BMW und der vergessene Österreicher

Vor 100 Jahren wurde BMW gegründet. Doch der Österreicher Camillo Castiglioni, der das Unternehmen vor dem Untergang gerettet und erst zum Autobauer gemacht hat, wird in keiner Festschrift erwähnt.

BMW-Werbung für den 700 Coupé, gebaut von 1959 bis 1964.
BMW-Werbung für den 700 Coupé, gebaut von 1959 bis 1964.
BMW-Werbung für den 700 Coupé, gebaut von 1959 bis 1964. – TV-yesterday/Interfoto/picturedesk.com

Es ist eine sehr nette Botschaft, die BMW dieser Tage aus Stuttgart erreichte: Man gratuliere der „weltweit angesehenen Marke, die international zur hervorragenden Reputation Deutschlands als Standort der Automobilindustrie beiträgt“, herzlich zum 100-Jahr-Jubiläum, schrieb der große Konkurrent Mercedes. Ganz ohne Stichelei ging es dann aber doch nicht. Der Gratulation war eine Einladung an alle Mitarbeiter der BMW AG angeschlossen. Sie können bei freiem Eintritt das Stuttgarter Mercedes-Museum besuchen, um „die ganze Geschichte des Automobils zu erleben“.

Der Seitenhieb kommt nicht von ungefähr. Als BMW 1916 gegründet wurde, waren die ersten Autos von Carl Benz und Gottlieb Daimler schon Oldtimer (1886 fertigte Daimler die erste Motorkutsche). Historisch betrachtet dauerte es sogar noch bis 1929, bevor die Bayerische Motoren Werke AG tatsächlich ihr erstes Serienautomobil herstellte (den 3/15 PS DA2).

Dass BMW überhaupt morgen, Montag, mit Angela Merkel in der Münchner Olympiahalle feiern kann, hat es einem gebürtigen Österreicher zu verdanken. Er hat die Firma 1919 vor dem Untergang gerettet und BMW erst zu einem Automobilproduzenten gemacht. Aber Camillo Castiglioni kommt in keiner Festschrift vor. Denn Castiglioni, Anfang des 20. Jahrhunderts der reichste Mann Mitteleuropas, war zwar ein sehr weitsichtiger Industrieller, aber auch ein ziemlich skrupelloser und fieser Spekulant.


Peinliche Geschichte. „Natürlich ist er ihnen peinlich“, meint der Wiener Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel, der 2012 die erste große Biografie über den Industriellen veröffentlicht hat („Camillo Castiglioni oder die Metaphysik der Haifische“, Böhlau Verlag). „Das ist wie beim Theater in der Josefstadt, das Castiglioni 30 Jahre lang gehört hat: Keine einzige Tafel erinnert an ihn.“

Castiglioni, 1879 im damals zu Österreich gehörenden Triest geboren, hat es schon in seiner Zeit zu negativer Berühmtheit gebracht. Karl Kraus wetterte 1923 in der „Fackel“ (Nr. 632) gegen ihn. Castiglionis ganzes Genie bestehe darin, „reicher zu sein, als man noch vor einer Stunde geglaubt hat“. Er sei „die stärkste Ellbogenkraft des modernen Kapitalismus“.

Camillo Castiglioni war auf jeden Fall eine faszinierende Persönlichkeit. Mit 25 Jahren war er Generaldirektor der Österreichisch-amerikanischen Gummiwarenfabrik AG, die später in Semperit aufging. Er war für viele Jahre die wichtigste Figur in der jungen österreichischen Flugzeug- und Autoindustrie – unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender von Austro-Daimler, Chef der österreichischen Fiat-Gesellschaft, Gründer der Ungarischen Flugzeugwerke.

Lange Zeit war Castiglioni eng mit Ferdinand Porsche befreundet, bevor er sich Ende 1922 mit ihm zerstritt. Und hätte sich Castiglioni durchgesetzt, wären heute Mercedes, BMW und Opel eine einzige Firma. „Er hat überall seine Finger drinnen gehabt, ob das die Politik war, die Industrie, die Banken, die Kunst, der Journalismus – er war in alle Gebiete involviert“, sagt Stiefel.

Eben auch bei BMW. Das Unternehmen sieht den 7. März 1916 als seinen Gründungszeitpunkt, weil an diesem Tag die Bayerische Flugzeugwerke AG (BFW) in München registriert wurde. Doch drei Jahre später stand die junge Firma schon vor der Pleite, gerettet hat sie Castiglioni, der alle Anteile übernahm, das Unternehmen umstrukturierte und ihm den Namen Bayerische Motoren Werke gab.


Alleiniger Aktionär. Das Ende des Ersten Weltkriegs 1919 hatte auch das Ende vieler einst kriegswichtiger Unternehmen bedeutet. Auch beim BFW stand die Produktion still, weil der Friedensvertrag von Versailles Deutschland die Produktion von Flugzeugen verbot. „Die meisten BMW-Aktionäre waren der Meinung, dass dem Unternehmen keine Zukunft beschieden sei und die Liquidation der richtige Weg wäre. Von allen Aktionären behielt nur Camillo Castiglioni ein Interesse an der Firma“, schreibt Christian Pierer („Die Bayerischen Motoren Werke bis 1933“, Oldenbourg Verlag).

Castiglioni behielt seine Anteile nicht lang, bereits 1920 veräußerte er sie an die Knorr-Bremse-AG. Doch schon 1922 kaufte er den brachliegenden Motorenbau zurück. Der Vertrag schloss neben Maschinen auch sämtliche Patente und die Markenrechte ein. Während das verbliebene Unternehmen in Süddeutsche Bremsen AG umbenannt wurde, gründet Castiglioni die BMW AG.

Sein Raffinement bewies er bei der Finanzierung des Kaufs um 75 Millionen Mark. Die Knorr-Bremse-AG akzeptierte eine Anzahlung von zehn Millionen Mark, der Restbetrag sollte bis April 1923 überwiesen werden. „Trotz der sich nun auch in Deutschland dramatisch beschleunigenden Inflation scheint Camillo Castiglioni bei den Verhandlungen der Einzige zu sein, der die Geldentwertung ins Kalkül zieht“, schreibt Reinhard Schlüter in seiner Ende vergangenen Jahres erschienenen Biografie „Der Haifisch: Aufstieg und Fall des Camillo Castiglioni“ (Zsolnay Verlag). Tatsächlich wird der geschuldete Betrag binnen Jahresfrist „zur Marginalie zerbröseln“.

Der Neo-Besitzer richtet BMW neu aus und stellt es auf mehrere Beine. Schon 1923 entwickeln Max Fritz und Martin Stolle das erste BMW-Motorrad (R32). Nach vielen Jahren des Drängens kann sich Castiglioni 1928 bei Vorstand und Aufsichtsrat durchsetzen, die Firma steigt auch in den Automobilbau ein. Doch nicht als Teil eines Zusammenschlusses mit Daimler und Opel, wie Castiglioni wollte, sondern durch den Erwerb der Fahrzeugfabrik Eisenach. Damit kann BMW im März 1929 sein erstes Serienauto vorstellen, den aus dem Dixi von Eisenach entwickelten 3/15 PS (auch DA2 genannt, weil der Dixi 3/15 unter DA firmierte).

Doch in all den Jahren bei BMW zeigt sich auch Castiglionis andere Seite. Er war vor allem daran interessiert, „so viel wie möglich aus dem Unternehmen herauszuholen“, wie Dieter Stiefel schreibt. Zweistellige Dividendenzahlungen machten es BMW unmöglich, in guten Jahren Reserven anzulegen.

Camillo Castiglionis Bilanz bei BMW ist daher sehr zwiespältig. Zwar sind seine Verdienste bei der Gründungsfinanzierung und der Ausrichtung des Motorenherstellers unbestreitbar, doch seine massiven Gewinnentnahmen ließen BMW in seiner Ära ständig am Rande des Ruins wandeln.

Verdeckte Gewinnentnahmen kosteten ihn auch seine Anteile und seinen Einfluss bei BMW. Da das Unternehmen aber kein Interesse an einem öffentlichen Prozess hatte, einigte man sich außergerichtlich auf eine Rückzahlung der Gelder. Im Oktober 1929 muss Castiglioni sämtliche BMW-Anteile an das im Aufsichtsrat vertretene Bankenkonsortium abtreten.


Verspekuliert. Zu dem Zeitpunkt war der einst reichste Mitteleuropäer finanziell schon schwer angeschlagen. Er hatte 1924 auf einen Verfall der französischen Währung gesetzt. Mit Leerverkäufen gelang es ihm tatsächlich gemeinsam mit einem Partner, den Wert des Franc binnen eines Monats um 40 Prozent zu senken. Doch dann setzte die Banque de France gemeinsam mit den Investmentbanken Lazard und J.P. Morgan zum Gegenangriff an, kauften massiv Franc, der Wert der Währung stieg wieder und Castiglioni verlor Millionen.

Sein wirtschaftlicher Einfluss schwand zusehends, am 18. Dezember 1957 starb er mit 78 Jahren in seiner römischen Wohnung an den Folgen einer Lungenentzündung. „In keiner Bank wusste man, dass an jenem Tag einer der größten Finanzmanager des Jahrhunderts aus der Welt geschieden war“, schrieb die „Wiener Wochenpresse“. Castiglioni starb in Wohlstand, aber er war keine Macht mehr.

Bei BMW ging es nach dem Ausstieg Castiglionis auf und ab, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste man sich gar mit der Produktion von Kochtöpfen über Wasser halten. Erst der Einstieg des Industriellen Herbert Quandt 1960 sicherte den Fortbestand und machte das Unternehmen groß. Seine Familie hält bis heute 46,7 Prozent von BMW.

Fakten

1916

werden die Bayerischen Flugzeugwerke in München registriert. Dieser 7. März gilt in der offiziellen Unternehmensgeschichte von BMW als Gründungsdatum.

1922

kauft Camillo Castiglioni den Motorenbau und gründet die BMW AG.

1960

steigt der Industrielle Herbert Quandt bei BMW ein, übernimmt die Mehrheit und macht das Unternehmen groß. Seine Familie hält bis heute fast 50 Prozent der Anteile an dem Unternehmen.

C. Castiglioni

Am 22. Oktober 1879 wird Camillo Castiglioni im damals zu Österreich gehörenden Triest geboren. Bereits 1904 schaffte er es zum Generaldirektor der Österreichisch-amerikanischen Gummiwarenfabrik AG und spielte später eine wichtige Rolle in der Automobil- und Flugzeugindustrie in Europa. Kurzzeitig war er der reichste Mann Mitteleuropas. Am 18. Dezember 1957 starb er in Rom. Austrian Archives (S)/picturedesk.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2016)

Kommentar zu Artikel:

BMW und der vergessene Österreicher

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen