Osteuropa fehlen die Menschen und die Roboter

Das schwache Wachstum der Weltwirtschaft kommt in Zentral- und Osteuropa an. Der Miniboom der letzten Jahre ist wieder vorbei. Mittelfristig schwächen Fachkräftemangel und maue Automatisierung die Region.

(c) Bloomberg (Akos Stiller)

Wien. Die letzten beiden Jahre liefen für Osteuropa nach Plan. Die Konjunktur lief auf Hochtouren, Konsum und Löhne stiegen, Investoren aus West und Ost steckten ihr Geld wieder in die Region. Doch „die Party ist vorbei“, sagt Richard Grieveson, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Spätestens ab dem kommenden Jahr werden die Wachstumsraten einbrechen.

Auf den ersten Blick ist das eine direkte Folge der Konjunkturflaute in fast allen großen Volkswirtschaften der Welt. Gerade exportstarke Länder wie Tschechien, Slowenien, die Slowakei und Ungarn hängen bei ihren Wachstumsaussichten stark davon ab, dass die Wirtschaft auch in den großen Abnehmerländern Deutschland und China gut läuft.

Mittelfristig aber plagen die Region ganz andere Probleme: An oberster Stelle sehen die Forscher den „in Friedenszeiten beispiellosen demografischen Rückgang“. Schon heute haben Industriebetriebe in der Region kaum noch Chancen, ausreichend Facharbeiter zu finden. „Das wird noch in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren ein Thema sein in der Region“, sagt Grieveson.

Gleichzeitig hinkt Osteuropa auch bei der Digitalisierung und Automatisierung der Industrie stark hinterher. Der Automatisierungsgrad liegt in fast allen Ländern deutlich unter jenem der Spitzenreiter in Westeuropa, Nordamerika und Asien. Für eine Region, die so stark von Industrieexporten abhängt, sei eine „rasche Automatisierung prioritär“, so die Meinung der Ökonomen. Zumal der Arbeitskräftemangel die Löhne so stark in die Höhe treibt, dass sie bereits um die Wettbewerbsfähigkeit Osteuropas als Industriestandort fürchten.

 

Türkei rutscht in die Rezession

Am schnellsten werden heuer und in den nächsten zwei Jahren der Kosovo, Albanien und Moldau wachsen, Russland und die Türkei am langsamsten. Russland habe seit Jahren eine der niedrigsten Wachstumsraten in der Region, „und das wird so bleiben“, sagt Grieveson. „Das hat mit den Sanktionen zu tun, das hat mit dem Ölpreis zu tun, aber hauptsächlich hat es strukturelle Gründe.“

Für die Türkei wird ein starker Konjunktureinbruch erwartet, dort soll die Wirtschaftsleistung heuer sogar um 0,7 Prozent schrumpfen. „In der Türkei gibt es wie immer viel Volatilität und dieses Jahr eine Rezession, das ist unserer Meinung nach fix“, sagt der Türkei-Experte Grieveson. 2020 werde die türkische Wirtschaft zwar voraussichtlich wieder um 3,2 Prozent und 2021 um 3,7 Prozent wachsen, das sei aber im Vergleich zu früheren Wachstumsraten von sieben Prozent doch deutlich weniger.

Hörbar ins Stottern geraten werde der Konjunkturmotor auch in Ungarn, so die Erwartung. Ungarn habe im Vorjahr mit einem BIP-Plus von 4,9 Prozent nach Polen die höchste Wachstumsrate in der EU gehabt. Heuer rechnen die Ökonomen mit einer Verlangsamung auf 3,3 Prozent und in den kommenden zwei Jahren auf 2,3 und 1,9 Prozent. (auer/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2019)

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