Vatikanbank: Die Geldwäscher Gottes

Konten für Mafiosi, Schmiergelder, Vertuschung: Die Vatikanbank wird von der Vergangenheit eingeholt. Ein Enthüllungsbuch brachte nun ihren Chef zu Fall. Benedikt XVI. will aufräumen.

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(c) EPA (Claudio Peri)

Inserito scidulam quaeso“: Die Rätsel rund um die Vatikanbank beginnen schon am Bildschirm ihrer Bankomaten. Weil Latein offizielle Sprache im kleinsten Staat der Erde ist, sind dort auch die elektronischen Kassen auf sie programmiert. Ein Blick ins Wörterbuch klärt auf: Man möge bitte seine Karte einführen, will uns die Maschine sagen. Doch die wahren Geheimnisse im Institut für religiöse Werke (IOR), wie die Sparkasse des Papstes offiziell heißt, betreffen das ausgespuckte Geld – woher es kommt, warum es hier liegt, wer seine Früchte genießt.

Die Leoninische Mauer rund um den Vatikanstaat war immer auch eine Mauer des Schweigens. Aber aus keinem Teil des päpstlichen Minireichs dringt so wenig hinaus in die weltliche Welt wie aus dem düsteren Turm Nikolaus V. Hier, oberhalb des Apostolischen Palasts, wacht seit 1942 die Elite der „weißen Finanz“ über den katholischen Staatsschatz: fünf Mrd. Euro verwaltetes Vermögen und eineinhalb Tonnen Gold im Keller.

Letzten Mittwoch wurde ihr Präsident vom Thron gestoßen: Angelo Caloias Vertrag wird vorzeitig aufgelöst. Eineinhalb Jahre vor seiner Pensionierung wird er auf einen Versorgungsposten im Staatsrat abgeschoben. An seine Stelle tritt Ettore Gotti Tedeschi, bisher Italien-Chef des spanischen Banco Santander. Das hat die fünfköpfige Kardinalskommission beschlossen,eine Art Aufsichtsrat der Bank, die direkt dem Papst untersteht.

Mönche und Mafiosi. Die Gründe ihrer Entscheidung wären dem weltlichen Publikum so verborgen geblieben wie die Diskussionen auf einem Papstkonklave – gäbe es da nicht das Skandalbuch „Vatikan AG“, das seit Juni an den Spitzen der italienischen Bestsellerlisten steht und zum Sturz Caloias geführt hat. Seitdem bluten wieder alle bösen Kratzer, die das Image des Instituts vor Jahrzehnten abbekam. Auch das Misstrauen gegen das Geschäftsmodell ist wieder wach.

Denn nur in einer Hinsicht ist das IOR eine Bank wie jede andere: Sie soll, ihren Statuten gemäß, Gewinn erzielen. Doch damit sind die profanen Parallelen schon zu Ende. Denn dieser Gewinn, der formal dem Papst selbst gehört, kommt der Kirche, den Missionen und wohltätigen Zwecken zugute. Die 1400Kunden der Bank sind Bischöfe, Nonnen und Mitarbeiter des Vatikans. Doch nicht nur fromme Seelen, arm wie Kirchenmäuse, stehen an ihrem einzigen Schalter Schlange. Die Bank eröffnete – zumindest bis vor drei Jahren – auch Konten für ausgesuchte Privatkunden, und die spülten das große Kapital in die Kassen. Mit dabei war, wer gute Beziehungen spielen ließ und versprach, einen Teil seiner Kapitalerträge früher oder später zu spenden.

Verschwiegen wie Trappisten. Dafür erwarten den Anleger paradiesische Zustände: Er muss keine Steuern zahlen und genießt eine lückenlose Diskretion. Das Schweigegebot ist rigoroser als in jedem Trappistenkloster: keine Zusammenarbeit mit Fiskus und Polizei, volle Anonymität, keine Bilanzen und Rechenschaftsberichte. Das Konkordat mit Italien garantiert den Schutz. Und bis heute hat das IOR kein einziges Abkommen zur Regulierung der Finanzmärkte unterschrieben. Kurz:Es ist ein Offshore-Paradies auf Erden – Sündenfall inklusive.

Denn schon bald lockte das Angebot auch Anleger, die nicht ihr Gewissen reinwaschen wollen, sondern das Geld, an das sie durch mafiose Machenschaften, Korruption oder Steuerhinterziehung gelangt waren. Die Bombe explodierte 1982 mit dem betrügerischen Bankrott der Banco Ambrosiano in Mailand. Deren Leiter Roberto Calvi, der sizilianische Banker Michele Sindona und der damalige Vatikanbank-Chef, Erzbischof Paul Marcinkus, bildeten ein skrupelloses Geldwäschertrio mit Kontakten zur Mafia. In die Versuchung, alles auszupacken, kamen zwei von ihnen nicht mehr: Calvi fand man erhängt unter einer Londoner Brücke, Sindona wurde im Hochsicherheitsgefängnis Zyankali in den Espresso gemischt.

Marcinkus aber bunkerte sich im Vatikan ein. Jahrelang verhinderte Johannes Paul II. seine Auslieferung an die italienische Justiz. Erst 1990 ersetzte Wojtyla den amerikanischen Kleriker durch einen fünfköpfigen Laienrat, der fortan für korrektes Gebaren in Sankt Peters Steueroase sorgen sollte.

An seiner Spitze: Angelo Caloia, der nun abgelöste Saubermann. An seiner persönlichen Integrität zweifelt bis heute niemand. Doch es entging ihm in den ersten Jahren, dass ein Privatsekretär von Marcinkus die kriminellen Geschäfte in einer Schattenbank weiter betrieb. Donato de Bonis wob ein Spinnennetz von Tarnkonten, ausgestellt auf fiktive Einrichtungen wie die „Stiftung für die armen Kinder“ oder „Kampf der Leukämie.“ Dahinter verbargen sich Wirtschaftsbosse und Politiker. Kofferweise schleppte de Bonis jede Woche Bargeld dubioser Provenienz herbei. Allein 26 Mio. Euro waren es für seinen ersten Klienten: Premier Giulio Andreotti, codiert als „Omissis“. Vor allem aber wurde im Turm Nikolaus V. ein Teil der Mittel aus „Tangentopoli“, dem größten Schmiergeldskandal in Italiens Geschichte, weißer als weiß gewaschen.

Der offizielle Bankchef Caloia aber behielt seine weiße Weste. Doch seit 1992 wussten er – und der Papst – Bescheid, wie aus den nun veröffentlichten Unterlagen hervorgeht. Zwar wurde „Roma“, wie man de Bonis in internen Memos nannte, ein Jahr später als Kaplan zu den Malteser-Rittern abgeschoben. Aber nach außen hin wurde traditionsgemäß geschwiegen.

Zwei Koffer in der Schweiz. Auch die Mailänder Staatsanwälte, die „Tangentopoli“ aufdeckten, klopften mit ihren „sauberen Händen“ vergebens an die Bronzetore des Vatikans. Welche Politiker sich hinter Codenamen wie „Ancona“ oder „Siena“ verbargen, verrät Caloia bis heute nicht. Nur einer wollte nicht schweigen, zumindest nicht posthum. Ein Berater der Papstes, Renato Dardozzi, legte ein Archiv von 5000 Dokumenten an, versteckte sie in zwei Koffern auf einem Bauernhof in der Schweiz und vermachte sie einem Journalisten seines Vertrauens: Gianluigi Nuzzi, der sie dort, beschützt von Leibwächtern, nach dem Tod Dardozzis 2003 abholte und daraus seinen Bestseller „Vatikan AG“ kompilierte.

Sein beunruhigendstes Kapitel ist das letzte: ein Interview mit dem Sohn eines Exbürgermeisters von Palermo, dem ersten Politiker, der in Italien wegen Packelei mit der Mafia im Gefängnis landete. Er diente als Strohmann für Überweisungen an die Bosse der sizilianischen Mafia – und das nicht nur zur Ära des Schattenbankers, sondern noch viel später. Die letzte Zahlung soll erst vor zwei Jahren geflossen sein.

Grund genug für den neuen Papst, einen neuen Anlauf zu nehmen: Josef Ratzinger will mit der Ablöse des Bankchefs einen Schlussstrich ziehen und für „Transparenz“ sorgen. Alles andere stünde auch schwer im Einklang mit seiner Enzyklika „Caritas in Veritate“, in der unter den „Auswüchsen der Globalisierung“ auch Steuerparadiese kritisiert werden – ein Vokabel, das den Lateinübersetzern ähnliche Probleme bereitete wie die Anzeige der Bankomaten. Der neue Mann der Vatikanbank schlug Benedikt XVI. wegen seiner Enzyklika sogar für den Wirtschaftsnobelpreis vor. Das ist zum Teil Eigenlob, weil er selbst den Papst bei der Abfassung beraten hat. Gotti Tedeschi steht – Verschwörungstheoretiker, aufgepasst! – dem Opus Dei nahe, lehrt aber immerhin „Ethik der Finanz“ an einer Mailänder Universität.

Zudem verfasste er ein Buch mit dem Titel „Geld und Paradies“. Er sollte also wissen, dass der Weg in den Garten Eden nur schwer über ein kirchliches Steuerparadies für arme Sünder läuft. Vielleicht kann ihm bei seiner Gratwanderung zwischen Transparenz und Diskretion ja die heilige Teresa beistehen. Sie entwarf, abseits ihrer erotisch-mystischen Visionen, auch eine recht pragmatische Moral für den Umgang mit Vermögen: „Geld ist der Kot des Teufels, aber es ist ein wunderbarer Dünger.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)

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