Das Geschäft mit der Arbeitslosigkeit

Wer den Job verliert, gewinnt das Interesse so mancher Firmen: Fitnessklubs, Banken und Berater machen mit sozialen Absteigern gute Geschäfte. Es geht um Imagepolitur und Profit aus der Not einer wachsenden Zielgruppe.

Symbolbild Arbeitslosigkeit
Symbolbild Arbeitslosigkeit
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Wo viele verzagen, setzt easy Sports auf die „heilende Kraft des Optimismus“. Die süddeutsche Fitnesskette hat sich eine besondere Zielgruppe an die gestählte Brust genommen: Langzeitarbeitslose und Hartz IV-Empfänger. Das Schwitzen und Keuchen an den Laufbändern, beim Bauch-Beine-Po-Kurs und an den Kraftmaschinen soll „die Depression wieder vertreiben und den Kampfgeist stärken“. Dahinter steckt ein Angebot: Wer ohne Job ist, zahlt einen superschlanken Monatstarif von 14,95 Euro. Und da ist auch für den sozialen Verlierer alles mit drin, vom Cardiotheater bis zur Wasserbar.

Peter ist Trainer im Studio in Reutlingen und schwört auf das Konzept. Er erzählt von Gerd, der mit 46 Jahren seine Arbeit als Dreher bei einem Automobilzulieferer verlor: „Der ist damals in ein tiefes Loch gefallen, hat nur mehr Süßes gefuttert und seine Wohnung kaum mehr verlassen. Bis ich ihn zu einem Probetraining überredet habe.“ In ein paar Monaten nahm Gerd 33 Kilo ab, ließ sich mit Yoga- und Qigong-Kursen „mental neu erden“, knüpfte Kontakte zu Schicksalsgenossen – und hatte ihn schon, den neuen Arbeitsplatz als Fotojournalist.

Zeitungsenten setzen Trends. Marketingleiter Angelo Pauso schwärmt von einer Welle, die über den großen Teich herüberschwappe. In den USA würzen angeblich Aerobic-Trainer ihre „Jobless“-Spezialkurse mit Tipps für Bewerbungsgespräche. Diese Geschichte einer Nachrichtenagentur ist zwar nicht wahr, aber gut erfunden. Vielleicht schwappt ja jetzt die Welle, auf der bisher nur eine Zeitungsente schwamm, aus Deutschland zurück ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

In der österreichischen easy-Sports-Filiale in Dornbirn gibt es den Spezialrabatt für „Hacknstade“ noch nicht. „Habt ihr denn auch viele Arbeitslose?“, fragt PR-Mann Pauso unschuldig. Ja, die haben wir. Und unsere eigenen findigen Fitnesscenter. So hat ausgerechnet das schicke beer's im Wiener ersten Bezirk seine soziale Ader entdeckt: Zwei Monate lang dürfen Neo-Joblose, die schon länger Mitglied sind, gratis strampeln und pressen.

Zu dieser Idee ließ sich Christian Beer von Bloomberg inspirieren. Der Datenlieferant für den Finanzmarkt bietet gefeuerten Börsehändlern an, seine Kurskurven kostenlos weiter zu nutzen. „Das fand ich eine coole Idee: dass wir treuen Kunden die Stange halten“, schwärmt Beer. Eine „Kundenbindungsmaßnahme“, die „sehr gut ankommt“ – wem man so viel Mitgefühl entgegenbringt, der wechselt sein Studio nicht mehr so schnell. Auch wenn er schon bald wieder seine 79Euro pro Monat blechen darf.

Ähnliches hat sich wohl der spanische Telekom-Konzern Telefonica gedacht. Er erließ seinen arbeitslosen Kunden für ein Dreivierteljahr bis zu 50Prozent ihrer Telefonrechnung. An die 500.000 Spanier haben davon profitiert. Die Aktion fand im Vorjahr gewaltiges Medienecho, das bis nach Österreich hallte: Die heimischen Konzerne mussten sich öffentlich rechtfertigen, warum sie nicht Ähnliches anbieten.

Applaus von rechts. Offensiver geht da die Erste Bank vor. Sie begann vorigen April damit, Arbeitslose zwölf Monate lang von den Spesen auf ihr Girokonto zu befreien. Das erspart diesen bis zu 100 Euro im Jahr. Dafür gab es Applaus von ungewohnter – und wohl auch ungewollter – Seite: Heinz-Christian Strache freute sich, dass die Erste „nach andauernder Kritik“ nun „zur Vernunft gekommen“ sei. Freilich nicht ohne den skeptischen Nachsatz, dass die Aktion wohl nichts anderes sei als „ein billiger Marketinggag, um sich für die Zukunft Dankbarkeitskunden heranzuzüchten.“

Erste-Sprecher Peter Thier will eine solche Motivation auch gar nicht leugnen: „Wir machen keinen Hehl daraus, dass wir Kunden so gut behandeln, dass sie uns treu bleiben.“ Nicht nur im Umgang mit Schuldnern sei es „das ureigenste Geschäftsinteresse einer Bank, ihre Kunden nicht zu verlieren.“

Dazu gehört übrigens auch ein kostenloses „Finanzcoaching“. Beratung für Arbeitslose ist aber oft weit mehr als eine nette Geste, die Kunden bindet. Man kann damit auch ordentlich Geld verdienen. Heerscharen von Trainern stehen hinter dem breiten Kursangebot, das Arbeitsmarktservice (AMS) und Berufsförderungsinstitut (bfi) für Arbeitslose anbieten. Finanziert wird es von der öffentlichen Hand und den Sozialpartnern.

Rein privatwirtschaftlich geht es beim „Outplacement“ von Mitarbeitern auf höheren Karrierestufen zu. Wenn eine Firma sich von einem Manager trennt, tut sie das tunlichst in gutem Einvernehmen – man sieht sich ja im Leben immer zweimal wieder, und das besser nicht vor dem Arbeitsgericht. Also stimmt man den Vertriebenen milde, indem man ihm einen Berater zur Seite stellt, der bei der Jobsuche behilflich ist. Der Friede hat seinen Preis: 8000 Euro kostet die gecoachte „Auslagerung“ eines Managers im Schnitt.

Selbstbewusstsein gratis. Das tut wohl auch dem angekratzten Ego des Betroffenen gut. Ein einfacher Arbeitsloser verliert hingegen allzu oft sein ganzes Selbstwertgefühl. Selten gibt es auch dagegen ein Angebot. So bietet der fränkische Persönlichkeitstrainer Matthias Schwehm auch für Österreicher Kurse an, in denen er sie für Bewerbungsgespräche mental aufbaut.

Der Clou dabei: Für die acht Arbeitslosen in der Gruppe ist der Kurs gratis, nur die restlichen vier werden zur Kasse gebeten. „Das wird von den Normalzahlern akzeptiert“, versichert Schwehm. Und die Arbeitslosen, hofft er, finden im Kreise anderer Krisenopfer wieder schneller Mut: „Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann sich auch neu motivieren.“

(c) Die Presse / JV

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2010)

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