Die Euphorie bei den Irangeschäften versickert

Weil Europas Banken Finanzflüsse mit dem Iran scheuen, läuft der Wirtschaftsaustausch nur zäh an. Aber auch der Iran treibt den Eintrittspreis für Unternehmen hoch.

View shows Tehran´s skyline at night with the Milad tower
View shows Tehran´s skyline at night with the Milad tower
(c) REUTERS (STAFF)

Wien. So hatte sich das niemand vorgestellt. Als Mitte Jänner die internationalen Sanktionen gegen den Iran aufgehoben wurden, machte sich noch Euphorie von Teheran über Wien bis nach Berlin breit. Jedes Land wollte das erste vor Ort sein und schickte seine Politiker und Wirtschaftsdelegationen im Wettbewerb mit den anderen in den Iran, um vom dortigen Nachholbedarf zu profitieren. Österreich war vorn mit dabei.

Vier Monate später nun ist Ernüchterung eingekehrt. Die Prozesse der Wiederöffnung laufen nur schleppend an. Daran sind nicht nur die wenig liquiden Iraner schuld, die sich als harte Verhandler erweisen. Daran sind vor allem die europäischen Banken schuld, die sich mit Finanzierungen zurückhalten und kaum Transaktionen mit dem Iran abwickeln. „Die Prozesse laufen nicht“, sagt Thomas Dopler, Geschäftsführer von Aichelin, das in Mödling Industrieofenanlagen herstellt und seit vielen Jahren Marktführer im Iran ist: „Die Banken sind übervorsichtig und noch nicht zur Normalität zurückgekehrt.“

 

Overcompliance

Das hat zum Teil mit der allgemeinen Overcompliance, also der Übererfüllung von Regeln während und nach Sanktionen zu tun, wie Lucia Kronsteiner, Sanktionenexpertin im Außenministerium, das Phänomen nennt. Das hat aber auch mit der Angst vor möglichen späteren Restriktionen seitens der USA zu tun. Im Unterschied zu Europa nämlich sind die Iran-Sanktionen in den USA nur zum Teil aufgehoben. Und weil iranische Unternehmer in Sachen Compliance-Vorschriften „wenig Erfahrung“ hätten, wie es ein österreichischer Bankenvertreter formuliert, sei Zurückhaltung geboten. Dies, obwohl die iranischen Banken bis auf zwei Ausnahmen wieder an das internationale Swift-Transaktionssystem angeschlossen sind.

Die Unzufriedenheit auf allen Seiten bringt nun sogar die Politik immer mehr in Zugzwang, zumal das Atomabkommen nicht durch enttäuschte Erwartungen im Wirtschaftsaustausch gefährdet werden sollte. In Deutschland etwa hat die Bundesregierung die Banken mehrfach zu mehr Engagement gedrängt. Vor wenigen Tagen hat sich auch der Iran über die Zurückhaltung der europäischen Großbanken beschwert. Und gestern haben die USA und die EU ihre Firmen zu mehr Engagement dort aufgerufen: Es sei im Interesse der internationalen Gemeinschaft, dass das Atomabkommen seine Wirkung entfalte „und auch Vorteile für das iranische Volk bringt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

 

Aus Geldmangel hart

Gewiss, der Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern und mit der Aussicht auf ein mittelfristiges BIP-Wachstum von jährlich gut vier Prozent weiß um seine Attraktivität und treibt im Moment den Eintrittspreis, zumal er als Drehscheibe für eine gesamte Region mit insgesamt 180 Millionen Einwohnern lockt. „Der Iran fordert nicht nur von den ausländischen Großkonzernen, sondern auch von den KMUs Lieferantenkredite ein“, erklärt Manfred Ritter, Chef der Beraterfirma und seit den 80er-Jahren im Irangeschäft aktiv: Auch mache Teheran Druck, die Produktion ins Land zu verlagern. Das habe auch damit zu tun, dass „enormer Liquiditätsmangel“ herrsche.

Der Iran und die USA schätzen, dass durch die Sanktionen etwa 100 Mrd. Dollar (89,2 Mrd. Euro) im westlichen Ausland eingefroren wurden. Nur ein Teil wurde bisher freigegeben. Und was die Milliarden betrifft, die noch in asiatischen Staaten oder Russland als Gegenleistung für Öllieferungen während der Sanktionen liegen, so bekommt der Iran mit unterschiedlichem Erfolg Zugang zu ihnen. Russland kooperiert beim Service im Ölsektor, und auch mit China kommt das Geschäft in Schwung. Bezeichnend, dass die einzige Bank, die heuer in Teheran eine Filiale eröffnet hat, die chinesische ICBC ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

Kommentar zu Artikel:

Die Euphorie bei den Irangeschäften versickert

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen