Irland in der Krise: "Der hässlichste Gaul Europas"

Unfertige Bungalows und Bauskelette: 620 Geistersiedlungen gibt es in Irland. Und ein weiteres Problem wird bekannt: Jenes der streunenden Pferde.

300.000 Neubauten leer Iren Pferde
300.000 Neubauten leer Iren Pferde
(c) Reuters (Cathal McNaughton)

Die irischen Banken verspekulierten sich mit überteuerten Immobilien, der Staat musste sie mit Milliarden stützen. Die Ratingagenturen erwägen daher nach der EU-Rettungsaktion für Irland eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit. Fitch warnt, es gebe eine große Unsicherheit über weitere Verluste im Bankensystem des Landes - etwa im Geschäft mit Hypotheken für Immobilien.

Auch Immobilien-Experten warnen einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (FTD) zufolge davor, dass ein anhaltender Preissturz von Gewerbeimmobilien, privaten Häusern und Wohnungen die Belastungen für die irische Staatskasse weiter anwachsen lassen könnte. Ein Ende des Bebens am irischen Immobilienmarkt sei jedenfalls nicht abzusehen.

Das Überangebot sei riesig, schreibt die "FTD". Demnach stehen in Irland insgesamt rund 300.000 Neubauten leer. Die Lage würde der von Spanien ähneln. Die Immobilienkrise brachte auch die irischen Banken - wie Anglo Irish, Allied Irish oder Nationwide - in Bedrängnis. Sie hatten sich seit Jahren mit kurzfristigen Krediten für ihre langfristigen Immobiliendarlehen refinanziert. Nach der Lehman-Pleite im September 2008 sahen sie sich über Nacht mit eingefrorenen Kreditmärkten konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Geschäftsmodell den Immobiliensektor bereits zu einem Fünftel der Wirtschaftsleistung Irlands aufgebläht, berichtet die "FTD".

Geistersiedlungen prägen die Landschaft

Die "Frankfurter Rundschau" berichtet unter dem Titel "Die Ruinen des Reichtums" davon, dass "Geistersiedlungen" und "Geisterpferde" die Landschaft in Irland prägen würden: "Nicht etwa, weil der Landstrich entvölkert wäre. Sondern weil es nach dem irischen Wirtschaftsboom und seinem abrupten Ende mehr Neubauten als Bewohner gibt. Das Institut für Raumordnung der Uni Maynooth hat überall in der Grafschaft Leitrim "Geistersiedlungen" ausgemacht: leerstehende Neubauten, unfertige Bungalows, Bauskelette. Die Gerippe blieben übrig, als die Banken zusammenbrachen und das Baugewerbe starb".

In Irland sei lange gedankenlos am Bedarf vorbeigebaut worden - so als sei die ganze Insel ein riesiges Monopoly-Spiel, heißt es in dem Bericht weiter. "Je mehr ich mich mit der Sache beschäftige, desto mehr frage ich mich: Was, zum Teufel, war da los?", sagt Rob Kitchin vom Institut für Raumordnung in Manooth. Er hat allein in der Grafschaft Leitrim, der bevölkerungsärmsten in Irland, 21 Geistersiedlungen gezählt. Eine Geistersiedlung definiert er als Bauprojekt mit zehn oder mehr Häusern, von denen mindestens die Hälfte unfertig oder unbewohnt ist. 620 gebe es davon in ganz Irland.

"Wir werden viele Pferde töten müssen"

Neben den Geistersiedlungen gibt es aber auch ein anderes Phänomen zu beobachten: Jenes streunender Pferde. Das Immobilien- und Schulden-Desaster hat laut "Spiegel Online" eine bisher kaum beachtete Folge: Mehr als 20.000 Pferde seien auf der Kriseninsel überflüssig geworden. Manche von ihnen würden in der Landschaft frei herumirren, ausgesetzt von ihren Besitzern.

Bei 70 Prozent der bei ihm eingehenden Anrufe würde es um das Thema Pferd gehen, sagt der Tierschutzinspektor Conor Dowling. Dann stehe wieder irgendwo ein Pferd auf der Kreuzung, oder neben der Autobahn. "Wir haben ein gewaltiges Problem", sagt er. Seine Ställe seien voll von Pferden, die keiner mehr wolle, berichtet "Spiegel Online". "Kaum einer wagt es laut zu sagen, aber wir werden viele dieser Tiere töten müssen", so Dowling.

Aus Pferden wurden Spekulationsobjekte

Der Wohlstand der 4,5 Millionen Iren drückte sich auch in der Anzahl der Pferde aus. Nirgendwo in Europa leben pro Kopf der Bevölkerung mehr Sport- und Freizeitpferde. So gelangten "Spiegel Online" zufolge hochgezüchtete Rennpferde in die Hände normaler Bürger. Man hoffte, nebenbei Geld zu machen: Aus Pferden wurden Spekulationsobjekte wie Immobilien. Aus vielen Bauernhöfen wurden so Gestüte.

Das ging gut, bis der Immobilien-Crash kam. Viele Züchter machten zunächst weiter, als wäre nichts passiert. Und nun können sie kaum mehr für das Futter der Pferde sorgen. "Es ist eine Schande", sagt Tierschützerin Orla Aungier.

"Der hässlichste Gaul Europas"

Wenn es um die Beschreibung der irischen Wirtschaftslage geht, wird oft vom Tod des "keltischen Tigers" geschrieben. Stattdessen fühle man sich "wie der hässlichste Gaul" Europas, klagte ein Anrufer in einer irischen Radiosendung, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

(Red.)

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