Urlaub: „Rebellion“ gegen teures Schwarzmeer

Rumänen fahren lieber ins Ausland, weil am Schwarzen Meer das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt. Die Ungarn bleiben hingegen massenweise zu Hause.

(c) AP (Vadim Ghirda)

BUKAREST/BUDAPEST. Rumänien ist für die eigene Bevölkerung offensichtlich kein „Land der Wahl“, wie es der Tourismusslogan suggerieren möchte: Während ausländische Gäste an der Schwarzmeerküste noch stärker als im Vorjahr auslassen, fahren heuer erstmals auch die Rumänen den Massenquartieren von Mamaia und Co. davon.

Der Bruch passierte mitten in der Sommersaison 2008. Hatten die Medien im Juli noch über gesteckt volle Quartiere berichtet, blieben im August plötzlich die Touristen aus. Die Zahl der ausländischen Gäste sei um ein Fünftel zurückgegangen, berichtete ANAT, die Nationale Vereinigung der rumänischen Reiseagenturen.

Und sie wurden auch nicht durch Einheimische ersetzt: Diese zogen es vor, ins Ausland zu reisen. 250.000 Rumänen bevölkerten im Vorjahr die griechische Inselwelt, etwa 130.000 reisten in die Türkei, und auch die bulgarische Schwarzmeerküste konnte überraschend viele Gäste aus dem nördlichen Nachbarland begrüßen.

 

Urlaubsschecks – ein Misserfolg

Die Gründe dafür, warum die eigenen Strände verschmäht werden, enthüllte Cristian Balcescu, Chef der Reiseagentur CMB, im Gespräch mit der Tageszeitung „Business Standard“, soeben angesichts der verpatzten heurigen Saison: „Rumänien ist nicht wohlfeil“, die Preise stünden in einem schlechten Verhältnis zur gebotenen Leistung.

Dabei bezog sich Balcescu auf eine Neueinführung, mit der Rumäniens krisengeschüttelter Tourismus angekurbelt werden sollte: Angesichts der katastrophalen Zahlen hatte die Regierung das System von Urlaubsschecks propagiert, das beispielsweise in Ungarn seit Jahren erfolgreich praktiziert wird. In Rumänien blieb der Erfolg völlig aus. „Sie können Angestellte nicht zwingen, ihren Urlaub in Rumänien zu verbringen“, sagt Balcescu. Sein wichtigstes Argument: Die Urlaubsschecks seien trotz der Befreiung von allen Steuern nicht günstig, „wenn die Leute wegen der Wirtschaftslage ihre Urlaubsbudgets kürzen müssen“. Für den Preis einiger Tage Schwarzmeerküste könne man im Ausland eine Woche urlauben, meinte er, „und die Services sind nicht zu vergleichen“.

Lokale Reiseanbieter bestätigen seine Version: Es habe bisher keinen einzigen Interessenten gegeben, der mit Urlaubsscheck zahlen wollte, zitierte „Business Standard“den Besitzer von J'Info Tours, Carmen Pavel. Und auch Alin Burcea, Chef der Agentur Paralela 45, sieht keinen Boom. Er könnte zum Wortführer der Kritiker werden, ist er doch Vizepräsident von ANAT.

Es gibt auch andere Stimmen. Die Schecks seien „eine riesige Chance für den Inlandstourismus“, sagte Adrian Vacaru, Generalmanager von Romticket. Er rechnete vor, dass bei 25-prozentiger Nutzung „430 Millionen Euro in den rumänischen Tourismuskreislauf fließen“ würden. Seine Zuversicht hat sich als Zweckoptimismus erwiesen. Kein Wunder: Romticket ist der Partner des Tourismusministeriums bei der Vermarktung der Urlaubsschecks.

 

82 Prozent bleiben daheim

In Ungarn, wo das System schon Tradition hat, scheint die Nutzung mit der Krise zu steigen. Rund eine Million Beschäftigte und ihre Angehörigen bekamen heuer Schecks im Wert von 34 Milliarden Forint (etwas mehr als 120 Mio. Euro) als Naturalzuwendung von ihren Arbeitgebern, um fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Und noch bevor am vergangenen Wochenende die Hochsaison am Balaton, dem „ungarischen Meer“, begonnen hatte, war klar: Die Magyaren nutzen die Schecks, denn sie bleiben angesichts der Krise zu Hause.

Laut Vorhersage der ungarischen Tourismus-AG werde der Anteil der „Heimattreuen“ mit 82 Prozent höher liegen als jemals seit der Liberalisierung der Reisevorschriften Mitte der 70er-Jahre. Unter den Auslandszielen liegt Österreich auf Platz zwei hinter Kroatien, gleichauf mit Italien.

In der Heimat werden die ungarischen Gäste bescheidener. Der durchschnittliche Aufenthalt sinkt laut Zoltán Komora, Direktor des Reiseveranstalters Ibusz, von 5,5 auf vier bis 4,5 Tage, Vollpension schrumpft zu Zimmer mit Frühstück, Nebenleistungen wie Fahrradvermietung „gehen“ überhaupt nicht. Dennoch erwarten die Touristiker, dass die Landsleute heuer allein am „ungarischen Meer“ 186 Milliarden Forint ausgeben.

Indirekt schädigen sie damit nicht nur ausländische Tourismuszentren, sondern auch Landsleute: Nicht weniger als 7000 Ungarn bieten alljährlich Quartiere an den Mittelmeerküsten Kroatiens und Montenegros an. Heuer mit beinahe durchschlagendem Misserfolg, wie die Wirtschaftszeitung „Napi Gazdaság“ berichtete. Nachdem ihnen die Vorsaison Rückfälle zwischen acht und zehn Prozent beschert hat, fürchten sie „dank“ Plattensee ein noch größeres Minus. Hotelbesitzer sind noch halbwegs zuversichtlich, weil sie mit Aktionspreisen locken.

AUF EINEN BLICK

Rumänien führte nach dem vorjährigen katastrophalen Einbruch des Tourismus sogenannte Urlaubsschecks ein, die Firmen an Mitarbeiter ausgeben sollten. Das System droht zum Flop zu werden, weil die Rumänen ausländische Ziele der eigenen Schwarzmeerküste vorziehen. Grund: schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Ungarns Tourismus profitiert gerade heuer von den Urlaubsschecks, weil die Menschen wegen der Krise zu Hause bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2009)

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