Rothschild: Der Mensch entscheidet und nicht der Markt

Der Doyen der österreichischen Wirtschaftswissenschaft ist in der Vorwoche im 97.Lebensjahr verstorben. Rothschild, musste als jüdischer Sozialist 1938 Wien verlassen, kurz nach Abschluss seines Jusstudiums.

(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Der Markt war für Kurt Rothschild eine wichtige Einrichtung. Doch ins Zentrum seines Denkens rückte der weltbekannte Wirtschaftswissenschaftler den Menschen. „Nach wie vor entscheiden Menschen – und nicht der Markt“, betonte er immer wieder. Rothschild war überzeugter Keynesianer und begab sich mit großer Lust in Debatten mit Anhängern der neoklassischen bzw. neoliberalen Theorie, die den Staat zurückdrängen woll(t)en. Er konzentrierte sich, wie Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) – für das Rothschild 63Jahre tätig war –, dabei auf die großen Fragen. Letztgültige Antworten freilich konnte er auch keine geben.

Rothschild, geboren 1914, musste als jüdischer Sozialist 1938 Wien verlassen – kurz nach Abschluss seines Jusstudiums. In Glasgow studierte er „Nationalökonomie und politische Philosophie“, veröffentlichte u.a. in der Zeitschrift von John M. Keynes und kam auf Vermittlung von August von Hayek (Keynes' großem Gegenspieler) 1947 zurück nach Österreich, an das eben gegründete Wifo. Seine internationale Reputation war immer größer als sein Ansehen in Österreich. Immerhin bekam er 1966 einen Lehrstuhl an der Uni Linz (deren Gründungsrektor er auch war). Und spät, sehr spät, kam die offizielle Anerkennung Österreichs – als er 1986 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft bekam.

Bis ins hohe Alter blieb er rege, regelmäßig tat er seine Einsprüche zum ökonomischen Mainstream kund. Im Vorjahr schrieb er mit Hans Bürger „Wie Wirtschaft die Welt bewegt“, das zum Wissenschaftsbuch 2010 gekürt wurde. Rothschild ist in der Vorwoche im 97.Lebensjahr verstorben. ku

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2010)

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