Frauenfitness: Keine Männer, keine "Tussis"

1992 entdeckte das Ehepaar Gary und Diane Heavin in den USA die Nische Frauenfitness. Seitdem buhlt eine wachsende Zahl von Anbietern um jene Frauen, die bei der Arbeit an der Traumfigur lieber unter sich bleiben.

Fitnesscenter für Frauen
Fitnesscenter für Frauen
(c) Teresa Zötl

Die Kunden werden „Mitgliederinnen“ genannt – und Männer haben leider keinen Zutritt. So lautet die Hausordnung bei „Mrs. Sporty“ in Wien-Neubau, einem der Sportklubs, die dem weiblichen Publikum vorbehalten sind. Denn Training allein ist den sportbegeisterten Kunden schon lange nicht mehr genug. Um als Fitnessunternehmen auf dem Markt zu reüssieren, braucht es zumindest einen Wellnessbereich oder gar ein Konzept, das Work-out mit einem Schönheitssalon oder einem Ernährungsstudio verbindet. Will ein Klub ohne all diesen Schnickschnack auskommen, muss er zumindest spottbillig sein. „Nischenbesetzung“ nennen das Experten. Eine dieser Nischen sind Fitnessklubs, die auf Frauen spezialisiert sind. Doch auch hier tummeln sich bereits die Anbieter.

Als Pioniere gelten Gary und Diane Heavin, die das Gebiet der Frauenfitness bereits Anfang der Neunzigerjahre für sich entdeckten. „No make-up, no men, and no mirrors“ nennt die 1992 gegründete Fitnesskette „Curves“ ihr inoffizielles Motto. Das aus den USA stammende Franchise-Unternehmen verkauft seit 1995 Lizenzen in die ganze Welt. Mit Angaben über 10.000 Lokalitäten und vier Millionen Kundinnen in mehr als 70 Ländern schmückt sich das Unternehmen auf seiner Homepage. Bei dem eigens entwickelten Work-out sollen gleichzeitig Kraft und Ausdauer trainiert werden. Und das in nur 30 Minuten, während derer man bis zu 500 Kalorien verbrennt. Dazu noch etwas Ernährungsberatung, und fertig ist der Fitnessmix.

In Deutschland ist Curves bereits vertreten. Jetzt sucht der Nischenanbieter seinen Weg nach Österreich. Zumindest einen konnte das Konzept hierzulande schon überzeugen: Der burgenländische Unternehmer Anton Fleck hat Mitte Juni in Eisenstadt das erste Curves-Studio Österreichs eröffnet. „Curves ist zwischen konventionellem Fitnesscenter und Hometraining angesiedelt. In diesem Bereich war bis zu diesem Zeitpunkt nichts auf der Landkarte“, sagt Fleck. Der Mitgliedsbeitrag liegt bei „durchschnittlich 49 Euro“. 200 Frauen hätten sich bereits eingeschrieben. Ab 250 Mitgliedern, heißt es, arbeitet der Betreiber kostendeckend. Der studierte Betriebswirt spielt bereits mit dem Gedanken, weitere Studios zu eröffnen. Denn daran, dass Curves auch in Österreich Erfolg beschieden ist, zweifelt Fleck nicht.


Die Konkurrenz liegt vorne. Niels Gronau, Fitnessmarktexperte bei der Beraterfirma Deloitte, ist da anderer Ansicht. Er vergleicht den österreichischen Markt mit dem deutschen – wo Curves seit dem Eintritt 2005 erst neun Studios eröffnet hat. „Das offensichtlich in den USA so erfolgreiche Konzept des Ehepaars Heavin scheint sich in Deutschland nicht durchzusetzen“ – zu diesem Schluss kommt Deloitte in einer Studie im März 2007. Curves lebe in den USA sehr stark von den Gründern, die das Konzept Frauenfitness als Erste etabliert hätten, wie Studienautor Gronau ergänzt. „Aber in den deutschsprachigen Ländern sind sie offensichtlich noch nicht so richtig angekommen.“

In Deutschland hat die Konkurrenz die Nase vorn: „Mrs. Sporty“, die deutsche Version von Curves, gibt es zwar erst seit 2004 – dennoch kann das Unternehmen bereits mehr als 300 Filialen in vier Ländern vorweisen. Mrs. Sporty bietet ein ähnliches Konzept wie Curves: 30-Minuten-Zirkeltraining plus Ernährungsprogramm bei ständiger persönlicher Betreuung. Mrs. Sporty bietet aber noch etwas anderes: Als Mitbegründerin und Gesellschafterin tritt Tennisstar Stefanie Graf als Werbe-Testimonial auf. Was laut Branchenkenner Gronau auch den Erfolg der Firma erklärt: „Graf genießt im deutschsprachigen Raum natürlich wesentlich mehr Popularität als die Curves-Gründer.“

Mit elf Filialen – die erste eröffnete vergangenes Jahr in Purkersdorf – hat der Anbieter auch in Österreich schon einen Fuß in der Tür. Und damit will sich Mrs. Sporty nicht zufriedengeben: Zwischen 80 und hundert Klubs seien laut Gesellschafterin Valerie Bönström in den kommenden Jahren geplant. Die Konkurrenz von Curves fürchtet sie dabei nicht: „Wettbewerb ist immer gut – so lange die Nachfrage da ist. Jeder Anbieter hat seine Art und Berechtigung, in den Markt zu gehen.“

Eine der Mrs.-Sporty-Filialen liegt in der Kandlgasse in Wien-Neubau. Trainiert wird hier auf nur 180 Quadratmetern. Wellnessbereich und Gymnastikraum sucht man vergeblich. Denn Aerobic, Tae Bo oder Yoga stehen hier nicht auf dem Programm. 16 im Kreis angeordnete Geräte sollten ausreichen, um die Trainingsziele zu erreichen. Der Vorteil: „Die Frauen haben Augenkontakt und können sich so gegenseitig motivieren, sagt Franchisenehmerin Eva-Maria Steinkellner.

Die Klientel, hier „Mitgliederinnen“ genannt, reiche laut Ko-Eigentümer Helmut Niedermoser von „schlanken bis eher dicken Damen“. Auf die Idee, eine Franchiselizenz zu nehmen, hat den hauptberuflichen Osteopathen und Physiotherapeuten eine seiner Patientinnen gebracht. Dass er der einzige Mann ist, der hier Zutritt hat, stört die Kundinnen nicht. Im Gegenteil: „Viele der Frauen sagen, sie gehen grundsätzlich gern ins Fitnesscenter, mögen aber die Fleischbeschau und die komischen Blicke vieler Männer nicht“, sagt Niedermoser. Ähnliches vernimmt auch Eva-Maria Steinkellner: „Ich höre immer wieder, dass wir keine Tussis bei uns haben, weil es keine Männer gibt, vor denen sie sich präsentieren können.“ Daher müssten sich die Frauen nicht genieren und hätten weniger Hemmungen beim Training.


Luxus in der Inneren Stadt. Und das schätzen nicht nur die Kundinnen der Neubauer Filiale. Auch Mrs.-Sporty-Gesellschafterin Valerie Bönström glaubt, dass Frauen lieber unter sich trainieren. „Wenn keine Männer dabei sind, entstehen keine zwischengeschlechtlichen Spannungen“, sagt Bönström, die in Deutschland selbst zwei Klubs betreibt. Manche Frauen seien ohne Männer entspannter. „Sie werden nicht angeschaut und wissen, dass sie auch im Pyjama kommen könnten und keinen bauchfreien Nike-Anzug tragen müssen. Vor allem, wenn sie noch ein paar Kilo zu viel haben.“

Der Mitgliedsbeitrag reicht von 32 bis 49,99 Euro pro Monat. Damit liegt Mrs. Sporty etwa im österreichischen Durchschnitt von 45 Euro, in Deutschland sind es vier Euro weniger. Am billigsten trainiert es sich in Dänemark mit 37,5 Euro pro Monat. Am teuersten ist Russland: Hier liegt der durchschnittliche monatliche Beitrag bei 80 Euro. Die Mitgliedsbeiträge summierten sich in Österreich im Vorjahr auf 222 Mio. Euro.

Im Studio „Femmes“ in den noblen Wiener Ringstraßengalerien in der Inneren Stadt müssen die Kundinnen schon etwas mehr hinblättern. Der monatliche Beitrag liegt hier bei durchschnittlich 80 Euro, dazu kommt eine Einschreibegebühr. Dafür können die Kundinnen nach absolviertem Kraft- und Ausdauertraining oder diversen Aerobicstunden auf rund 1000 Quadratmetern noch in die Sauna oder ins Solarium gehen. Mit ihrem Angebot wollten Besitzerin Daniela Emily Osterbauer sowie Geschäftsführer und Ehemann Patrick Osterbauer auch Frauen ansprechen, die aufgrund ihrer Religion gar nicht in gemischte Klubs gehen dürfen. Entsprechend hoch sei der Anteil muslimischer Frauen, meint Patrick Osterbauer. An die tausend Mitglieder habe man mittlerweile. Neue Klubs wie Curves oder Mrs. Sporty sehen die beiden nicht als Konkurrenz.


Fünf Prozent machen sich fit. Die Zahlen geben ihnen recht: Denn nicht nur die Billigsparte und die sich zunehmend spezialisierenden Klubs, sondern auch das Luxussegment wird sich laut Branchenkenner Niels Gronau in Zukunft behaupten können. Die Nachfrage ist jedenfalls vorhanden. So waren 2008 laut Zahlen von Deloitte erst fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung Mitglied in einem der rund 800 heimischen Fitnessbetriebe. EU-weit waren es 7,9 Prozent. Und das müsse keineswegs die Obergrenze sein: „Wenn Unternehmen es schaffen, neue Konzepte zu etablieren, kann das Potenzial noch deutlich höher sein.“

Fitness in Europa

Der durchschnittliche Mitgliedsbeitrag für ein Monat Training liegt in Österreich bei 45 Euro. In Deutschland sind es vier Euro weniger. Am teuersten sind die russischen Fitnessstudios mit durchschnittlich 80 Euro monatlich.

Insgesamt nehmen Österreichs Fitnessklubs pro Jahr 222 Mio. Euro durch Mitgliedsbeiträge ein. In der gesamten Europäischen Union sind es mehr als 20 Mrd. Euro.

Etwa fünf Prozent der Österreicher sind Mitglied in einem der rund 800 heimischen Fitnessbetriebe. Im EU-Durchschnitt sind es 7,9 Prozent der Bevölkerung. Spitzenreiter sind die Spanier mit 16,6 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2009)

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