Designer Esslinger: „Wir sind keine Künstler“

Er machte Apple weiß, Sony schlicht und elegant, entwarf Taschen für Louis Vuitton, Uhren für Junghans, Kreuzfahrtschiffe für Disney und die gesamte Erscheinung der Lufthansa. Auf Designer ist Hartmut Esslinger trotzdem nicht gut zu sprechen.

(c) AP (Paul Sakuma)

Für viele ist ein guter Designer gleichzeitig ein Künstler. Was ist ein Designer für Sie?

Hartmut Esslinger: Wir sind keine Künstler. Für Design ist Kunst ein Mittel zum Zweck. Die Kunst selbst hat keinen funktionalen Zweck, aber Design ist eine Dienstleistung. Wir bauen auf Geschichte auf, weil alles im Umgang mit Dingen sozial ist. Und am Anfang steht für mich immer ein unternehmerisches Problem. Zu behaupten, Design sei Kunst, das ist Selbsttäuschung. Es gibt Kunstschaffende, die machen einen Stuhl und sagen dann: So, jetzt bin ich Künstler. Irrelevant. Ist mir egal!

In der Öffentlichkeit sind Autos das Designobjekt schlechthin. Früher waren sie sehr unterschiedlich, heute sehen sie immer mehr aus wie ein Stück Seife. Warum ist das so?

Das Problem ist, dass das Auto heute vieles können muss, Kurzstrecken und Fernverkehr. Und das ist falsch. Man muss Mobilität neu andenken, da ist einiges nicht in der Balance. Wie kann ich dieses Produkt innerhalb seines Systems optimieren? Das Modell „Prius“ von Toyota wurde belächelt wegen seines seltsamen Designs, aber jetzt ändert sich mit ihm auch die Ästhetik. Oft sehen Zukunftsentwürfe aus wie Spielzeuge. Das ist natürlich, man befreit sich von Zwängen. Aber am Ende gewinnt immer die Qualität, wenn sie sozial und ökologisch und preislich konnexiert ist.

 

Auch Ihr Unternehmen hat einmal ein Automodell präsentiert. Doch im Gegensatz zu Ihren anderen Entwürfen blieb es erfolglos.

Das war eine Spielerei, wir wollten ein bisschen provozieren. Bei „frog“ fing es unter anderem mit den Fernsehern von Wega an. Wega war damals ein relativ kleines Unternehmen, die wollten eine eigene Marke haben, eine Alleinstellung. Wir kannten die Konkurrenz und wussten, wie viel die Leute ausgeben können. So wird das entworfen. Wir haben nie gesagt: Wir machen einen schönen Fernseher.

Also sind Sie kein Ästhet im eigentlichen Sinn.

Doch, aber kein Ästhet zum Selbstzweck. In Deutschland war damals alles sehr sachlich, ich wusste, die Leute können etwas mehr Emotionen vertragen. Der Wega-Fernseher wurde dann sehr skulptural, auch erotisch.

 

Wie sieht ein erotischer Fernseher aus? Rund?

Nicht eckig. Aber ich sage Erotik, nicht Sex, verstehen Sie? Erotik ist Imagination, das, was im Kopf passiert. Sony dagegen wollte Einfachheit und Klarheit bei technischer Kompetenz darstellen. Wie es inzwischen Audi macht. Audi ist ein gutes Beispiel: Kompetenz, Innovation und ein geschicktes Design smart verbunden. BMW ist im Augenblick überdesignt.


Können Sie das präzisieren?

Okay. Was ist Ihr Lieblingsessen?

 

Sagen wir, eine Suppe.

Also nehmen wir eine klare Bouillon und geben Gemüsestreifen rein, im Wok angemacht. Dann kommt jemand und sagt: Wir brauchen mehr Gemüse. Wir brauchen mehr Gewürze. Wir brauchen mehr Fett. Verstehen Sie? Es geht um die perfekte Balance. Ästhetik ist nur ein Teil, ein anderer die Materialien, Kosten, Benutzbarkeit, auch der Preis. Auch, ob ein Produkt mit sich selbst im Einklang ist. Wenn Sie eine Tasche verkaufen für 2000 Dollar, da ist wenig Balance.

 

Zum Beispiel die von Ihnen entworfenen Taschen von Louis Vuitton.

Ja, die kann man auch billiger verkaufen. Trotzdem: Bei Louis Vuitton sieht nichts schön aus, aber es ist sehr identisch. Egal, was Sie in der Mode tun, das hat es alles schon gegeben. Aber Louis Vuitton gab es vorher nicht.

 

Welchen Stellenwert hat Schönheit für Sie?

Nur ganz wenige Produkte sind universell schön, weil sie qualitativ hochwertig sind und wegen ihres hohen Preises im Design neutral sein müssen. Schönheit ist sehr individuell, für Europäer anders als für Amerikaner oder Asiaten. Ich bin sicher, Ihnen gefällt ein anderes Auto als mir. Den Eltern gefallen ihre Kinder, sie sind für sie ein bisschen wie ein Spiegel. Eheleute gefallen sich. Es gibt keinen Einheitsgeschmack, auch wenn manche so tun.

 

Trotzdem sind einige Produkte weltweit erfolgreich.

Die müssen sehr zurückhaltend gestaltet sein. Deshalb ist Sony viel zurückhaltender als Wega. Das iPhone von Apple hat einen Rahmen, das ist nicht besonders originell, aber sehr hochwertig gemacht, viele können etwas in diese Form hineinprojizieren. Wenn Sie etwas Überdesigntes nehmen wie dieses Samsung-Telefon von Porsche, das gefällt nur wenigen, aber die zahlen dann 1000 Euro. Zu viel Ausdruck wirkt limitierend. Aber ein iPhone nimmt jeder.

 

Am Design von Apple-Produkten waren Sie maßgeblich beteiligt. Es gibt wohl kaum jemanden, der von sich behaupten kann, mit Steve Jobs nächtelang Wein getrunken und Bob Dylan gehört zu haben. Und am Ende standen ein paar Computermodelle.

Das ist die „public story“: Esslinger hat mit Jobs gearbeitet, Modelle gemacht und Pfannkuchen gebacken. In Wahrheit war es sehr harte Arbeit, und es hat nicht immer so geklappt, wie wir es wollten. Das Hauptproblem war nicht das Design. Apple wollte eine neue Art von Unternehmen schaffen und eine Million Computer verkaufen. Wenn man von 10.000 auf eine Million kommen will, ist das ein Riesenschritt. Dann reicht es nicht, eine Box mit einem Fernseher zu machen. Auch IBM wollte wachsen, aber die dachten an 50.000. Niemand dachte damals in Millionen. Das erste Produkt für jedermann mit künstlicher Intelligenz. Und niemand dachte daran, tragbare Computer zu bauen. Eine Software zu machen, die benutzbar ist für jede Frau, jeden Mann, jedes Kind. Aus einem sympathischen Start-up eine globale Marke zu machen, das war die Herausforderung.

Sie kamen auf die Farbe Weiß.

Weil die Dinger schmutzig wurden durch den Staub und die Hitze der Lüfter, hat man gesagt, machen wir die gleich schmutzig in der Farbe. Und wir haben sie weiß gemacht. Die Story dazu war das Schneewittchen mit einem Apfel. Für mich war Apple nicht der kleine Computerhersteller, der versucht, etwas zu erreichen, sondern Apple war ein kalifornisches Mädchen, so 17 oder 20 Jahre alt. Apple ist weiblich, nicht männlich, das ist sehr wichtig.

 

Für viele ist Apple einfach nur Steve Jobs. Wie er auf der Bühne steht in seinem Rollkragenpullover. Haben Sie noch Kontakt?

Privat ja, beruflich nicht mehr. frog hat ja seit 1995 einen Vertrag mit Microsoft. Nachdem Steve gefeuert wurde, kamen Leute zu Apple, die nur Gewinne machen wollten, die hätten die Firma fast ruiniert. Steve kehrte 1997 wieder zurück. Heute braucht Apple frog nicht mehr. Die machen dort eine fantastische Arbeit, in Richtung Perfektion. Bei uns sind die Rebellen. Beide sind kreativ, aber das Gewicht ist anders.

 

Sie haben vor einigen Jahren Ihre Berufskollegen allgemein als schwarz gekleidete Sauertöpfe bezeichnet, die zu viel Angst vor Verlust haben.

Das stimmt nach wie vor. Unternehmen sind mehrheitlich voll von Feiglingen und Schaumschlägern, die einfach nur Niederlagen vermeiden wollen. Wie eine Fußballmannschaft, die kommt rein und steht nur im eigenen Strafraum, und die andere auch. Können Sie sich dieses Fußballspiel vorstellen? Es gibt viele Eliteberufe, die müssen gut sein, wie etwa Piloten. Ich finde, Design ist auch ein Eliteberuf. Aber einige tun so, als wären sie schon im Flugsimulator ein Pilot. Ich bin der Szene gegenüber sehr realistisch negativ eingestellt.


Was macht Sie da so sicher?

Nehmen Sie AEG in Nürnberg, deren Produktion der Mutterkonzern Electrolux nach Polen verlegt hat. Warum haben die Leute in Nürnberg nicht bessere Dinge gemacht? Ich kenne das Unternehmen, weil ich es beraten habe. Unternehmensführung und Entwickler waren völlig unkreativ, und die Gewerkschaften katastrophal destruktiv. Alle denken, das geht immer so weiter, und das schläfert manchmal die Kreativität ganzer Nationen ein. Hier kommt auch ein Versagen des Oursourcing ins Spiel: Wir packen das ganze Know-how nach China, und dann stehen wir da und waschen wieder Teller, wie Amerikaner sagen. In den USA haben viele drei Jobs statt den einen guten.

 

Eine Waschmaschine muss waschen. Ein Gerät kostet 200 Euro, das andere ist fast unmerklich besser, kostet aber 350 Euro und kommt aus Nürnberg.

Aber es hält viel länger und braucht weniger Wasser. Miele hat Erfolg damit. Qualität geht über Quantität. Dell produziert 1000 Computer in China zu Minimallöhnen und muss sie dann im Westen ohne Gewinn anbieten. Weil sie keiner möchte, weil sie so langweilig sind! Das iPhone hat acht Prozent globalen Marktanteil, aber 32 Prozent globale Gewinne in dem Bereich. Oder Apple... (schreibt auf ein Blatt Bilanzzahlen von Apple und Dell)...macht mit weniger Umsatz das Vierfache von Dells Gewinn.

Nehmen wir an, Design schützt uns vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wie geht es weiter?

Es gibt Irrungen im Kapitalismus, aber es gibt keine Alternativen zum Kapitalismus. Kapitalismus heißt ja nicht, habgierig und neidisch, sondern ein ehrlicher Kaufmann zu sein. Wir haben Designprobleme. Wir haben unglaubliche Ökologieprobleme. Wir kleben die Telefone und werfen sie weg, weil es eine Taste nicht mehr tut. Es ist ein Wahnsinn, welche Verschwendung stattfindet an Material und Geld und Grundvergiftung. Das müssen wir ändern. Dazu brauchen wir auch das Verständnis der unternehmerischen Seite. Und die Unternehmen müssen wissen, es gibt einen Beruf in dieser Welt, da sind die Leute in der Lage, die Dinge zu koordinieren, in vielen verschiedenen Bereichen zu denken. Und das sind die Designer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2010)

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