Jugendliche in Paris: Aufrecht gegen sich selbst

Seit einem Monat demonstrieren Jugendliche in Paris unter dem Motto »Nuit Debout« (Aufrecht durch die Nacht). Sie wollen Reformen verhindern, die ihnen eigentlich helfen würden.

(c) APA/AFP/THOMAS SAMSON

Die Eskalation kam in der Nacht auf Freitag. Gewerkschaften hatten zu landesweiten Demonstrationen gegen Reformen der Regierung Hollande aufgerufen. Diese schlugen nach Einbruch der Dunkelheit in Gewalt um. Und sie haben auch die Protestierer des Place de la République mitgerissen, die seit knapp einem Monat unter dem Motto „Nuit Debout“ (Aufrecht durch die Nacht) gegen ebendiese Regierungspläne weitgehend friedlich diskutieren, singen und tanzen. Die Folge: brennende Autos, Verletzte, Verhaftete. Eine Situation, die sich an diesem Wochenende wohl wiederholen dürfte. So wird der heutige 1. Mai in Frankreich ja bereits traditionell mit kraftfahrzeuglichen Leuchtfeuern – sehr zum Schaden Unbeteiligter – begangen.

Vor diesem jüngsten Abgleiten in die Gewalt blieb es auf dem knapp 35.000 Quadratmeter großen Platz im Norden des Pariser Zentrums jedoch in der Regel ruhig. Obwohl sich seit dem 31. März jeden Abend Tausende meist Jugendliche oder junge Erwachsene versammelten. So waren es auch die programmatischen Reden von Vortragenden wie dem griechischen Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis oder die basisdemokratischen Abstimmungen, die auch hierzulande bei vielen Menschen große Sympathien für die „Aufrechten“ weckten. In sozialen Netzwerken gab es in den vergangenen Wochen regelmäßig schmachtende Reminiszenzen an den Mai 1968.

Doch wie schaut es eigentlich inhaltlich mit Nuit Debout aus? Vielfach geht es bei der Bewegung um ein diffuses Antikapitalismusgefühl. Ein Grund, weshalb sie von vielen Beobachtern und Kommentatoren bereits mit Occupy Wall Street verglichen wird. Allerdings sind die Proteste von Nuit Debout in einem Punkt wesentlich konkreter: So wird von einer Vielzahl der Redner auf dem Place de la République die wirtschaftliche Situation der Jugendlichen thematisiert. Es gäbe eine Schieflage zulasten junger Menschen in der Gesellschaft, so der Tenor. Als Beweise werden die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die hohe Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse genannt.


Falsche Therapie. Eine Diagnose, mit der die Protestierer ziemlich richtigliegen. Denn die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in Frankreich fast 25 Prozent. Das Land liegt somit nicht nur fünf Prozentpunkte über dem EU-Schnitt, es wird auch nur von südlichen Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien oder Portugal sowie Italien überholt. Und auch die Kritik an den prekären Arbeitsverhältnissen ist berechtigt: Mehr als die Hälfte aller 15- bis 24-Jährigen hat in Frankreich nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Bei neuen Verträgen haben sogar gut 90 Prozent von Anfang an ein Ablaufdatum.

Umso bemerkenswerter ist angesichts dieser Diagnose jedoch die von den Demonstranten gewünschte Therapie. Anlass für die allabendlichen Proteste war nämlich die Arbeitsmarktreform der Regierung, die am kommenden Dienstag in der Nationalversammlung behandelt werden soll. In dieser Reform sind zwei Kernpunkte enthalten: Die Aufweichung der 35-Stunden-Woche sowie die Lockerung des Kündigungsschutzes bei permanenten Arbeitsverhältnissen. Beides dürfe nicht gemacht werden, so die Forderung von Nuit Debout.

Es scheint sich bisher also noch kein Ökonomiestudent unter die Protestierer verirrt zu haben. Denn in der Volkwirtschaftslehre ist die Sache eigentlich ziemlich klar, wie eine Vielzahl von theoretischen und empirischen Arbeiten zeigt, die etwa die OECD jährlich in ihrem „Employment Outlook“ zitiert: Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen dem Kündigungsschutz für Fixangestellte und den prekären Arbeitsverhältnissen. „In Ländern mit hohem Kündigungsschutz für Fixangestellte, müssen jene mit befristeten Verträgen (meistens Jugendliche oder andere benachteiligte Gruppen) die Hauptlast der Beschäftigungsanpassung schultern“, so die OECD in ihrem „Outlook“ 2014. Und weiter: „,Insider‘ mit fixen Verträgen können ohne Jobrisiko ihre Gehaltsforderungen durchsetzen, während die negativen Effekte davon nur die ,Outsider‘ in befristeten Verhältnissen betreffen.“ Sowohl die höhere Jugendarbeitslosigkeit als auch die geringeren Verdienstmöglichkeiten der Jugendlichen lassen sich damit erklären.

Dass es keine Hire-and-fire-Politik nach US-Vorbild braucht, um Änderungen zu erzielen, zeigt der internationale Vergleich. So ist etwa in Österreich der Kündigungsschutz deutlich lockerer als in Frankreich, ohne dass das Land ein Hort der sozialen Kälte wäre. Da es jedoch relativ leicht möglich ist, Mitarbeiter zu kündigen, haben die Firmen auch weniger Angst, fixe Verträge zu vergeben. Selbst unter den Jugendlichen arbeitet nur ein Drittel in befristeten Verträgen. Dass dies nicht mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation des Landes zusammenhängt, zeigt wiederum der Vergleich mit Deutschland. Dort läuft die Wirtschaft zwar besser, aber es gibt wie in Frankreich einen rigorosen Kündigungsschutz. Die Folge: Auch in Deutschland arbeitet mehr als die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen mit Ablaufdatum.

Die Jugendlichen vom Place de la République sollten also demonstrieren. Allerdings für eine schnelle Umsetzung der Reformen. Stattdessen wollen sie sich nun mit den Gewerkschaften bei ihrem Kampf gegen die Regierung verbünden. Es scheint so, als ob die Insider die Outsider wieder einmal geschickt an der Nase herumführen.

Zahlen

55

Prozent der 15- bis 24-jährigen Franzosen arbeiten mit einem befristeten Vertrag.

90

Prozent der neu abgeschlossenen Arbeitsverträge in Frankreich haben von Anfang an ein Ablaufdatum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2016)

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