Hohe Steuerlast und hohe Wohnkosten bringen die Mittelschicht unter Druck

Die Abgabenbelastung auf Gehälter erhöhte sich laut OECD im Vorjahr erneut und liegt in Österreich nun bei 47,6 Prozent im Schnitt. Stagnierende Reallöhne und steigende Wohnkosten werfen gleichzeitig immer mehr Menschen aus der Mittelschicht, so eine zweite Studie der Industrieländer-Organisation.

OECD

In den kommenden Wochen will Finanzminister Hartwig Löger (ÖVP) seine Pläne für die geplante Steuerreform konkretisieren. Eine Reform, auf die viele Steuerzahler schon sehnlich warten dürften. Denn Österreich ist ein Hochsteuerland, in dem der Fiskus vor allem bei Arbeitseinkommen kräftig zulangt, wie die jährliche Studie der OECD „Taxing Wages“ in ihrer aktuellen Ausgabe wieder einmal zeigt.

Demnach ist die durchschnittliche Abgabenlast bei Singles auf die von den Unternehmen bezahlten Lohnkosten (Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer) im Vorjahr um 0,2 Prozent auf 47,6 Prozent gestiegen. Dieser Wert liegt zwar nach wie vor unter jenen 49,6 Prozent, die hierzulande vor der letzten Steuerreform im Jahr 2015 bezahlt werden mussten, dennoch liegt Österreich damit neuerlich auf Rang fünf unter allen OECD-Ländern. Nur Belgien, Deutschland, Italien und Frankreich verlangen eine noch höhere Abgabe von ihren Steuerzahlern. Im Schnitt über alle Industrieländer hinweg, müssen die Steuerzahler lediglich eine Abgabenlast von 36,1 Prozent tragen.

Etwas besser ergeht es Familien mit zwei Kindern, bei ihnen stieg die durchschnittliche Abgabenlast bei Alleinverdienern auf 37,4 und bei Doppelverdienern auf 40,3 Prozent. Dennoch findet sich auch hier Österreich im Spitzenfeld an sechster respektive fünfter Stelle unter allen 36 OECD-Ländern wieder.

Abgabenlast für Singles und Familien im OECD-Vergleich.
Abgabenlast für Singles und Familien im OECD-Vergleich.
Abgabenlast für Singles und Familien im OECD-Vergleich. – OECD

Abstieg aus der Mitte

Diese OECD-Zahlen sind vor allem in Hinblick auf eine zweite Studie interessant, die parallel von der Industrieländer-Organisation publiziert wurde. In dieser haben sich die Ökonomen angesehen, wie es um die Mittelschicht steht. Und sie kamen dabei zu dem Schluss, dass diese aufgrund von nur langsam steigenden Realeinkommen bei gleichzeitig stark steigenden Lebenshaltungskosten zunehmend unter Druck gerät.

So ist der Anteil der Bevölkerung, der zur Mittelschicht gerechnet wird, seit den 1980er-Jahren von einst 64 auf 61 Prozent gesunken. Tendenz weiter fallend. Zur Mittelschicht gerechnet werden dabei Haushalte, deren Netto-Einkommen (inklusive Transferleistungen) zwischen 75 und 200 Prozent des Medianeinkommens beträgt. In Österreich bedeutet das ein Netto-Haushaltseinkommen zwischen 27.400 und 73.100 Euro pro Jahr.

Nicht für alle Betroffenen bedeutet das Verlassen der Mittelschicht dabei etwas negatives. Ein Drittel steigt nämlich in die Oberschicht auf, bei der die Einkommen über 200 Prozent des Medians betragen. Für die restlichen zwei Drittel bedeutet es jedoch einen Abstieg in die sozial schwächeren Einkommensschichten mit einem Haushaltseinkommen von unter 75 Prozent des Medians. Und für diese Schichten ist auch die Gefahr echter Armut deutlich höher. So liegt die Wahrscheinlichkeit mit dem Einkommen unter 50 Prozent des Medians zu fallen für Mittelschicht-Angehörige weiterhin bei gerade einmal einem Prozent. Bei Angehörigen der unteren Einkommensschicht steigt dieser Wert auf knapp acht Prozent an.

Junge besonders betroffen

Besonders drastisch zeigt sich die Entwicklung, wenn man einen längeren Zeithorizont betrachtet. So entfielen bei der Generation der sogenannten Baby-Boomer (Geburtsjahre 1942 bis 1964) noch 68 Prozent auf die Mittelschicht. Bei der Generation X (1965 bis 1982) waren es bereits nur mehr 64 Prozent. Und bei den Millenials (1983 bis 2002) sind es nur noch 60 Prozent. Neben nur schwach steigenden Einkommen sind es die stark steigenden Lebenshaltungskosten – vor allem beim Wohnen –, die von der OECD dafür verantwortlich gemacht werden. Als Beispiel berechneten die Ökonomen, wie viele durchschnittliche Jahreseinkommen gebraucht werden, um eine 60 Quadratmeter-Wohnung in den Hauptstädten der einzelnen Länder zu kaufen. Waren es 1985 noch 6,8 Jahresgehälter, stieg dieser Wert bis 2015 auf 10,2 Jahresgehälter.

Diese Verschiebungen haben aber nicht nur Einfluss auf die einzelnen Personen, sondern auch auf die Gesellschaft in Summe. So machten die Einkommen aller Mittelschicht-Haushalte vor drei Dekaden noch viermal so viel aus, wie jene der – von der Anzahl her viel geringeren – Oberschicht-Haushalte. Inzwischen ist dieses Verhältnis auf unter drei gesunken. In Summe bereiten diese Entwicklungen Sorgen, so die Studienautoren der OECD. Denn: „Mit ihrem Engagement bei Bildung und Gesundheit, ihrer Intoleranz für Korruption und ihrem Vertrauen in demokratische Institutionen ist die Mittelschicht die Säule nachhaltigen Wachstums.“[PDELU]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2019)

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