"Die Franzosen arbeiten nicht, sie schuften"

Das Land wirbt aktiv um ausländische Investoren – auch in Österreich. Bis 2017 sollen die Arbeitskosten um 30 Milliarden Euro sinken.

(c) APA/AFP/YASUYOSHI CHIBA

Wien. Frankreich ist ein guter Boden für Investitionen und Innovationen! Diese These wollte am Montag der französische Botschafter in Österreich, Pascal Teixeira da Silva, Journalisten näherbringen. Dazu lud er nicht nur sie zu einem stillvollen Frühstück in die noblen Räumlichkeiten der französischen Botschaft ein, sondern auch namhafte österreichische Unternehmen, die sich schon längst dazu entschlossen haben, in Frankreich zu investieren.

Die Wirklichkeit in Frankreich sei heute eine andere, als oft in den Medien dargestellt, sagt Teixeira da Silva zu Beginn: Frankreichs Makroökonomie habe sich gut erholt: „Das BIP stieg seit der Krise um 3,5 Prozent, das ist weit mehr als der Durchschnitt des Euroraums. Und das Wachstum wird laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds 2016 um 1,5 Prozent steigen.“

Ein kurzer Informationsfilm räumte dann noch mit anderen Vorurteilen auf. Etwa dass Frankreich nicht mit Deutschland mithalten könne. Eine Unternehmensgründung dauere – anders als dort – nur vier Tage. Die Franzosen seien überdies weltoffen und viel fleißiger als man denkt: Während Manager in Deutschland im Schnitt 44,4 Stunden pro Woche arbeiteten, säßen französische gleich 45,6 Stunden hinter ihrem Schreibtisch. Die 35-Stunden-Woche lebten nur ein Viertel der Arbeitskräfte. Kurz gesagt: „Die Franzosen arbeiten nicht, sie schuften!“ Außerdem sei eine Reform des Arbeitsrechts im Gang, die weitere Flexibilisierung garantiere. Bis 2017 sollen die Arbeitskosten um 30 Mrd. Euro sinken.

Klingt alles ganz formidabel. Die geladenen Investoren zeichneten dann allerdings ein differenzierteres Bild. Ernst Lemberger, Chef der Montana Holding, kann auf eine langjährige Erfahrung in Frankreich zurückblicken. Seit 1992 hält die Holding Beteiligungen in Frankreich. Derzeit sind es fünf Fertigungsbetriebe, die Teile für die Aerospace-Industrie herstellen und dafür sei Frankreich ein guter Standort. „Ich möchte aber nicht verheimlichen, dass das Leben eines Industriellen nicht einfach ist, in Frankreich vielleicht sogar ein bisschen schwieriger als in Österreich“, so Lemberger. „Eine nicht sehr gute Verwaltung und eine Justiz, die extrem langsam ist“ mache es Unternehmern schwer. „Auch gibt es das Prinzip der Hausbank nicht. Das macht Finanzierungen von großen Investitionsvorhaben kompliziert.“ Weshalb will Lemberger trotzdem weiterhin in Frankreich investieren? Die gute Infrastruktur sei ein großer Vorteil, sagt er. Auch mit der ganz hervorragenden Förderung von Forschung und Entwicklung hebe sich das Land von allen anderen ab: „Das kann man für kleine Betriebe, die technisch komplizierte Produkte erzeugen, gar nicht genug betonen“, sagt Lemberger. Ein weiters Plus sei die steuerliche Forschungsförderung, „die eine wirkliche Stütze für kleine Unternehmen, die nicht so hohe Kapitalreserven haben, ist“.

 

Mitarbeiter sind gut und mobil

Karin Exner-Wöhrer, Vorstandsvorsitzende der Salzburger Aluminium AG, nennt noch andere Gründe, die Frankreich für ihren Konzern attraktiv machen: „Wir finden hier eine ganze Reihe von technisch sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern, die noch dazu vielsprachig und mobil sind.“ Das sei ein großer Unterschied zu Österreich. Eine Aussage, die alle anderen anwesenden Unternehmer ebenso unterstreichen. Sie loben unisono die einzigartige Qualität der französischen Ingenieure.

Genauso herrscht Einstimmigkeit, wenn es ums „starre Arbeitsrecht“ und die „sehr andere Gewerkschaftskultur“ geht. Viel schneller als hier werde bei Verhandlungen mit Streik gedroht. Und noch etwas sei für die französische Mentalität typisch, sagt Christof Domenig von der Wienerberger AG: Es ist unmöglich, eine Kündigung auszusprechen, solange die Firma in einer Gewinnsituation ist. Doch genau das werde nun leichter werden, sagt der Botschafter. Im August ist eben ein neues Arbeitsrecht verabschiedet worden. Kündigungen sollen demnach schon bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse möglich sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2016)

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