Party im Klub der Millionäre

Das Krisenjahr 2009 brachte für die Reichen das Comeback. Große Vermögen sind kräftig gewachsen. In der Debatte um neue Steuern stellt sich eine alte Frage: Ab welcher Summe ist man reich?

Party Klub Millionaere
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Dagobert – (c) AP

Carlos Slim ist 70 Jahre alt, hat schütteres graues Haar, einen zerzausten Schnurrbart und ein voluminöses Doppelkinn. Der Mexikaner besitzt Anteile an den Telefongesellschaften Telmex und America Movil und ist als Unternehmer ebenso skrupellos wie erfolgreich.

Seine Aktivitäten konzentrieren sich auf Mexiko. Außerhalb seiner Heimat wäre Slim weithin unbekannt geblieben, würde er sich nicht ein Wettrennen der besonderen Art mit einigen sehr berühmten Männern liefern: Bill Gates, Gründer von Microsoft, hat vor Kurzem gegen den Mexikaner verloren. Der Investor Warren Buffett wurde weit abgeschlagen nur Dritter. Ganz oben auf der Liste der World's Richest People steht derzeit Carlos Slim. Sein Vermögen: 53,5 Milliarden Dollar.

Jedes Jahr wiegt und vermisst das amerikanische Magazin „Forbes“ die Reichen dieser Erde und ordnet sie fein säuberlich nach Gewichtsklassen. Aufnahmebedingung für den Klub ist ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Dollar. Diktatoren und Angehörige von Königshäusern werden nicht gewertet. 1011 Milliardäre gibt es nach dieser Zählung derzeit weltweit, das sind über 200 mehr als vor einem Jahr. Gemeinsam besitzen die Damen und Herren nicht weniger als 3,6 Billionen Dollar – schon fast wieder so viel wie im Rekordjahr 2007.


Millionäre aus dem Gröbsten heraus.Für die Reichen ist die Wirtschaftskrise längst vorbei. Nach einem kräftigen Einbruch im Jahr 2008 ging es 2009 ordentlich bergauf, die Verluste wurden annähernd kompensiert. Das gilt weltweit, und es gilt auch für Österreich. Die in Liechtenstein ansässige Investmentgesellschaft Valluga AG kommt in ihrem Vermögensbericht 2010 zu einer für die Zielgruppe äußerst erfreulichen Schlussfolgerung: Die österreichischen Millionäre seien aus dem Gröbsten heraus. „Nachdem sie im Vorjahr 35 Milliarden ihres Vermögens abgeben mussten, gewannen sie im Jahr 2009 wieder 25 Milliarden zurück.“

Valluga gibt es etwas billiger als die Kollegen von „Forbes“. Als reich gilt in den Berechnungen der Investmentbanker bereits, wer über ein Finanzvermögen von mindestens einer Million Euro verfügt. Selbst genutzte Immobilien werden nicht mitgezählt. In Österreich erfreuen sich laut Valluga rund 69.000 Menschen solch komfortabler Rahmenbedingungen, immerhin 6800 mehr als noch vor einem Jahr.


Wo beginnt der Reichtum? Es ist nicht so einfach mit den Reichen. Alle Welt beneidet sie, viele bewundern oder hassen sie, die SPÖ würde sie gerne höher besteuern – aber sie sind schwer zu fassen. Das beginnt schon bei der Definition. Wo der Wohlstand aufhört und der Reichtum anfängt, ist reine Geschmackssache. „Es gibt keinen objektiven Messwert“, sagt Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller. Auch Wilfried Altzinger, Professor an der Wiener Wirtschaftsuniversität, kann nur den sogenannten „Gini-Koeffizienten“ anbieten, der nicht den Reichtum des Einzelnen misst, sondern die Verteilung von Einkommen und Vermögen in einem Land. In Österreich liegt der Gini-Koeffizient für Geldvermögen bei 0,66 (was eine relativ hohe, international aber noch erträgliche Vermögenskonzentration bedeutet).

Bei der Salzburger Privatbank Spängler kann man ab einem verfügbaren Vermögen von 300.000 Euro mit privilegierter Betreuung rechnen, die Kollegen von der Schoellerbank erwarten mindestens 500.000 Euro Mitgift.

SPÖ-Geschäftsführer Günther Kräuter denkt bei allfälligen Steuererhöhungen an dieselbe Klientel, also „Menschen, die mehr als 500.000 Euro haben.“ Die kleinen Häuselbauer müssten sich nicht betroffen fühlen, beruhigt der Sozialdemokrat.

Im Vermögensreport von Merrill Lynch und Capgemini beginnt Reichtum erst ab einer Million Dollar. Wer so viel besitzt, gilt im internationalen Bankgeschäft als „High net worth individual“ (HNWI). Superreiche ab 30 Millionen sind folgerichtig die „Ultra high net worth individuals“ (UHNWI). Das klingt nicht gerade liebevoll, aber beim Geld hört sich die Freundschaft ja bekanntlich auf.

Laut Erhebungen des Autobauers Rolls-Royce gibt es weltweit etwa 80.000 solcher Schwergewichte. Im Durchschnitt habe jeder von ihnen acht Autos und drei oder vier Wohnsitze. Drei Viertel besitzen ein privates Flugzeug, die meisten eine Jacht.


Zu arm für St. Moritz. Erfahrungsgemäß hilft es nicht, zwecks Definition von Reichtum allfällige Verdächtige zu befragen. Die Resultate sind meist nicht zufriedenstellend; den Satz „Ja, ich bin reich, und das ist gut so“, bringt kaum einer über die Lippen.

Veit Sorger etwa, Präsident der Industriellenvereinigung und ein Mann mit üppigen Reserven, antwortete jüngst ganz schüchtern auf die Frage des Magazins „Profil“, ob er reich sei: „Ich bin vermögend. Dafür habe ich hart gearbeitet und auch Entbehrungen auf mich genommen.“

Bliebe noch das Steuersystem, um Klarheit im Verteilungsdschungel zu schaffen. Doch in Österreich gilt schon als dicker Bonze, wer pro Jahr mehr als 60.000 Euro verdient. Ab dieser Summe wird der höchste Steuertarif von 50 Prozent schlagend. Leider verdünnen sich 60.000 Euro zur einer monatlichen Nettogage von rund 2500 Euro – nicht gerade das Einkommen, mit dem man sich eine Villa in der Toskana und regelmäßige Skiurlaube in St. Moritz leisten kann.

Erbschaften und Schenkungen sind dafür komplett gratis, weshalb etwa die OECD regelmäßig die ungerechte Verteilung der österreichischen Steuerlast kritisiert. Wer selbst arbeitet, wird bestraft. Wer nur sein Geld (oder die Verwandtschaft) arbeiten lässt, kommt billig davon.

So schwierig die Definition in Einzelfällen ist, so übersichtlich wird die Sache in der Gesamtschau. Laut Erhebungen der Nationalbank besitzen die obersten fünf Prozent der Reichen 40 Prozent des gesamten Geldvermögens in Österreich. Noch etwas ungleicher ist das Immobilienvermögen verteilt: Die obersten zehn Prozent halten 60 Prozent des gesamten Bestandes. Auch bei den Arbeitseinkommen klafft eine große Lücke: Immerhin ein Viertel der Arbeitnehmer verdient pro Jahr weniger als 11.380 Euro, nur zehn Prozent bekommen mehr als 55.000. Innerhalb dieser Gruppe von Gutverdienern geht die Schere noch einmal gewaltig auf. Laut einer Studie von WU-Professor Altzinger verzeichnete das Top-Promille der Einkommensbezieher zwischen 1995 und 2007 ein Plus von real 40,7 Prozent. Das oberste Prozent musste sich mit einem Gehaltszuwachs von nur 15,7 Prozent begnügen.

Fest steht, dass der Reichtum keine gute Nachrede hat. Seit jeher umgibt ihn ein Generalverdacht, den der französische Romancier Honoré de Balzac am klarsten in Worte fasste: „Hinter jedem großen Vermögen steckt ein Verbrechen.“

Fast alle Religionen bieten Trost für die Armen und Tadel für die Reichen. Das Neue Testament geht sogar so weit, Geldsäcken den Zugang zum Himmel zu verwehren. „Es ist leichter, dass ein Schiffstau durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher ins Reich Gottes“, heißt es im Lukasevangelium.

Dass die Millionäre so schnell das Tal der Tränen verlassen und die Folgen der Wirtschaftskrise an ihnen abperlen wie Salzwasser an der Bordwand einer Jacht, macht ihr Image nicht besser. In Deutschland haben sich nun besorgte Reiche zusammengefunden, die gern etwas von ihrem Wohlstand an andere weitergeben möchten. „Vermögende für eine Vermögensabgabe“ nennt sich die Initiative, die unter anderem fordert, dass Deutschlands Reiche zwei Jahre lang eine Steuer von fünf Prozent auf ihren Besitz zahlen sollen. Danach solle die normale Vermögenssteuer wieder eingeführt werden, fordern die Proponenten.

So lobenswert das ist: Eine Massenbewegung wurde bisher nicht daraus. Ganze 47 Millionäre haben sich der Aktion angeschlossen – von insgesamt fast 780.000 in ganz Deutschland.


Zu wenig Zinsen. Österreichs Reiche beschränken sich bis jetzt darauf, ein wenig schlechter zu schlafen, als sich das der Durchschnittsverdiener gemeinhin vorstellt. Denn abgesehen von möglichen neuen Steuern droht auch sonst eine Menge Ungemach. „Bis vor etwa zwei Jahren gab es Kunden, die von den Zinsen ihres Vermögens leben konnten“, sagt Schoellerbank-Vorstand Heinz Mayer. Leider bricht das schönste Privatier-Konzept zusammen, wenn die Europäische Zentralbank nicht mitspielt. „Jetzt sind die Zinsen so niedrig, dass es oft nicht mehr reicht.“ Markus Goller, Leiter des Private Banking bei der Spängler-Bank, berichtet von den großen Ängsten seiner Kundschaft vor einer Geldentwertung: „Es gibt einen ganz starken Trend zu Immobilien und Gold.“ Und das, obwohl man die Leute regelmäßig davor warne, zu viel Gold zu horten.

Erleichtert wird die Arbeit des Bankers andererseits durch die Tatsache, dass ein großer Teil seiner Kunden ihr Vermögen geerbt und nicht selbst erwirtschaftet hat. Reiche Nachkommen gelten bei der Geldanlage als deutlich pflegeleichter als Selfmade-Millionäre. „Wer selbst Unternehmer war, möchte auch bei der Veranlagung gern die letzte Entscheidung treffen“, erklärt Goller. „Unter den Erben gibt es einige, die das ganz uns überlassen.“

Erben stellen auch die Mehrheit der (vom Investmenthaus Valluga) eruierten Top Ten der heimischen Reichen-Liga. Angeführt wird die Liste mit sehr großem Abstand von der Familie Porsche/Piëch, die Valluga mit einem Gesamtvermögen von 28,6 Milliarden Euro anschreibt. Danach kommt Familie Flick (5,7 Milliarden), gefolgt von Red-Bull-Gründer und Miteigentümer Dietrich Mateschitz (4,1 Milliarden).

Der Porsche-Clan geht sogar aus dem Dreiländerkampf, inklusive Deutschland und der Schweiz, als Sieger hervor. Karl Albrecht, Aldi-Gründer und reichster Deutscher, bringt es nur auf 18,5 Milliarden, der in der Schweiz lebende Schwede Ingvar Kamprad, Gründer des Möbeldiskonters Ikea, verfügt über fast 25 Milliarden. Alle 985.000 Millionäre des deutschsprachigen Raumes zusammen verfügen über ein Vermögen von 2606 Mrd. Euro.

Ein Land der Erben. Auch unterhalb dieser Oberliga wird die Gesellschaft immer reicher. Nach 65 Jahren Frieden und fast ununterbrochener Prosperität hat sich in den meisten Ländern Europas sehr viel Vermögen angesammelt, das irgendwann zur Vererbung ansteht. Laut einer Untersuchung von GfK Austria im Auftrag von Erste Bank und Sparkassen rechnet der durchschnittliche Österreicher mit einer Erbschaft von rund 80.000 Euro – für einen Mittelwert ist das sehr viel.

Auf den ersten Blick ein Widerspruch ist das Ergebnis einer Umfrage, die vor Kurzem vom Meinungsforschungsinstitut Karmasin durchgeführt wurde. 72 Prozent aller Österreicher sprechen sich darin für die Einführung einer Vermögenssteuer aus. Nur 18 Prozent hielten das für eine schlechte Idee. Da die Österreicher gemeinhin nicht zu steuerlichem Masochismus tendieren, geht das Gros der Erben offenbar davon aus, von allfälligen Steuern nicht betroffen zu sein.

Reich sind ja bekanntlich immer nur die anderen.

1011 Milliardäre weltweit
So viele Menschen mit mindestens einer Milliarde Dollar Vermögen gibt es derzeit laut „Forbes“-Liste.

69.000 Millionäre in Österreich
Die Valluga AG hat heimische Millionäre gezählt. Ihre Zahl nahm im Vorjahr um fast 7000 zu.

2606 Milliarden Vermögen
Die Reichen in Österreich, Deutschland und der Schweiz sind im Vorjahr deutlich reicher geworden. Ihr Gesamtvermögen stieg um 9,5 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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