Erdogans Kampf gegen die "Gemüseterroristen"

In Istanbul und Ankara bietet die türkische Regierung stark verbilligtes Gemüse an. Es ist nicht das erste Mal, dass sie mit ungewöhnlichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen überrascht.

APA/AFP/ADEM ALTAN

Gut sechs Wochen vor den Kommunalwahlen in der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdogan eine ungewöhnliche Maßnahme ergriffen, um dem wachsenden Unmut über die hohen Lebensmittelpreise zu begegnen: Seit Montag verkauft die Regierung in Istanbul und Ankara an eigenen Ständen stark verbilligtes Gemüse. Auf diese Weise will Erdogan dem Preisanstieg begegnen, den er als "Terrorangriff" bezeichnet hat. Gemüsehändler sehen sich aber zu Unrecht an den Pranger gestellt.

In Istanbul ist der Andrang groß vor den Ständen, wo Mitarbeiter der Stadtverwaltung Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln verkaufen. Die Käufer, die teilweise bis zu eine Stunde Schlange stehen, erhalten maximal drei Kilo pro Sorte zu Preisen, die bis zu drei Mal günstiger sind als im regulären Verkauf. So kostet ein Kilo Tomaten knapp drei Lira (50 Cent), während für ein Kilo Kartoffeln oder Zwiebeln zwei Lira fällig werden.

"Wie ist das zu diesem Preis möglich?"

Als Betül Sönmez von der Aktion erfuhr, hat sie sich umgehend zu dem großen Zelt auf den Weg gemacht, dass die Stadtverwaltung auf einem Platz im Bezirk Besiktas errichtet hat. Die 50-jährige Hausfrau ist erfreut, aber auch etwas verwirrt über die niedrigen Preise. "Im Supermarkt würde mich dies etwa 50 Lira kosten", sagt sie mit Blick auf ihre Sackerl voll Gemüse, für die sie gerade 20 Lira gezahlt hat. "Wie ist das zu diesem Preis möglich?"

Die Opposition wirft der Regierung eine Subventionspolitik auf Kosten der Steuerzahler vor, doch die Regierung erklärt, dass sie das Gemüse zu niedrigeren Preisen anbieten könne, weil sie es unter Umgehung der Zwischenhändler direkt von den Erzeugern kaufe. Für die Regierung sind die Händler schuld am drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise, der im Jänner im Verhältnis zum Vorjahresmonat 31 Prozent erreichte.

Erdogan spricht von "Terrorangriff"

Für Erdogan ist der Preisanstieg nicht anderes als ein "Terrorangriff" auf die Türkei. "Jüngst haben sie begonnen, mit der Türkei Spiele zu spielen", sagte er am Montag bei einer Wahlkampfveranstaltung mit Blick auf nicht genannte Kräfte. "Die Preise von Auberginen, Tomaten, Kartoffeln und Gurken sind explodiert. Es ist ein Terrorangriff." Die Regierung werde dagegen aber genauso kämpfen wie gegen die kurdische PKK-Guerilla, versprach er.

Für den Pensionisten Hasan ist klar, dass Spekulanten die Preise treiben, indem sie das Angebot künstlich verknappen. "Nun werden sie auf ihrem Gemüse sitzen bleiben", sagt der schnauzbärtige Mann zufrieden, während er an dem Verkaufsstand in Besiktas ansteht. Andere Bürger wittern jedoch eine Wahlkampfaktion vor den Kommunalwahlen am 31. März. "Warum machen sie das jetzt? Weil es bald Wahlen gibt", ärgert sich Kiymet Erdumlu.

Händler: "Senkt die Kosten"

Bei Gemüsehändlern kommt die Aktion ohnehin nicht gut an. "Es ist eine Schande, uns zu beschuldigen und zum Feind zu machen", sagt der Händler Seracettin Suyu in Sisli. Die Preise seien gestiegen, weil die höheren Dünger- und Treibstoffpreise die Produktionskosten erhöht hätten, während das schlechte Wetter für eine geringere Ernte gesorgt habe. "Senkt die Kosten etwa von Treibstoff", sagt Suyu, "dann können wir unsere Preise senken."

Trotz aller Kritik ist die Aktion aber ein Erfolg: Allein am ersten Tag wurden an den Ständen in Istanbul 300 Tonnen Gemüse verkauft. In Kürze will die Regierung auch verbilligte Reinigungsmittel und andere Produkte anbieten. Angesichts der staatlichen Konkurrenz haben mehrere große Supermarktketten am Dienstag ihre Preise für Gemüse gesenkt, wobei pro Käufer ebenfalls eine Obergrenze von jeweils drei Kilo gilt. "Tayyips Tomaten sind da!", ruft eine Frau in einem Supermarkt in Nisantasi zum Gelächter der anderen Kunden.

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(APA/AFP/Gokan Gunes)

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