Freddy Van den Spiegel: "Krise dauert noch zehn Jahre"

Finanzexperte Van den Spiegel sieht Gefahren für den Euro und verlangt die Entwicklung von Ausstiegsszenarien für nicht konkurrenzfähige Länder. Größtes Problem sei die mangelnde Disziplin der Mitgliedsstaaten.

(c) BilderBox

Die Presse: Herr Van den Spiegel, Sie halten heute in Wien bei einem Symposium einen Vortrag zum Thema „Rettung des Europäischen Währungssystems – um welchen Preis?“. Sind die Währungsunion und damit der Euro denn in Gefahr?

Freddy Van den Spiegel: Ja, natürlich, er ist in Gefahr. Das Währungssystem bringt Europa große Vorteile, aber es ist wirklich nicht perfekt und Verbesserungen sind notwendig.

Was gefährdet den Euro am meisten?

Das größte Problem ist die mangelnde Disziplin der Mitgliedstaaten. Sehr problematisch ist aber auch das Design des europäischen Krisenlösungsmanagements. Es gibt beispielsweise keine Prozedur für den Austritt aus der Eurozone.

Sind nicht die Schulden der südeuropäischen Länder das größte Problem?

Die sind nicht Problem, sondern Symptom. Das Problem ist, dass diese Länder nicht wettbewerbsfähig sind.

Kann der Euro daran zerbrechen?

Es wäre jedenfalls sehr schlecht, Länder in der Eurozone zu halten, die nicht wettbewerbsfähig sind. Zuerst muss man natürlich versuchen, ein solches Land zur Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen. Wenn es dann aber nicht innerhalb von ein paar Jahren wesentliche Fortschritte nachweisen kann, hat es keinen Sinn, es im Klub zu halten. Ich denke deshalb, dass sich der Klub sehr bald ernsthaft Gedanken über vernünftige Exitprozeduren für nicht konkurrenzfähige Mitglieder machen wird müssen.

Von welchen Ländern sprechen wir da? Griechenland? Spanien? Portugal? Irland?

Nicht nur. Irgendwo ist derzeit jedes Land gefährdet. Sehen Sie mein Land, Belgien: Da geht die Staatsschuld sehr schnell hoch, und es gibt politische Schwächen. Alle anderen Daten – Wirtschaftskraft, Wettbewerbsfähigkeit und so weiter – sind exzellent. Aber es gibt politische Instabilität und hohe Staatsschulden. Man kann Belgien klarerweise nicht mit Griechenland vergleichen. Es ist aber ein Irrglaube, zu meinen, die Märkte würden Belgien nicht angreifen, wenn diese Schwächen bestehen bleiben.

Die Euroländer haben in dieser Woche eine Stärkung der Euro-Stabilitätsregeln beschlossen. Reicht das, um die Märkte zu beruhigen?

Um das Vertrauen der Märkte zu erlangen, müssen noch große Anstrengungen unternommen werden. Der alte Stabilitätspakt war ja auch nicht schlecht. Aber es gab unglücklicherweise keine Disziplin unter den Mitgliedstaaten. Die Frage ist: Wird das jetzt anders sein? Da muss erst der Wille sichtbar werden.

 

Manche Experten meinen, eine Einheitswährung brauche einen echten Bundesstaat, um zu prosperieren.

Das glaube ich nicht. Europa ist ja schon jetzt viel mehr als ein bloßer Klub von Mitgliedstaaten, es gibt in einigen Bereichen gemeinsame Strukturen und Visionen. In so einem Umfeld kann eine Einheitswährung schon überleben.

In der EZB streiten aber gerade der Chef und sein Vize über das Anleihen-Ankaufsprogramm. Ist das vertrauensbildend?

Meinungsdifferenzen gibt es auch in der amerikanischen Fed, warum also nicht auch in der EZB. Das Thema Liquiditätsversorgung ist aber heikel: Man kann die Liquiditätsversorgung nicht einfach stoppen, denn der Markt kann ohne Liquidität nicht überleben.

Womit wir bei der Finanzkrise sind: Haben wir die bald überstanden?

Die ist noch lange nicht vorbei. Die Probleme sind zur Zeit zwar unter Kontrolle, aber sie sind noch immer da. Bis alle Probleme gelöst sind, werden wir die Krise haben. Also mindestens zehn Jahre. Natürlich haben wir jetzt ein relativ gutes Jahr mit guten Wirtschaftsdaten. Die Situation ist unter Kontrolle, aber fragil. Die Banken haben schließlich noch eine Menge Probleme, und es ist nicht ausgeschlossen, dass unterwegs neue Probleme, etwa durch die Staatsschuldenkrise oder die Situation an den Immobilienmärkten, dazukommen. Mit BaselIII wurde den Banken signalisiert, dass sie mehr Kapital brauchen. Dass die dafür praktisch zehn Jahre Übergangsfrist bekommen haben, bestätigt meine These: Die lange Frist ist ja kein Geschenk an die Banken. Sondern die können nicht schneller voranschreiten, solange die Krise da ist.

Hat der Euro eine Chance als internationale Reservewährung?

Da gibt es schon deutliche Veränderungen. Die Rolle des Dollar als Reservewährung schwindet, die des Euro als Reservewährung steigt. Das ist insgesamt sehr positiv für Europa. Und es hat auch seine Gründe: Konjunktur- und Inflationsdaten sind derzeit in der Eurozone besser als in Amerika.

Wird es den Euro in zehn Jahren in der Form noch geben?

Ich denke schon. Aber es werden einige Länder dazukommen, und ich schließe nicht aus, dass das eine oder andere Mitglied den Klub auch wieder verlassen haben wird. Es ist unverantwortlich, zu sagen, dass es keine Austritte geben kann. Man wird für den Austritt unbedingt Regeln entwickeln müssen.

Auf einen Blick

Freddy Van den Spiegel ist Chefvolkswirt der Großbank BNP Paribas Fortis und Professor für Finanzwissenschaften an der Free University Brussels sowie Gastprofessor an mehreren europäischen und amerikanischen Universitäten. Heute Nachmittag referiert er beim Symposium der Marshallplan-Stiftung in der OeNB. www.marshallplan.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2010)

Kommentar zu Artikel:

Freddy Van den Spiegel: "Krise dauert noch zehn Jahre"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen