Huaxi - die Kapitalistenkommune Chinas

Die Familien haben im Schnitt 102.000 Euro Vermögen und ein Anrecht auf mindestens ein Auto. Huaxi, die reichste Gemeinde Chinas, ist bezeichnend für das ganze Land. Denn der Wohlstand baut auf 30.000 Rücken von Wanderarbeitern.

FILE - This Aug. 11, 2009 photo shows two men riding a moped through a residential area of Huaxi, Jia
FILE - This Aug. 11, 2009 photo shows two men riding a moped through a residential area of Huaxi, Jia
(c) AP (Eugene Hoshiko)

Aus den Lautsprechern auf dem Platz tönt stündlich die Dorfhymne: "Willst du ein Wunder sehen, dann komm nach Huaxi." Entlang der breiten, von Bäumen gesäumten Straßen reihen sich rotgedeckte Villen aneinander, eine fast wie die andere, an jeder Ecke gepflegter Rasen und Doppelgaragen. Jede Familie hat ein Haus und mindestens ein Auto - von der Genossenschaft.

Willkommen im reichsten Dorf Chinas. Das Vermögen einer Familie hier ist durchschnittlich umgerechnet 102.000 Euro wert, bei einem landesweiten Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet rund 1.300 Euro im Jahr. Die größten Unternehmen des Ortes erzielten 2008 mit Stahl, Eisen und Textilien 50 Milliarden Yuan (5,03 Mrd. Euro) Umsatz. Sie gehören der Huaxi-Gruppe, die als erstes genossenschaftliches Unternehmen an eine chinesische Börse ging. Und doch ist diese Unternehmergemeinde im Kern eine Kommune geblieben, in der das Land allen gehört und der Besitz geteilt wird.

Vom Verräter zum Heiland

Der ein Quadratkilometer große Flecken Huaxi in der Provinz Jiangsu war ein armes Dorf wie Hunderte andere. Bei der Gründung 1961 taten sich ein Dutzend Landbrigaden zu einer Produktionsgenossenschaft zusammen. Die Behausungen waren schlicht, befestigte Straßen eine Seltenheit. Fleisch kam selten auf den Tisch. Parteisekretär Wu erkannte, dass sie es als Bauern nie zu etwas bringen würden. Er setzte sich für eigenverantwortlichen Anbau statt des Kollektivs ein und wollte den genossenschaftlichen Bambushain zur Bewirtschaftung ausschreiben. Gefährliche Ideen zu Zeiten der Kulturrevolution: Die Dorfjugend stellte Wu als "kapitalistischen Verräter" an den Pranger und setzte ihn sechs Monate lang fest.

Wu wollte es trotzdem wissen. 1969 richtete er unter der Hand eine kleine Metallwarenfabrik ein. "Die Fabrik war ein Geheimnis. Wenn Funktionäre zu Besuch kamen, schickten wir alle Arbeiter hinaus aufs Feld. Wenn sie wieder gingen, kehrten wir zur Arbeit zurück", kichert Wu. "Nach außen hin kritisierten wir den Kapitalismus, nach innen praktizierten wir ihn." Ein einziger Kampf sei es gewesen. "Aber ich wollte, dass die Leute hier zu Wohlstand kommen, also habe ich das Risiko nicht gescheut", sagt er.

Grundsicherung und Gewinnanteil

Als China sich schließlich für Unternehmertum und Privatwirtschaft zu erwärmen begann, hatte Huaxi die Nase vorn. Die Erträge der Fabrik wurden zur Expansion genutzt, neue Firmen entstanden. "Als ich klein war, gab es nicht einmal drei Mahlzeiten am Tag. Ich träumte von einem Bürojob, weil ich die Landarbeit hasste", gesteht Zhu Zhongliang. Der 48-Jährige ist Manager im Stahlwerk. Mit Frau und Tochter wohnt er in einer 460-Quadratmeter-Villa mit Marmorböden und Riesenfernseher, jeder fährt sein eigenes Auto.

Jeder Haushalt der 400 Alteingesessenen hat Anspruch auf ein solches Haus und ein Auto. Die Einwohner erhalten ein Grundgehalt, doch der Löwenanteil ihres Einkommens besteht aus einem jährlichen Bonus, der zu 80 Prozent wieder in Firmenanteile investiert werden muss. Gesundheitsversorgung und Bildung sind gratis, allen steht eine Rente zu. "Unsere Verwandten sind schon eifersüchtig, wenn wir sie zum Frühlingsfest besuchen fahren", sagt Zhu. "Sie beneiden uns."

Kommunistisch-Sozialistischer Fleckerlteppich

Huaxi ist zwar ein extremes Beispiel, aber dennoch bezeichnend für China 60 Jahre nach Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949: ein kommunististisch-kapitalistischer Fleckerlteppich, zusammengehalten vom Sinn fürs Praktische. Auf diesem Geflecht beruht auch die Erfolgsgeschichte Huaxis unter dem heute 82-Jährigen Wu Renbao, dem langjährigen Parteisekretär des Orts. Die Kommunistische Partei preist das Dorf als Modell dafür, wie arme Bauern binnen einer Generation zu wohlhabenden Unternehmern werden können.

"Was heißt Sozialismus? Was heißt Kapitalismus? Wir wollten nur, was für unsere Leute gut ist. Wir wollten, dass die Leute reich werden", erklärt Wu. Sein zweigeschoßiges Haus nimmt sich neben den großen, schönen Villen noch bescheiden aus. Was Wu nicht erwähnt sind die 30.000 Wanderarbeiter im Ort, die von den Segnungen des genossenschaftlichen Kapitalismus nicht viel abbekommen. Auch in diesem Aspekt der Ungleichheit spiegelt das kleine Huaxi das große China wider.

Vor 60 Jahren kämpfte China nach Fremdherrschaft und Umsturz, Hungersnot und Bürgerkrieg ums Überleben. Unter Mao Zedong taumelte das Land zwischen Industrialisierungsversuchen und Säuberungskampagnen. Erst Deng Xiaoping begann mit einer vorsichtigen Öffnung des kommunistischen Riesenreichs für wirtschaftliche Reformen: "Durch Ertasten der Steine den Fluss durchqueren", umschrieb er den Kurs. Sein pragmatischer Ansatz machte China zu der Wirtschaftsmacht, die es heute ist.

Die Lebenserwartung erhöhte sich von 41 Jahren 1949 auf 73 Jahre, die Einkommen stiegen dramatisch, obwohl sich die Bevölkerung von 500 Millionen auf 1,23 Milliarden mehr als verdoppelte. Binnen 30 Jahren hat sich das Bruttosozialprodukt pro Kopf verzehnfacht. Heute ist China der weltgrößte Automobilmarkt und zählt mehr Internet- und Handy-Nutzer als sonst ein Land.

(Ag. )

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