"Hotel Hitler": Millionenflop in Berchtesgarden

Der Obersalzberg bei Berchtesgaden war Adolf Hitlers Feriendomizil und sein zweiter Regierungssitz. Ein Luxushotel sollte die Geister der Vergangenheit vertreiben. Doch das Fünf-Sterne-Resort ist ein Millionen-Flop.

Hotel Hitler Millionenflop Berchtesgarden
Hotel Hitler Millionenflop Berchtesgarden
BERCHTESGADENRCHTESGADEN – (c) EPA (Frank Leonhardt)

Der Herbst kommt früh in dieser Gegend, und er hat bei seinem Amtsantritt den Wald mit leuchtend gelben Tupfern dekoriert. Am Himmel hängen zarte Föhnwölkchen, die aussehen wie frisch gewaschene Tüllgardinen. In der klaren, trockenen Septemberluft wirkt der Watzmann so nah, als wäre sein Gipfel nur einen Verdauungsspaziergang entfernt. Es ist wirklich sehr hübsch auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden.

Leider fand Adolf Hitler das seinerzeit auch und ließ hier sein Feriendomizil und eine zweite Kommandozentrale errichten. Im „Berghof“ empfing Hitler Staatsgäste wie Benito Mussolini, inszenierte sich als Naturliebhaber und entwickelte seine Kriegs- und Vernichtungspläne. Seither ist die Gegend historisch kontaminiert. Was tun mit einem Berg, der die Kulisse für ein solches Verbrechen bot?

Der Freistaat Bayern, Eigentümer des Obersalzbergs, hat sich vor etwa zehn Jahren für die Flucht nach vorn entschieden. Zusätzlich zu einem schon1999 eröffneten Dokumentationszentrum sollte ein Luxushotel gebaut werden. Von einem „Zwei-Säulen-Modell“ sprachen die Politiker damals – historische Information plus Wellness sozusagen. Der Berg dürfe nicht zu einer Pilgerstätte Ewiggestriger werden, meinte der damalige CSU-Finanzminister Kurt Faltlhauser.

Nach dieser Erkenntnis tat er, was Landespolitiker meistens tun, wenn sie eine Idee, aber kein Geld haben: Faltlhauser kontaktierte die Bayerische Landesbank und sorgte mit der Überzeugungskraft des Hälfteeigentümers für eine Finanzierungszusage. Am 1.März 2005 wurde das Fünf-Sterne-Hotel „Intercontinental Berchtesgaden Resort“ eröffnet – 200 Meter oberhalb der Stelle, an der Hitlers Berghof stand, ziemlich genau zwischen den ehemaligen Besitzungen der Herren Göring und Bormann. Es gab damals erbitterte Gegner wie den früheren Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedmann, der den Bau als „geschmacklos und eine Enthistorisierung des Ortes“ bezeichnete.

Es gab auch Befürworter wie Volker Dahm, Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, der widersprach: „NS-Orte entmystifiziert man am besten, indem man das normale Leben einziehen lässt.“ Was es nicht gab, war jemand, der das Projekt einmal nicht ideologisch durchleuchtete, sondern betriebswirtschaftlich. Die simple Frage „Rechnet sich das?“ wurde nicht gestellt. Und das rächt sich jetzt.

Das Projekt Obersalzberg erweist sich, passend zum Standort, als einzige Katastrophe. Baukosten: 50 Millionen Euro, kumulierte Verluste seit der Eröffnung: 18 Millionen Euro. Aussichten auf Besserung: äußerst vage. Der britischen Hotelgruppe Intercontinental kann das egal sein, sie bezahlt nur den Hotelchef und bürgt mit ihrem Namen für die Qualität des Gebotenen.

Alle 130 Mitarbeiter sind bei einer Betriebsgesellschaft angestellt, die wiederum eine hundertprozentige Tochter der Bayerischen Landesbank ist. Letztlich blechen also die Steuerzahler dafür, dass die vermögende Klientel im ganzjährig geheizten Outdoorpool plantschen kann.

»Wir haben eine Aufgabe.« Frank Saller, Sales-Manager des Resorts, sitzt in einem Lederfauteuil am offenen Kamin, trinkt Tee mit Milch und rät zu Geduld. 2009 sei in der Tat ein schlechtes Jahr gewesen, räumt er ein. „Aber 2008 waren wir operativ positiv.“ Auch heuer laufe das Geschäft wieder deutlich besser. „Unsere Auslastung liegt schon bei 60 Prozent.“ Für ein Resort-Hotel außerhalb der Stadt sei das gar nicht übel. Außerdem dürfe man das Intercontinental Berchtesgaden nicht nur unter geschäftlichen Gesichtspunkten sehen. „Wir haben hier auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe.“

Davon wird der Aufenthalt leider nicht spannender. Ein paar Wanderwege, ein winziges Skigebiet, gute Luft, schöne Aussicht, Ruhe – mehr Action wird auf dem Obersalzberg nicht geboten. Die Situation ist einigermaßen paradox: Das Hotel steht da, um Hitler-Folklore zu verhindern. Aber ohne den historischen Gruselfaktor des Standorts gäbe es kaum Gründe, das Hotel zu frequentieren.

An einem belebteren Ort wäre das Resort wahrscheinlich ein Erfolg. Für Zimmerpreise ab 250 Euro bekommen die Gäste ein optisch ansprechendes Haus mit großen Panoramafenstern, viel dunklem Holz und Naturstein. Der Spa-Bereich umfasst 1400 Quadratmeter und wurde mehrfach preisgekrönt.

Service und Extras entsprechen tadellosem Fünf-Sterne-Niveau: Es gibt einen Concierge, in den Zimmern hängen die obligaten Kuschel-Bademäntel und zusätzlich noch ein fertig gepackter Picknick-Rucksack. Auf Wunsch kann der Gast in Allergiker-Bettwäsche träumen. Und wer es eilig hat, muss nicht im Auto den Berg heraufzuckeln: „Auf unserem Areal gibt es eine Landemöglichkeit für Ihren Helikopter“, heißt es großspurig in der Hotelbeschreibung.

Weil ein bisschen Ärger irgendwie zum Urlaub gehört, liefert das Resort auch dafür das Material: Die Internetnutzung kostet 0,30 Euro pro Minute und 25 Euro pro Tag. Das ist ein stolzer Preis für eine Gegend, in der einem die Zeit ziemlich lang werden kann.

Findet im Hotel zufällig kein Firmenmeeting statt, wird es noch dazu schnell einsam. Am Montagabend ist die Lobby fast leer, von den drei Restaurants hat nur eines geöffnet, und der Barkeeper freut sich derart über jedes Lebewesen, dass es schwerfällt, ihn wieder allein zu lassen.

In den Sommerferien und zu Weihnachten sei es hier voll, behauptet er. Die allermeisten Gäste kommen aus Deutschland und Österreich. Außerdem gibt es Amerikaner, Engländer, Russen und Japaner. „Die fahren gern auch nach Neuschwanstein und, wenn es gerade passt, zum Münchner Oktoberfest.“ Mehr Wahnsinn lässt sich auf die Schnelle kaum besichtigen.

Sales-Manager Saller glaubt, dass die düstere Geschichte des Orts bei den Buchungen keine Rolle spiele. „Die Leute kommen, weil sie ein schönes Hotel suchen.“ Deutsche und Österreicher würden andere Motive vermutlich nicht zugeben. Erzählt wird im Hotel aber von amerikanischen Gästen, die auf dem benachbarten Kehlstein gerne für „Siegerfotos“ posierten.

Und wer nachmittags auf der Hotelterrasse sitzt, hört in den fremdsprachigen Unterhaltungen des Öfteren die Worte Obersalzberg und Hitler. So ungebildet sind Touristen ja auch wieder nicht.

Wie Adolf und Eva. Laut Hotelprospekt sollte in jedem Zimmer ein Exemplar des Buches „Die tödliche Utopie“ liegen, das die NS-Zeit dokumentiert. Doch der Concierge muss umständlich in einer Kommode kramen, um noch eine Ausgabe zu finden. „Die wurden irgendwann nicht mehr gelesen“, erklärt er.

Ein Hotel taugt eben schlecht als Instrument zur Vergangenheitsbewältigung. Auch beim besten Willen lassen sich Geschmacklosigkeiten nicht vermeiden. Die „Honeymoon Romance“ zum Beispiel, ein Pauschalangebot für Verliebte, wäre überall anders eine nette Idee. Aber gibt es wirklich Menschen, die dafür ausgerechnet hierher fahren? Will da ernsthaft jemand turteln, in memoriam Adolf und Eva?

Nur zehn Minuten Fußmarsch vom Resort entfernt liegt das Dokumentationszentrum. Es ist, im Gegensatz zum Hotel, äußerst gut gebucht. Am Dienstagvormittag drängen sich zwei Schulklassen und zahlreiche Touristen in den Schauräumen. Gezeigt wird hier, wie Hitler das bescheidene Haus Wachenfeld zum pompösen Berghof ausbauen ließ und die Bauern der Umgebung zwang, ihre Höfe um wenig Geld an die Nazi-Nomenklatura zu verkaufen. Während den Menschen im Tal langsam die Lebensmittel ausgingen, wurde auf dem Hügel über Berchtesgaden fein gespeist und gefeiert.

Am 25. April 1945 warfen die Alliierten fast 1300 Bomben über dem Obersalzberg ab. Was dem Beschuss standhielt, wurde in den Folgejahren verbrannt oder gesprengt. Von Hitlers Berghof steht heute nur noch der Rest einer Hangstützmauer. Ruinentourismus von NS-Nostalgikern sollte auf jeden Fall vermieden werden. Doch schon in den Fünfzigerjahren wurden diese Bemühungen vom „Gasthof zum Türken“ durchkreuzt. Wirtin Therese Partner entdeckte, dass die räumliche Nähe zum Berghof eine Goldgrube darstellte. Direkt neben der Tür ließ sie einen Eingang zum Bunker freibaggern und verdiente gut am Hitler-Tourismus. Immer wieder setzte es Anzeigen wegen nationalsozialistischer Schmierereien in den Bunkergängen.

Den Gasthof zum Türken gibt es heute noch, und um 3,50 Euro öffnet sich wie eh und je das Drehkreuz in Richtung Untergrund. Die Treppe führt in jenen Bunkerteil, der früher Hitlers Leibwächtern zugewiesen war. Handgeschriebene Schilder zeigen an, wo sich die Toilette befand, der Hundezwinger, der Maschinengewehrstand und das Gefängnis. Das Prunkstück des modrigen Gangsystems ist nur zu erahnen: „Hinter dieser abgemauerten Tür befinden sich die eigentlichen Räume Hitlers, Eva Brauns und Dr. Morells sowie der Zugang zu Hitlers Haus“, steht auf dem Schild. Im schimmeligen Putz der Wände sind die Reste alter Kritzeleien und eingekratzter Hakenkreuze noch gut zu sehen.

Der „Gasthof zum Türken“ war wohl mitschuld an der Sorge der bayerischen Landespolitiker, der Obersalzberg könne zu einer Pilgerstätte alter Nazis werden. Ohne den Gasthof und seine geschäftstüchtigen Eigentümer gäbe es das Luxushotel vielleicht gar nicht. Jetzt steht es, und die Politik kann ihre Fehleinschätzung natürlich nicht zugeben. „Es war eine brillante Entscheidung“, meinte Kurt Faltlhauser vor einem Jahr in einem Zeitungsinterview. Das Konzept werde bald auch betriebswirtschaftlich ein Erfolg sein.

Denn wie gesagt: Hübsch ist er ja, der Obersalzberg.

Der böse Berg

1923
Adolf Hitler entdeckt den Obersalzberg und besucht die Gegend in der Folge immer wieder.

1933
kauft Hitler das Haus Wachenfeld und lässt es innerhalb weniger Jahre zum pompösen Berghof ausbauen. Die Nazi-Größen Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer beziehen eigene Häuser. Der Obersalzberg wird auch zum Repräsentationszentrum. Hier empfängt Hitler Staatsgäste wie Benito Mussolini.

1945
Am 25. April, fünf Tage vor Hitlers Selbstmord und zwei Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, unternehmen britische Bomberverbände einen Großangriff auf den Obersalzberg. Später werden die Ruinen gesprengt und die Flächen wieder aufgeforstet.

1947
bekommt der Freistaat Bayern die Grundstücke zurück. Die Amerikaner nützen einen Teil des Gebiets jedoch weiterhin, unter anderem als Erholungszentrum für die in Deutschland stationierten Truppen.

1995
verabschiedet sich die US-Army vom Obersalzberg. Bayern ist nun allein für die weitere Nutzung zuständig.

1999
wird die „Dokumentation Obersalzberg“ eröffnet.

2005
öffnet das „Intercontinental Berchtesgaden Resort“ seine Pforten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2010)

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