Nabucco-Pipeline: Vertrag wird unterschrieben

Heute unterzeichnen Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei ein Abkommen, das Rechtssicherheit für das Pipeline-Projekt schaffen soll. Der Bau beginnt 2011. Ungeklärt ist noch, woher das Gas genau stammen soll.

(c) AP (Sergei Grits)

Ankara. Die europäische Energieversorgung macht am Montag einen wichtigen Schritt nach vorn. In Ankara unterschreiben die Staatsoberhäupter von Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei den Staatsvertrag zum Bau der Gaspipeline Nabucco. Diese Leitung soll künftig Gas aus dem Raum des Kaspischen Meeres nach Europa bringen und so für mehr Unabhängigkeit von Energielieferungen aus Russland sorgen.

Die immer wieder angezweifelte Pipeline überspringt mit diesem Staatsvertrag eine wichtige Hürde. Denn nun gibt es einen stabilen rechtlichen Rahmen für den Bau und Betrieb der Leitung sowie einheitliche Transportpreise für alle Kunden. Die Einigung stand bis zuletzt auf der Kippe, da die Türkei eine Transitgebühr verlangte und darüber hinaus 15Prozent der gesamten Gasmenge zum Vorzugspreis haben wollte. Ohne türkische Zustimmung drohte das Projekt zu scheitern. Rund 2000 der insgesamt 3300 Kilometer langen Pipeline verlaufen über türkisches Territorium. Schlussendlich gab Ankara die Forderungen jedoch auf, und der Weg zum Abkommen wurde frei.

Begonnen hat alles im Jahr 2002. Damals trafen sich die Vertreter von Energiekonzernen aus den beteiligten Ländern unter Federführung der OMV in Wien und beschlossen den Bau der Leitung. Der Name stammt vom Abendprogramm des Gründungstreffens: In der Staatsoper wurde Giuseppe Verdis „Nabucco“ angesehen.

Hintergrund für das Projekt war und ist mehr Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen. 60 Prozent des in Europa verbrannten Gases werden importiert, knapp die Hälfte davon stammt von den westsibirischen Feldern der Gazprom. In Mitteleuropa ist der Anteil des russischen Gases deutlich höher. Und spätestens seit den beiden Gaskrisen 2006 und Anfang 2009 dürfte jedem klar sein, dass Alternativen notwendig sind.

 

Mehr Importe notwendig

Denn die Abhängigkeit von Russland wird in Zukunft ohnehin weiter steigen. Vor allem in der Elektrizitätserzeugung ersetzt Gas – aufgrund der geringeren CO2-Emissionen bei der Verbrennung – zunehmend Kohle. Der jährliche Verbrauch in der EU dürfte daher von 500Milliarden Kubikmetern bis 2020 auf 650 Milliarden Kubikmeter ansteigen. Gleichzeitig wird die wichtige Förderung in der Nordsee drastisch zurückgehen. Neue Quellen müssen daher erschlossen werden.

Eine davon soll die Region des Kaspischen Meeres sein, in der riesige und oft noch kaum erschlossene Gasvorkommen schlummern. Mit Nabucco sollen schlussendlich 31 Milliarden Kubikmeter davon pro Jahr bis zum Gasknotenpunkt Baumgarten an der österreichisch-slowakischen Grenze strömen. Der Baubeginn der rund acht Milliarden Euro teuren Leitung ist für Anfang 2011 geplant. Ab 2014 sollen dann die ersten Gasmoleküle in die Rohre gepumpt werden. Die volle Leistung wird Nabucco erst 2019 haben.

Bis es so weit ist, müssen aber noch einige offene Fragen geklärt werden. Allen voran: Woher wird das Gas konkret kommen? Aserbaidschan, in dessen Hauptstadt Baku die Leitung vorerst enden wird, kann laut Experten nur etwa zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr einspeisen. Außerdem hat Nabucco dort zuletzt einen Rückschlag erhalten. So hat die Ex-Sowjetrepublik erst vor knapp zwei Wochen einen großen Liefervertrag mit Russland unterzeichnet. Moskau hat zuvor den Preis auf bislang noch nicht da gewesene 350 Dollar je 1000 Kubikmeter erhöht. Ein klares taktisches Foul der Russen, die Nabucco mit allen Mitteln bekämpfen. Sie selbst haben mit der Leitung „South-Stream“ ja ein ähnliches Projekt in der Gegend.

 

China als Konkurrent

Die Hoffnungen ruhen daher vor allem auf Turkmenistan, wohin Nabucco über das Kaspische Meer verlängert werden soll. Das zentralasiatische Land verfügt über die viertgrößten Gasreserven der Welt und hat sich zuletzt mit Russland überworfen. Allerdings lauert auch hier große Konkurrenz – in Form von China. Bislang haben die Turkmenen die Förderrechte für große Felder noch nicht vergeben. Wer schlussendlich die Nase vorn hat, ist daher noch offen.

Als dritter wichtiger Lieferant gilt der Iran. Dieser hat im Norden ebenfalls riesige Gasvorkommen, die erst erschlossen werden müssen. Dafür wären jedoch Milliardeninvestitionen westlicher Energiekonzerne in dem Mullah-Staat notwendig. Gerade angesichts der jüngsten Gewaltakte des Regimes nach der Präsidentschaftswahl ein politisches No-go.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2009)

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