Wifo: EU-Länder müssen Steuern auf Faktor Arbeit halbieren

Ein Netzwerk unter der Leitung des Wifo meint, die Achillesferse der EU gefunden zu haben: Die Kosten von Arbeit machen 20 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts aus. Das sei viel zu viel.

Die Presse (Clemens Fabry)

Die EU habe in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren, warnt das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo und nennt gleich einen Beleg dafür: „die mögliche Abspaltung Großbritanniens“. Um die EU wieder attraktiver zu machen, fordert das Wifo nun ein grundsätzliches Umdenken in der Wirtschaftspolitik. Die zentrale Aussage: Arbeit dürfe nicht mehr so hoch belastet werden. "Wir haben gesehen, dass obwohl Europa Arbeitsplätze schaffen will, es den Faktor Arbeit am stärksten besteuert", so der scheidende Wifo-Chef Karl Aiginger im "Ö1"-Interview.

Aiginger ist überzeugt davon, dass eine Senkung der Arbeitskosten gleich mehrere Probleme auf einen Schlag löst. Er wird am Donnerstag vor dem EU-Parlament die Ergebnisse des Forschungsnetzwerks "Welfare, Wealth and Work for Europe – WWWforEurope" präsentieren, das im Auftrag der EU-Kommission einen neuen Ansatz für die Wirtschaftspolitik erarbeitet hat.

Vermögens – und Umweltsteuern erhöhen

Im Gespräch mit dem "Kurier" erklärt der Wifo-Chef, wie er sich die Änderungen im Detail vorstellt. Um Wachstum zu schaffen, müssten "die Kosten von Arbeit, die derzeit 20 Prozent des BIP ausmachen, halbiert werden". Die Steuern auf Vermögen und Erbschaften sollten um 2,5 Prozent steigen, die Umwelt-Abgaben um 2,4 Prozent, Steuern auf Alkohol und Tabak um 1,5 Prozent. Auch fossile Energieträger gehörten höher besteuert. Ziel sei es, die Beschäftigung um fünf Prozent zu steigern und die Emissionen um 60 Prozent zu senken. Kritik übt das Wifo einmal mehr auch an der „ausgabenintensiven Subventionierung fossiler Energieträger" werden. Auch in Österreich müsse hier einiges geändert werden: Rund vier Milliarden Euro fließen laut dem Forschungsinstitut in „umweltschädliche“ Subventionen.

Aiginger macht sich keine Illusionen, dass das radikale Konzept schwer umzusetzen ist. Es brauche sicher zehn bis 15 Jahre Zeit, sagt er gegenüber „Ö1“- Das Modell sei nicht auf dem Befehlsweg in ganz Europa durchzusetzen, schließlich habe Brüssel keine Steuerhoheit. Allerdings: „Selbst wenn Österreich alleine den Weg gegangen wäre, bei der letzten Steuerreform“, ist Aigigner überzeugt, dass es „eine Dreifachdividende“ zur Belohnung erhalten hätte: mehr Wachstum, weniger Arbeitslose, weniger Emissionen.

"Mit Flüchtlingen lösen wir das Problem der Alterung"

Im „Kurier“-Interview plädiert Aiginger auch für die Aufnahme von Flüchtlingen. "Mit den Flüchtlingen lösen wir das Problem der Alterung in der EU, bis 2030 gibt es durch die Flüchtlinge keine Knappheit an Arbeitskräften mehr". Die Wirtschaft müsse aber wachsen, um die Kosten für die Ausbildung der Migranten zu decken.

>>> Interview auf "Kurier.at"

(Red./APA)

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