Heliskiing: Der Flug zum Schnee

Heliskiing ist ein teures, elitäres Vergnügen. Für den einzigen Anbieter aus Österreich geht es aber nicht nur um die Bespaßung von Skifreaks, sondern um das Bewegen von Mensch und Maschinen in der betriebsarmen Zeit.

HELISKIING IN KANADA
HELISKIING IN KANADA
Groß ist der Markt für Heliskiing nicht. In Österreich kommt man auf etwa 2000 Leute. – APA

2000 Leute sind kein großer Markt. Das weiß auch Gerhard Huber. Aber mehr, sagt Huber, seien da eben nicht. Nicht, weil es in Österreich nur 2000 Menschen gäbe, die sich einen Winterurlaub um 7000 Euro leisten können. Nicht, weil es in Österreich nur 2000 gute Skifahrer gibt. Aber verbindet man diese Summe mit diesem Können, ergibt das eine Zahl: 2000. Schließlich müsse man ja auch „Zeit“, „Lust“ und „Familie“ einbeziehen: „In Summe bleibt dann diese Gruppe übrig“, sagt der Geschäftsführer der Wucher-Holding.

Und auch wenn der österreichische Liftadel bei so einer Zielgruppengröße nicht einmal mit dem kleinen Finger zucken würde, sei das kein Grund, dass er, Huber, an seinem Produkt zweifeln würde: „Denn auch bei einer hundertprozentigen Auslastung könnten wir hier nicht mehr als 160 Gäste pro Saison betreuen. Und obwohl wir auch diese Auslastung nicht haben: „Die Sache rechnet sich.“

„Die Sache“ ist für Huber mehr als ein Geschäftszweig – es ist eine Herzenssache: „Mir macht es wahnsinnigen Spaß.“ Seit 2012 hat Huber Spaß im Kaukasus. Denn hier bietet das Ludescher Helikopter-Unternehmen Wucher Heliski-Wochen an, durchgeführt von Gudauri Heliskiing, einer Tochter der Wucher-Holding.

In Gudauri – drei Autostunden von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernt – hat Skifahren Tradition. Mit starkem Österreich-Bezug: Die Lifte, an denen man eine Stunde, bevor man zur Heliski-Lodge kommt, vorbeifährt, haben schon etliche Jahre Dienst getan. In Österreich.


Kaukasus und Arlberg. Und schon bevor die Vorarlberger hier mit ihren Hubschraubern anrückten, war Gudauri ein Kult-Spot für Austro-off-Piste-Fans: Schon vor zehn Jahren konnte man hier Heliskiing betreiben, ebenfalls mit Gerät, das sein zweites Leben führte: mit ausgemusterten russischen Armeehubschraubern. Geflogen von Ex-Militärs. Mit bis zu 30 Skifahrern an Bord und nicht immer kundigen Bergführern ein echtes Abenteuer. Finanzierbar, aber nicht ganz der Nervenkitzel, den sich eine Klientel erwartet, die für eine Woche (Nicht-)Pistenzauber 7000 Euro – oder, wenn man den Heli nicht mit anderen teilen will, 60.000 Euro – hinlegt. Und die meist bei Wucher in Österreich auf den Geschmack gekommen ist.

Schließlich bieten die Vorarlberger als einzige Heliskiing in den heimischen Alpen an: am Arlberg. Wobei dieser 400-Euro-Spaß (zuzüglich Bergführer) dem Kaukasus weder Wasser noch Schnee reichen kann. Einmal vom Flexenpass (1733 Meter) auf einen der beiden „erlaubten“ Gipfel (Mehlsack, 2651 Meter; Schneetäli, 2652 Meter) zu hüpfen, ist mit echtem Heliskiing nicht vergleichbar: Start vor der Hoteltür auf 1900 Meter. Dann ein „Drop off“ in der Region um den georgischen Nationalgipfel Kasbek (5033 Meter) nach dem anderen. Bis zum Abwinken. Aber statt auf alt-russischem eben auf österreichischem Niveau, was Sicherheit bei Technik, fliegendem und alpinem Personal angeht.

Doch nur aus Liebe zum georgischen Pulverschnee, und weil es sich trotz kleinem Markt rechnet, schnallen die Vorarlberger nicht eine AS 350 B3 Ecureuil und eine SA 315B Lama auf Sattelschlepper und bringen sie samt Piloten, Technikern und Bergführern an die Grenze zu Asien. Und nur wegen ein paar Luxusgästen tut man sich nicht alle paar Jahre das Umwelt-Genehmigungsverfahren für die Spaß-Fliegerei an: Das hat auch handfeste, betriebliche Gründe.

Skifliegen ist für das Familienunternehmen mit 50 Mitarbeitern Beiwerk. Prestige- und imageträchtig sind die Flugstunden in Gudauri und am Arlberg schon. Aber in der Bilanz nur Deko zu den zehn Millionen Euro, die die elf Helikopter einfliegen, die für Alexandra Wucher und Monika Huber, die Töchter des Firmengründers Hans Huber, in die Luft gehen. Spezialisiert auf hochalpine Einsätze: Menschen transportiert man zwar auch, aber öfter als fröhliche Reiche oder Daniel Craig bei James-Bond-Drehs im Ötztal hat man es da mit einer anderen „Kundschaft“ zu tun: Unfallopfer.

Das Hauptgeschäftsfeld liegt aber dort, wo Hans Huber 1954 sah, was der Hubschrauber im Gebirge kann: Anlässlich einer Lawinenkatastrophe erkannte der Bauunternehmer, wie rasch und effizient Helikopter Material und Ausrüstung an die unwegsamsten Orte bringen. Wuchers Baustellen lagen oft im Hochgebirge: 1975 kaufte er seine erste SA 315B Lama.

Mittlerweile sind es elf Maschinen. Außerdem hat Wucher einen Heli-Instandhaltungsbetrieb, der neben der eigenen Flotte auch für das Innenministerium oder die deutsche Rettungsflugwacht Service- und Wartungsarbeiten übernimmt. Haupt- und Kerngeschäft sind aber alpine Transport- und Materialflüge. Beim Bau von Liftanlagen, Berghütten oder Lawinenverbauungen oder bei Spezialaufträgen wie dem Ausasten von Strom- oder Lifttrassen mit einer „fliegenden Säge“.


In Österreich verboten. Dennoch sind die Spaßflüge wichtig. Sie wären es auch, wenn die Ski-Zielgruppe noch kleiner wäre: Am Berg wird gebaut, solange es weder schneit noch allzu winterlich ist. Nur: Wie kommen Helikopter und Mitarbeiter in der toten Zeit auf Einsatz- und Flugstunden? Genau: per Heliskiing. Die Sache hat nur einen Haken: Heliskiing ist in Österreich verboten (Schneetäli und Mehlsack ausgeklammert.) Das war nicht immer so: „In den Achtzigern“, erinnert sich Huber, „wurden an Wochentagen 40, am Wochenende 20 Gipfel angeflogen.“ Peter Haßlacher, Chef der Raumplanungs- und Naturschutzabteilung des Österreichischen Alpenvereins, spricht von „über 50 Landezonen zwischen Arlberg und Montafon“. Die Unternehmen – nicht nur Wucher – wollten auch nach Ischgl und Galtür. Der Markt wuchs.

Mit ihm die Widerstände: Im Gegensatz zu den unbewohnten Tälern hinter Gudauri, den Weiten Alaskas, Kanadas oder Kamtschatkas sind die heimischen Alpen vergleichsweise dicht besiedelt. Der Alpenverein stieg auf die Barrikaden und prangerte die Verlärmung der Alpen an. Schützenhilfe bekam er von in Naturschutzfragen ungewohnter Seite: Am Arlberg gibt es seit dem Bau des Eisenbahntunnels Ende des 19. Jahrhunderts Gewerkschaftshäuser und Eisenbahnerheime. „Es hatte immer etwas angenehm Egalitäres, dass Reiche und Arbeiter gleich schwitzen mussten, um die Berge zu genießen. Bis die Hubschrauber kamen“, ortet Promi-Bergführer Thomas Schnabel hinter dem Heli-Zwist eine Portion Klassenkampf.


Ungewohnte Allianz. Ob Legende oder nicht: Sowohl die Tiroler als auch die Vorarlberger Landespolitik erkannte, dass eine Allianz aus Alpenverein und Gewerkschaft gesellschaftliches Konfliktpotenzial signalisierte. Während in der Schweiz, in Italien und in Frankreich gern und viel geflogen wird, wurde der Flug zum Schnee in Österreich abgedreht. Die Genehmigungen für die beiden heimischen Drop Zones müssen alle fünf Jahre neu beantragt werden. Dabei gibt es regelmäßig Streit: Zuletzt, 2012, monierten Vorarlbergs Umwelt- und Naturschützer und der Alpenverein, ihre Bedenken und Einwände seien nicht einmal angehört worden. Fünf Jahre zuvor war eine Verquickung der beigezogenen Experten mit der Tourismusindustrie in den Raum gestellt worden.

In Gudauri ist es einfacher: Da ist schlicht und einfach niemand. Dennoch gilt auch hier die Frage, ob der ökologische Fußabdruck der Heliski-Fans nicht tiefer geht und länger wirkt als ihre Spuren im Powder. „Voriges Jahr war ich in Alaska“, erzählt einer der Wucher-Kunden am Abend im Hotel, „dort stellte man eine Gegenfrage: Ob ein paar Hubschrauberflüge nicht weit weniger Schaden verursachen als Megaresorts, in denen mit einem gigantischen Energie-, Wasser- und Ressourcenaufwand ganze Landstriche skitauglich gemacht werden.“

Wo die Macht der Masse zählt, entfällt so eine Diskussion. Gerhard Hubers Zielgruppe aber umfasst nur 2000 Köpfe. Nach Gudauri kommen nicht einmal zehn Prozent davon. Aber für 160 Gäste pro Saison würde kein Liftkaiser auch nur seinen ältesten Schlepplift in Betrieb nehmen.

Heliskiing

7000 Euro kostet eine Woche Heliskiing im georgischen Gudauri. Will man den Hubschrauber nicht mit anderen teilen, können es aber auch 60.000 Euro sein.

Elf Helikopter und 50 Mitarbeiter hat das von Hans Huber gegründete Familienunternehmen. Das Geschäft mit dem Skivergnügen macht nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2016)

Kommentar zu Artikel:

Heliskiing: Der Flug zum Schnee

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen