150 Milliarden für die Bankenrettung?

Europa steht vor einer neuen Bankenkrise, diesmal ausgehend von Italien. Die Indizien mehren sich, dass wieder die Steuerzahler und nicht die Gläubiger und Investoren zur Kasse gebeten werden.

ITALY-ECONOMY-BANK
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Monte dei Paschi di Siena – APA/AFP/GIUSEPPE CACACE

Wien. Die Schlagzahl der Wortmeldungen erhöht sich: Am Sonntag war der Chefökonom der Deutschen Bank am Wort. Im Interview mit der „Welt“ forderte David Folkerts-Landau ein Rettungsprogramm für Europas Banken. „Mit 150 Milliarden Euro lassen sich die europäischen Banken rekapitalisieren“, sagte er. Erst am Donnerstag hatte der Aufsichtsratschef der französischen Société Générale der Nachrichtenagentur Bloomberg diktiert: „Das gesamte Bankensystem steht unter Druck. Wir haben Regeln aufgestellt, die womöglich die Krise befördern.“

Mit den Regeln spielte Lorenzo Bini Smaghi auf die EU-Bankenrichtlinie an. Diese wurde erst vor einem Jahr beschlossen und sieht vor, dass im Fall des Falles nicht die Steuerzahler, sondern die Gläubiger und Anleger zur Kasse gebeten werden.

Konkret geht es um die maroden italienischen Banken. Die älteste Bank Italiens, die Monte dei Paschi di Siena, steht de facto vor dem Kollaps. 40 Prozent des Kreditvolumens der Bank sind notleidend. Die Regierung von Matteo Renzi pocht auf Staatshilfen. Deshalb kam es auch beim jüngsten EU-Gipfel zu einer heftigen Kontroverse zwischen Renzi und der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel. Während Merkel erklärte, dass man nicht „alle zwei Jahre“ die Regeln ändern könne, dürfte Renzi entschlossen sein, sich über die EU-Regeln hinwegzusetzen und Steuergeld in die Hand zu nehmen.

Die Deutsche Bank hat Renzi auf seiner Seite. Was niemanden wundern dürfte. Denn der gesamte italienische Bankensektor hat 360 Milliarden Euro an Krediten in seinen Büchern, davon dürften 18 Prozent faul sein. Krachen die italienischen Banken, so könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Denn laut der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) stecken in diesen italienischen Banken rund 550 Milliarden Euro von anderen Geldhäusern aus aller Welt. Allein französische Banken liehen den Italienern 250 Milliarden und die deutschen Banken immerhin fast 90 Milliarden.

 

Problem 30-mal größer als Griechenland

Es ist also kein Wunder, dass französische und deutsche Bankinstitute im Tagesrhythmus dazu aufrufen, die vielen kleinen Anleger zu verschonen und doch lieber in den Steuertopf zu greifen. Allein die Deutsche Bank muss im Fall eines italienischen Bankencrashs um Kredite in Höhe von mehr als 13 Milliarden Euro bangen. Nur zum Vergleich: Bei einem Zusammenbruch der griechischen Banken hätte die Deutsche Bank weniger als eine halbe Milliarde an Krediten abschreiben müssen. Somit ist allein für die Deutsche Bank das Problem Italien 30-mal größer als jenes von Griechenland.

Und für den französischen Finanzsektor dürfte die Lage noch viel dramatischer sein. Umso unverhohlener forderte Société-Générale-Aufsichtsratschef Smaghi, dass die Staaten für die Rettung der Banken in die Bresche springen. „Wir müssen die Regeln ändern“, sagte er.

Dass das Brexit-Votum der Briten die neue Bankenkrise ausgelöst hat, wäre eine äußerst kühne Behauptung. Vielmehr hat die Abstimmung die virulenten Probleme offengelegt – indem etwa der Verkauf der notleidenden Kredite der Krisenbank Monte dei Paschi di Siena abgeblasen werden musste. Aufgrund der Turbulenzen an den Börsen bekamen potenzielle Käufer kalte Füße.

Schließlich gerieten Banktitel in den vergangenen zwei Wochen enorm unter Druck. Allein die Deutsche-Bank-Aktie büßte in den vergangenen zwei Wochen 25Prozent ein. Bei der Société Générale waren es 23Prozent, die UniCredit-Aktie verlor seit 23. Juni fast 30 Prozent an Wert. Dagegen muten die 13 Prozent, um die die Erste-Bank-Aktie seit dem Brexit-Referendum eingebrochen ist, direkt freundlich an.

Doch das Problem der italienischen Banken ist lang bekannt. Beim Bankenstresstest im Oktober 2014 fielen gleich neun italienische Institute durch. Kein anderes Land schnitt derart miserabel ab. Die Lehren daraus wurden nicht gezogen. Und Matteo Renzi bleibt nicht mehr viel Zeit. Schon im Oktober steht in Italien ein Verfassungsreferendum an. Sollte er bis dahin die Bankenrettung nicht geschafft haben, wäre er wohl der zweite Premier in diesem Jahr, der nach einem Referendum den Hut nehmen muss.

Weitere Infos: www.diepresse.com/bankenkrise

AUF EINEN BLICK

Italiens Banken haben insgesamt 360 Milliarden an Krediten vergeben. Davon sind 18 Prozent notleidend. Allein bei der Krisenbank Monte dei Paschi di Siena dürften 40 Prozent der Kredite faul sein.

Geldhäuser in aller Welt liehen den italienischen Banken 550 Milliarden Euro. Die französischen Institute sind mit 250 Milliarden am stärksten involviert. Deutsche Kreditinstitute verliehen bis zu 90 Milliarden. Ein Bankencrash in Italien könnte also eine Kettenreaktion auslösen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2016)

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