US-Wirtschaft: Schwächeanfall oder tödlicher Infarkt?

Seit bekannt wurde, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal nur um 1,6 Prozent zulegte, wächst die Angst, dass die Konjunktur erneut einen Infarkt erleiden könnte.

USWirtschaft Schwaecheanfall oder toedlicher
USWirtschaft Schwaecheanfall oder toedlicher
(c) AP (Robert Bower)

Nouriel Roubini wusste es natürlich schon im Frühjahr: Die US-Wirtschaft sei zu schwach, um das Krisenvirus ganz abzuschütteln. Die Gefahr eines Double-Dip, eines erneuten Eintauchens in die Rezession, sei groß, sagte der US-Ökonom. Roubini hat zwar als Einziger den Finanzcrash schon 2006 prognostiziert, er gilt allerdings als Kassandra.

Seitdem am Freitag bekannt wurde, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal nur um 1,6 Prozent zulegte (statt der prognostizierten 2,4 Prozent), wächst vor allem eines: die Angst, dass die Konjunktur nicht einen vorübergehenden Schwächeanfall erleiden könnte, was in Aufschwungphasen vorkommt, sondern erneut einen Infarkt. „Es findet zurzeit ein Wettrennen statt“, sagt Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. „Werden die Anlageinvestitionen und der Konsum rechtzeitig in Gang kommen? Oder kommen sie zu spät, um einen Rückfall in die Krise zu vermeiden? Wir halten den Aufschwung für gerade noch robust genug, um mit der aktuellen Schwächephase fertig zu werden. Der Sicherheitsabstand zum Double-Dip ist allerdings sehr viel geringer geworden.“ Auch IWF-Ökonom Nagyuki Shinohara meint, dass die Gefahren „erheblich“ zugenommen hätten, weil die Erholung in den Industrieländern nur schleppend verlaufe.

Roger Hanwehr, Managing Director bei ArcXeon Investments, meint, dass sich die US-Wirtschaft schon mitten im Double-Dip befinde. „Wir haben einen künstlichen Aufschwung ohne echtes Wachstum und ohne neue Arbeitsplätze, der sich in einer extremen Unsicherheit der Finanzmärkte spiegelt.“ Hanwehr geht so weit, zu behaupten, dass die größte Volkswirtschaft der Welt schlechter dastehe als vor zwei Jahren: Die Pleiten hätten ein Fünfjahreshoch erreicht, die Staatsschulden eine Rekordhöhe und das 700 Milliarden Dollar schwere Konjunkturprogramm sei verpufft.

Miese Stimmung in Jackson Hole. Rezepte zur Vermeidung eines neuerlichen Crashs liefern die Ökonomen mit den Hiobsbotschaften nicht mit. Da bleibt den Notenbankern aus aller Welt, die sich an diesem Wochenende in Jackson Hole trafen, nur eines: beschwichtigen. „Der wahrscheinlichste Verlauf ist die Fortsetzung einer moderaten Erholung – dabei liegt die Betonung auf moderat“, sagte IWF-Vizechef John Lipsky. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, ahnt, wie verhalten die Stimmung in Jackson Hole war, daran konnte auch das Idyll des Bergdorfs in den Rocky Mountains nichts ändern.

Zumal US-Notenbank-Boss Ben Bernanke und sein europäisches Pendant Jean-Claude Trichet wenig Überzeugendes parat hatten: Es seien alle Bedingungen, die die Wirtschaft 2011 brauche, um weiter zu wachsen, vorhanden, beteuerte Bernanke. Und versprach, notfalls die Geldmaschine anzuwerfen und Staatsanleihen und andere Wertpapiere aufzukaufen. Während der vergangenen zwei Jahre hat die Fed schon mehr als eine Billion Dollar in den Markt gepumpt. Trichets Forderung an Regierungen und Zentralbanken ist auch nicht neu: Schulden reduzieren, ohne gleichzeitig das Wachstum zu bremsen.

Vielleicht schafft es ja Deutschland, zum Zugpferd zu werden. Immerhin: Die deutsche Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 2,2 Prozent – deutlich mehr als die US-amerikanische. Notenbank-Chef Axel Weber versprühte auch Optimismus: „Wir stehen an der Grenze zu einer sich selbst tragenden Erholung, es gibt kaum Sorgen, dass eine erneute Rezession droht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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