Urlauber meiden die Türkei – dem Land droht eine Pleitewelle

Die Attentatsserie und der nunmehrige Putsch treffen den wirtschaftlichen Nerv des Landes, das von zweistelligen Zuwachsraten träumte.

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APA/AFP/BULENT KILIC

"Es ist ruhig" lautete die Botschaft der Reiseveranstalter. In der Tat dürften die meisten Gäste in den Urlaubsgebieten im Süden der Türkei, die von Istanbul und Ankara weit entfernt sind, vom gescheiterten Putschversuch nichts mitbekommen haben. Auch der Flugverkehr hat sich nach der kurzen Unterbrechung am Samstag wieder normalisiert. Die AUA und ihre Mutter Lufthansa nahmen am Sonntag den regulären Flugbetrieb wieder auf.

Aber was ist schon „normal“? Für Hotels, Restaurants, Bootsverleiher – schlichtweg für alle, die ihr Geschäft mit Touristen machen – ist die Lage alles andere denn normal. Nicht erst die Ereignisse vom Wochenende treffen das riesige Land zwischen Europa und Asien ins Mark. Die vielen Terroranschläge – der letzte auf dem Flughafen Istanbul ist noch nicht einmal drei Wochen her – und letztlich auch die ungelöste Flüchtlingsfrage fügen der Türkei schweren wirtschaftlichen Schaden zu.

Am deutlichsten spürt das der Tourismus: Er ist die Jobmaschine, die gut acht Prozent der Türken Arbeit verschafft, er trägt mit knapp 13 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist einer der wichtigsten Devisenbringer. Jetzt droht er endgültig zum Stillstand zu kommen.

Schon in den ersten Monaten dieses Jahres zeichnete sich das Fiasko ab: Im April sackte die Zahl der Auslandsbesucher um 28 Prozent auf 1,75 Millionen ab. Im Mai lag das Minus bei 23 Prozent. Für Juni liegen noch keine Zahlen vor, aber der Trend dürfte sich in dieser Dimension fortsetzen. Zumal das US-Außenministerium am gestrigen Sonntag die amerikanischen Bürger vor Reisen in die Türkei gewarnt hat. Österreich und Deutschland haben noch keine explizite Reisewarnung ausgesprochen, sie mahnen jedoch zu erhöhter Vorsicht. Das müssen sie gar nicht mehr: Die Deutschen, die das größte Touristenkontingent zwischen Bodrum und Antalya stellen, wie auch die Österreicher ließen schon in den vergangenen Monaten aus.

Der Reisekonzern TUI verzeichnet ein 40-prozentiges Minus bei den Türkei-Buchungen. Nach zwei Millionen Türkei-Gästen im Jahr 2015 dürfte TUI heuer nur rund eine Million ins Land bringen, schätzt TUI-Chef Fritz Joussen. Wenn diese Marke überhaupt noch erreicht wird. Denn Joussens Prognose stammt von Juni. Ebenso wenig dürfte die Prognose der türkischen Regierung halten, heuer zumindest 30 bis 33 Millionen Urlauber begrüßen zu dürfen. 37 Millionen waren geplant. Dementsprechend dürften die Umsätze im Tourismus weit unter den erwarteten 30 Milliarden Dollar liegen. Auch die Russen, die nach Beilegung des bilateralen Konflikts und Aufhebung des Charterflugverbots durch Präsident Wladimir Putin wieder in die Türkei reisen dürfen, meiden das Land.

Deutlich weniger Wachstum

Die unsichere politische Lage und die Angst vor Terror schaden der gesamten Wirtschaft. 3,5 Prozent Wachstum erwartet die Weltbank für dieses Jahr – noch. Was sich im Vergleich zu Europa viel anhört, lässt am Bosporus die Alarmglocken läuten. Denn als der jetzige Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, 2003 als Premier an die Macht kam, waren zweistellige Wachstumsraten in Sicht.

Europas größter Kreditversicherer, Euler Hermes, rechnet heuer mit fast 15.000 Firmeninsolvenzen, um acht Prozent mehr als im Vorjahr. Eine der prominentesten Pleiten: die Supermarktkette Begendik. Die Krise im Tourismus bringt aber nicht nur Hotels in Bedrängnis, sie macht vor allem den vielen kleinen Firmen und Händlern zu schaffen – vom Nussverkäufer im Basar von Istanbul bis zum Liegestuhlverleiher in Antalya. Auch Turkish Airlines macht Verluste. Ökonomen warnen davor, dass die Abwärtsspirale auch die Banken treffen werde, weil der Anteil fauler Kredite steigt. Das macht sich in den Bilanzen nicht so gut.

Kein Wunder, dass die türkische Zentralbank gleich nach dem Putschversuch Beruhigungssignale in Richtung Kapitalmarkt ausgesendet hat. Sie werde alles Nötige tun, um die Finanzstabilität zu gewährleisten, teilte die Notenbank mit. Geschäftsbanken erhielten unbegrenzten Zugang zu Liquidität. Dafür müssten sie keine Gebühr zahlen. Auch die Regierung versucht, Investoren zu beruhigen: „Wir haben die Kontrolle. Kein Grund zur Sorge“, schrieb der stellvertretende Ministerpräsident, Mehmet Simsek, auf Twitter. Die Regierung habe in Absprache mit Zentralbank und Finanzministerium alle erforderlichen Maßnahmen getroffen.
[MKWT7]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2016)

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