Federal Reserve, die Retterin der Welt

Die US-Notenbank hielt während der Krise nicht nur heimische Institute am Leben. Sie versorgte auch Europas Banken mit billigem Geld – und erntet dafür heftige Kritik.

Federal Reserve Retterin Welt
Federal Reserve Retterin Welt
(c) AP (Mark Lennihan)

Wien. Ben Bernanke dürfte schon gewusst haben, warum er die Informationen möglichst lange zurückhalten wollte. Monatelang forderte die US-Politik den Notenbankchef vergeblich auf, Details über gewährte Notkredite herauszurücken. Nun ließ das Gesetz Bernanke keine andere Wahl. Die Fed publizierte Dienstagnacht 21.000 Transaktionen der vergangenen drei Jahre auf ihrer Homepage – und erntete prompt heftige Kritik von vielen Seiten.

Tatsächlich offenbart die Veröffentlichung pikante Details zur Vorgangsweise der Zentralbank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. So lieh das Institut mehr als 3,3 Billionen Dollar (2,5 Billionen Euro) an tausende Banken weltweit. Damit sollte ein Kollaps des Finanzsystems vermieden werden. Dieser Betrag umfasst ausschließlich Geld, das im Zuge von Notprogrammen verliehen wurde. Sonstige kurzfristige Kredite – ihre Vergabe zählt zum Kerngeschäft der Notenbank – sind nicht enthalten.

 

Alle großen Banken betroffen

Dabei gibt es praktisch keine namhafte Bank, die sich nicht am Geldtopf der wichtigsten Notenbank der Welt bediente: Goldman Sachs griff im Zeitraum von Dezember 2007 bis Juli dieses Jahres 84 Mal zu. Das Institut lieh sich 600 Mrd. Dollar. Auch Lehman Brothers borgte sich vor seiner Insolvenz mehrmals Geld von der Notenbank, ebenso wie Citigroup, Bank of America, Wachovia, Wells Fargo oder JP Morgan.

Wie knapp die Weltwirtschaft gegen Ende 2008 vor dem Kollaps stand, offenbart das Beispiel Morgan Stanley. Die Fed musste der US-Bank innerhalb eines Jahres, von März 2008 bis März 2009, mehr als 200 Mal mit Notkrediten aushelfen. Die Notenbank fürchtete einen „Run“ auf das Banksystem, wäre Morgan Stanley Lehman Brothers in die Insolvenz gefolgt. „Wir haben das Schlimmste vermieden“, rechtfertigt Bernanke die umfassenden Kredite.

 

Erste Bank lieh sich 16 Milliarden

Dank dafür erntet der Notenbankchef wenig überraschend kaum. Wie ein Dorn sticht der US-Politik ins Auge, dass auch europäischen Banken von der Fed unter die Arme gegriffen wurde. Von der britischen Barclays Bank über die Schweizer UBS, die Deutsche Bank bis zur französischen Société Générale – sie alle griffen in den Topf. Auch der US-Tochter der Erste Bank gab die Fed mehrmals kurzfristige Kredite im Ausmaß von 16 Mrd. Dollar.

„Das diente bloß der Sicherstellung der Liquidität. Es war von der Fed gewünscht, dass wir uns Geld leihen“, erklärt Michael Mauritz vom heimischen Institut. Die US-Tochter sei zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Gefahr gewesen. Zum Vergleich: Barclays, das Lehman nach dessen Insolvenz übernahm, borgte sich 232 Mrd. Dollar.

„Das sind unglaubliche Summen“, sagt Bernie Sanders, ein Senator aus Vermont. Er glaubt, dass Bernanke zu große Brötchen gebacken habe. „Wir hätten uns auf die USA konzentrieren sollen. Das Risiko war untragbar. Oder ist die Fed plötzlich zur Notenbank der Welt geworden?“, fragt der parteilose Politiker. Mehrere Abgeordnete beider Parteien schlossen sich seiner Kritik umgehend an.

 

Ein gutes Geschäft

Verstört sind sie nicht nur über die Vergabe der Kredite, sondern auch über die äußerst günstigen Konditionen. So wurde ein großer Teil der Gelder zu einem Zinssatz von 0,5 Prozent oder weniger verliehen. Die Diskontzinsen, zu dem sich Banken von der Fed über Nacht Geld borgen können, lagen selbst zum Höhepunkt der Krise bei 0,5 Prozent. Aktuell liegen sie bei 0,75 Prozent.

Selbst die Fed räumte nach Offenlegung der Daten ein, „ein enormes Risiko eingegangen“ zu sein. „Wir hatten keine andere Wahl“, ließ Bernanke verlauten. Und: „Wir verloren keinen Cent. Der Steuerzahler hat an der Aktion verdient. Fast alle Kredite wurden bereits vollständig zurückgezahlt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2010)

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