Der Fluch der negativen Zinsen

Zehnjährige deutsche Staatsanleihen sind das wichtigste Finanzierungsinstrument in Europa. Aus Angst vor dem Brexit ist hier die Rendite erstmals unter null Prozent gefallen.

(c) APA/dpa/Bernd von Jutrczenka

Wien. Der gestrige Dienstag wird in die Finanz- und Wirtschaftsgeschichte eingehen: Erstmals ist die Rendite von zehnjährigen deutschen Staatsanleihen unter null Prozent gefallen. Zeitweise wurden die Papiere mit einem negativen Zins von 0,034 Prozent gehandelt. Die Auswirkungen gehen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Zwar ist der Kauf von zweijährigen deutschen Staatsanleihen schon seit Mitte 2014 ein Verlustgeschäft. Doch Papiere mit zehnjähriger Laufzeit sind für institutionelle Investoren (Banken, Versicherungen, Investmentfonds und Pensionskassen) weltweit die mit Abstand wichtigste Finanzierungsform.

In Europa gehören zehnjährige deutsche Staatsanleihen zu den meistgehandelten Wertpapieren. An einem durchschnittlichen Börsentag werden sie für rund 20 Milliarden Euro ge- und verkauft. Der Grund für den negativen Zins ist die starke Nachfrage nach den Anleihen – wegen der Angst vor der Abstimmung über einen EU-Austritt Großbritanniens. Experten befürchten bei einem Brexit einen weltweiten Börsencrash.

 

Deutschland als sicherer Hafen

In unsicheren Zeiten greifen Investoren zu deutschen Staatsanleihen, weil diese als besonders sicher gelten. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Alle führenden Ratingagenturen bewerten die Bonität des Landes mit der Bestnote. Denn in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit niedrig, hinzu kommt ein relativ gutes Wirtschaftswachstum.

Ein weiterer Grund für den Minuszins ist die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Um die Konjunktur anzukurbeln, kauft die EZB seit März 2015 jeden Monat Staatsanleihen im Volumen von 80 Milliarden Euro. Mittlerweile deckt sie sich auch mit Anleihen von Großkonzernen ein. Die massiven Interventionen der EZB auf den Anleihenmärkten führen notgedrungen zu negativen Zinsen. Allerdings ist das EZB-Programm umstritten. Kritiker behaupten, dass die EZB-Milliarden nicht in der Wirtschaft ankommen, sondern dass damit nur den Staaten geholfen wird, weil sich diese günstiger verschulden können.

Das Ganze geschieht zum Schaden der Sparer. Berücksichtigt man die Kapitalertragsteuer und die Inflationsrate, ist Sparen schon seit Längerem ein Verlustgeschäft. Nun zahlen auch immer mehr Kunden von Pensionsfonds und Versicherungen drauf, denn diese sind gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihrer Gelder in sicheren Wertpapieren anzulegen. Die deutsche Versicherungswirtschaft sprach am Dienstag von einem „neuen traurigen Kapitel in einem von der Geldpolitik verzerrten europäischen Anleihemarkt“. Die negativen Zinsen sind auch schlecht für die Bilanzen der Banken. Denn die Geldhäuser müssen sichere Wertpapiere, die sie in Krisenzeiten schnell verkaufen können, halten. Dafür eignen sich zehnjährige deutsche Staatsanleihen besonders gut.

 

Schweiz: Auch im Minus

Die Renditen von Staatsanleihen zeigen, wie Investoren ein Land einstufen. Neben Deutschland gibt es in Europa bei zehnjährigen Staatsanleihen nur noch in der Schweiz einen negativen Zins.

Österreich wird mit plus 0,218 Prozent im europäischen Umfeld als sehr sicher eingestuft. Nur in vier Ländern (Schweiz, Deutschland, Dänemark und Schweden) ist der Zins niedriger als in Österreich. Nach Österreich folgen die Niederlande mit 0,24 Prozent. Großbritannien kommt übrigens auf 1,149 Prozent. Das EU-Land mit dem höchsten Zins ist Griechenland (7,9 Prozent).

Über die Entwicklung kann sich Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) freuen. Er verdient mit dem Schuldenmachen sogar Geld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2016)

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