Bankensektor viel größer geworden.

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Bis vor Kurzem haben wir uns die Geschichte anders erzählt. Es klang leicht melancholisch, schicksalsergeben und doch beruhigend: Wir können in Europa stolz auf unsere tollen Banken sein. Leider hat sie damals das verrückte Treiben auf dem amerikanischen Kapitalmarkt böse angesteckt und uns, fast unschuldig, in eine globale Finanzkrise hineingerissen. Und dann haben wir in der Eurozone eben das politische Pech, dass wir mit wachsenden Schulden in der Krise nicht so leicht zurande kommen werden wie die USA. Denn die Staatsfinanzen Amerikas sind eine Festung, die kaum zu stürmen ist. Aber wenn sich Länder wie Griechenland, aber auch Spanien oder Italien stark verschulden müssen, leiden sie lang unter dem schweren Joch, das ihnen Anleiheinvestoren aufbürden. Wie gut, dass wir so viele Banken haben, die ihren Firmenkunden die Treue halten und ihnen auch in schweren Zeiten mit Rat und Kredit zur Seite stehen.

Müssen wir die Geschichte heute neu erzählen? Ökonomen kommen immer öfter zu dem Schluss: Es tut den Europäern nicht gut, wenn sie – als Sparer wie als Kreditnehmer – so stark auf ihre Banken vertrauen. Auch Politiker, Regulatoren und Notenbanker springen auf diesen Zug auf. Denn neuere Daten zeigen: Für das Wachstum einer Volkswirtschaft ist es nicht egal, ob sich ihr produktiver Sektor vor allem über Kredite von Banken (wie in Europa) oder aber über den Kapitalmarkt finanziert, also über Aktien, Unternehmensanleihen oder Risikokapital (wie in den USA). Ein System, in dem Banken dominieren und andere Finanzierungsformen unterentwickelt sind, ist im Nachteil: Das Wachstum fällt dort niedriger aus. Vor allem dauert die Erholung nach einer Krise viel länger. Damit aber hat Europa ein Problem. Denn es ist die einzige Weltregion, in der seit Anfang der Neunzigerjahre die Bilanzsumme der Banken in Bezug zur Wirtschaftsleistung massiv gestiegen ist. „Bank bias in Europe“ nennt das Marco Pagano. Der italienische Ökonom hat den Forschungsstand zu Gründen und Folgen dieser Verzerrung in einer EZB-Studie dieses Titels pointiert zusammengefasst.

Wie aber lässt sich der Zusammenhang zwischen starken Banken und schwachem Wachstum erklären? Zunächst ist klar: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht es auch den Banken nicht gut. Sie müssen einen Teil der alten Kredite abschreiben und sich bei der Vergabe neuer einschränken. Damit wirken sie „prozyklisch“. Aber ist das bei Investoren auf dem Kapitalmarkt denn so sehr anders? Auch sie müssen ja zurückstecken, wenn sie gerade viel Geld verloren haben.

Kleine Schocks, große Wirkung

Tatsächlich hat das Argument von Pagano einen schärferen Dreh: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, dann geht es den Banken noch viel schlechter. Der Effekt ist nicht linear. Kleine „Schocks“ zeigen in diesem Sektor große Wirkung. Für die Verstärkung sorgen der Hebel in den Bilanzen und Immobilienblasen. Zunächst zum Hebel: Der Anteil des Eigenkapitals ist in Bankbilanzen gering – früher meist fünf bis zehn, heute zehn bis 15 Prozent –, weil sich die Geldhäuser stark über Einlagen der Sparer und damit über Fremdkapital finanzieren. Aber gerade dadurch haben die Eigenmittel eine hohe Hebelwirkung für die Kreditvergabe. Die Banken legen diese Mittel an, in Aktien, Anleihen und andere Vermögenswerte. Wenn deren Wert im Abschwung nur ein wenig sinkt, so Pagano, habe das starke Auswirkungen auf das mögliche Kreditvolumen.

Noch härter trifft es eine Volkswirtschaft mit großem Bankensektor, wenn eine Immobilienblase platzt – wie man in Irland oder Spanien gesehen hat. Für Banken sind Häuser, Wohnungen und Grundstücke das übliche Pfand für Darlehen. Wenn deren Wert massiv einbricht, ist auch der Wert der Kredite zu korrigieren. Noch bevor die geplatzte Blase sich auf die Konjunktur auswirkt, sind schon die Banken heftig betroffen. Sie verstärken den Abschwung.

So weit, so plausibel. Aber warum verstärken Banken dann nicht auch spiegelbildlich den Aufschwung? Das könnte den Nachteil ja über den Konjunkturzyklus ausgleichen. Aber so läuft es leider nicht, zeigen Pagano und sein Koautor, Sam Langfield, anhand empirischer Daten: Banken verstärken nur in die negative, nicht in die positive Richtung. Erklären lasse sich das so: Was eine Wirtschaft nachhaltig wachsen lässt, sind letztlich rentable Projekte. Das können etwa Innovationen von Unternehmen sein, die für höhere Produktivität sorgen, oder auch einfach der Bau von Häusern in noch unverbauten, sehr guten Lagen.

Seltsame Asymmetrie

Da in einer konjunkturellen Baisse wenig Kredite vergeben werden, kommen nur die profitabelsten Projekte zum Zug. Wenn dann im Boom die Banken wieder aus vollen Händen Kredite vergeben, sind die besten Ideen schon realisiert und die besten Lagen verbaut. Mit anderen Worten: Jeder Euro Kredit, der im Boom dazukommt, bringt relativ wenig Zusatzertrag, während jeder Euro, der in der Krise zusätzlich wegfällt, schmerzlich fehlt, weil er ein relativ profitables Projekt finanziert hätte. So entstehe die seltsame Asymmetrie.

Laut Pagano fallen all diese Nachteile weg, wenn Banken, so wie in den USA, als Financiers der Realwirtschaft eine geringere Rolle spielen. Sie unterstützen dort in der Regel nur kleinere Unternehmen. Größere Investitionen laufen meist über den Kapitalmarkt, auf dem die skizzierten Fallen fehlen.

Aber was ist mit der viel gepriesenen Kunde-Bank-Beziehung? Die Institute verweisen ja gern darauf, dass sie ihre langjährigen Firmenkunden in der Krise nicht im Stich lassen. Denn sie kennen ihre Qualitäten und vertrauen darauf, dass es ihnen nur vorübergehend an Liquidität mangelt. Und das in Zeiten, in denen ein anonymer Investor vom Kapitalmarkt, der nur die roten Zahlen sieht, keinen Cent in dieses Unternehmen stecken würde. Demnach müsste die Bankenfinanzierung in der Krise ein Segen sein.

Pagano räumt das auch ein. Aber dieses Relationship Banking funktioniert nur bei einer engen Bindung an nur ein Institut. Und das gebe es nicht oft: In einem Sample von über 1000 Firmen in 22 Ländern Europas zeigte sich, dass nur 14 Prozent sich von einer einzigen Bank Geld holten, weitere 19Prozent von zwei.

Ist Pagano mit seinen Thesen ein Rebell unter den Finanzexperten? „Die Befunde sind ziemlich konsistent“, erklärt der Forscher im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ gelassen. Modelliert hätten diese Zusammenhänge manche seiner Kollegen schon vor längerer Zeit, etwa Ben Bernanke in den 1990er-Jahren, lang vor dessen Zeit als US-Notenbankchef. Aber nun stimmten auch die Daten mit diesen Modellen erstaunlich gut überein.

Damit dürfte die Skepsis gegenüber der Dominanz von Europas Banken im „Mainstream“ der Ökonomen angekommen sein – wie auch in der Politik und bei den Regulatoren. Viele Initiativen der vergangenen Jahre weisen in diese Richtung: die „Too big too fail“-Debatte, die strengeren Eigenkapitalvorschriften, das geforderte Schrumpfen der Bilanzsummen – und auf der anderen Seite die von Brüssel propagierte Kapitalmarktunion, das Crowdfunding-Gesetz und der Ruf nach Wagniskapital als alternativer Finanzierungsquelle für innovative Unternehmen. Hinter all dem steht das wachsende Unbehagen durch die Abhängigkeit der Wirtschaft von ihren Banken. „Vor zehn Jahren“, betont Pagano, „waren noch fast alle Politiker davon überzeugt, dass ein bankendominiertes System eindeutig vorteilhaft sei. Das ist jetzt eine echte Kehrtwende.“

Weltgrößter Bankensektor

Zu verdanken ist sie auch der neuen Datenlage. Warum hat sie sich geändert? Immobilienblasen treten nun häufiger und heftiger auf. Vor allem aber haben sich die Unterschiede im Finanzsystem verschärft. Europa hat das größte Bankensystem der Welt. 2013 machten seine Bilanzsumme 334 Prozent des BIPs aus, fast dreimal so viel wie in den USA. Dort hat sich das Verhältnis seit eineinhalb Jahrhunderten wenig verändert. In Europa aber ist es seit den 1960er-Jahren deutlich angestiegen und seit Anfang der Neunzigerjahre regelrecht explodiert (während der Kapitalmarkt kaum gewachsen ist). Wie kam es dazu?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Thomas Piketty, der neue Star unter den „linken“ Ökonomen, wittert dahinter den stark steigenden Reichtum der Reichen, die ihr Vermögen von Banken anlegen lassen. Doch Pagano findet diesen Zusammenhang nicht in den Daten: Die Bilanzsummen der Banken sind auch ungleich stärker gestiegen als die Vermögen. Für den Italiener, der an der Universität Neapel lehrt, liegt die Ursache in nationalistischer Politik und schwach gehaltener Regulierung: „Als sich mit der Währungsunion die Grenzen öffneten, wollte jedes Land seine nationalen Champions schaffen.“ Sie sollten groß und erfolgreich genug sein, um den Markteintritt ausländischer Banken abwehren zu können. Am liebsten unterstützte der Staat seine eigenen Institute: deutsche Landesbanken, spanische Cajas oder die Hypo Alpe Adria.

Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ schwärmten die Banken in neue Märkte und Geschäftsfelder aus: Die österreichischen eroberten den Osten, die deutschen investierten glücklos im Süden. Irische und spanische Häuser pumpten fatale Immobilienblasen auf. Die Briten entdeckten derweil den Eigenhandel mit Wertpapieren als lukratives Geschäft, vor allem auch jenseits des Atlantiks. So entstanden Europas Monsterbanken, wie Pagano sie nennt, denen die Aufseher bald nicht mehr gewachsen waren. Wie aber lässt sich das „Monster“ bändigen, nachdem es sich fix etabliert hat? „Das ist leichter gesagt als getan“, gibt der Professore zu. Die vielen Maßnahmen der Aufseher und der Politik gehen für ihn zwar in die richtige Richtung. Aber es lauern Fallen.

Neue Möglichkeiten zur direkten Kreditvergabe laden zur regulatorischen Arbitrage ein: Banken machen das Geschäft selbst und umgehen so die strenge Aufsicht. Oder sie legen sich gegen Reformen quer, wenn sie Einbußen fürchten. „Die Banken sind sehr mächtig und können den Prozess an sich reißen.“ Die Korrektur werde lang dauern, „eine ganze Generation“, das Ergebnis sei ungewiss. „Ich hoffe, dass die Politik auf Kurs bleibt – auch gegen den Willen der Banken.“

In Zahlen

334

Prozent des BIP
machen die Bilanzsummen von Europas Banken aus (Stand 2013). Ende der 80er-Jahre waren es 180 Prozent, in den 60er-Jahren nur 70 Prozent.

115

Prozent des BIP
ist der Vergleichswert für die USA – kaum mehr als ein Drittel. Er ist seit dem 19. Jahrhundert nur wenig gewachsen.

Zum Nachlesen

„Bank Bias in Europe: Effects on Systemic Risk and Growth“
von Sam Langfield und Marco Pagano
EZB-Studie, im Internet abrufbar.

„Unser Wohlstand und seine Feinde“ von Gabor Steingart (über die „Allianz“ von Staat und Banken). Verlegt bei Knaus, München 2013.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2015)

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