Kambodscha: Der große Landraub

In Kambodscha sind Einheimische und ausländische Investoren in illegalen "Aufkauf" von Agrarflächen verwickelt. Der dort angebaute Zucker wird auch in die EU exportiert.

Kambodscha grosse Landraub
Kambodscha grosse Landraub
Cambodian peasants – (c) AP (HENG SINITH)

Ich habe mein gesamtes Land verloren. Ich weiß nicht, wie ich meine drei kleinen Kinder ernähren soll“, sagt die 23-jährige Phall Mam und kann ihre Wut kaum zurückhalten. Dort, wo bis vor Kurzem ihre Felder waren, wachsen junge Bäume in ordentlichen Reihen in die Höhe.

Mam und die anderen Bewohner des Dorfes Dey Krahom, das nur sechs Kilometer von Kambodschas Grenze zu Vietnam entfernt ist, wurden von den Planierraupen überrascht, die ihre Felder plattwalzten. Das Land wurde vom Provinzgouverneur an die CIV Development Company, einen vietnamesischen Plantagenbetreiber, verleast,um dort Kautschuk zu produzieren. Heute liegt das Dorf in einem Meer von Kautschukplantagen. Entschädigung habe sie keine bekommen, sagt Mam. „Ich will auch kein Geld, ich will mein Land zurück!“

Die Dorfbewohner gehören der indigenen Minderheit der Stieng an, eigentlich steht ihr Land durch das kambodschanische Landgesetz unter besonderem Schutz. Doch darum kümmert sich niemand. Arbeit auf der Plantage gibt es für die lokale Bevölkerung nicht. „Sie stellen nie Leute von uns ein. Außerdem, warum sollten wir für die Plantage arbeiten und so unsere eigene Lebensgrundlage zerstören?“, fragt Mam.

Kambodscha profitiert vom Kautschukanbau kaum, die Gewinne fließen direkt nach Vietnam. Dennoch will die kambodschanische Regierung bis 2015 die Anbauflächen auf 150.000 Hektar erweitern, 100.000 Hektar davon sind für 14 vietnamesische Kautschukunternehmen vorgesehen.

Kleptokratische Elite. Der Grundstein für den Ausverkauf des Agrarlandes wurde in Kambodscha schon während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer (1975–1979) gelegt. Diktator Pol Pot wollte Kambodscha in eine maoistisch geprägte, klassenlose Agrargesellschaft verwandeln. Sämtliche Grundregister wurden vernichtet. In den 1990er-Jahren gab die Regierung die Wälder zur Abholzung frei, sehr zur Freude der kambodschanischen Elite, die sich so ihre Taschen füllte.

„Lokale Tycoons und die Regierung selbst haben die Angewohnheit, Land zu stehlen. Es gibt nichts, was sie heute noch von ausländischen Investoren lernen müssten“, sagt Manfred Hornung von der kambodschanischen Menschenrechtsorganisation „Licadho“.Er und seine Kollegen haben mehr Fälle von Vertreibung gesammelt, als sie bearbeiten können: In den 13 der 20 Provinzen Kambodschas, in denen Licadho aktiv ist, sind 250.000 Menschen in Landkonflikte verwickelt. Potenzielle ausländische Agro-Investoren geben sich bereits die Klinke in die Hand. Die indische Amira Group plant, 40 Millionen US-Dollar in den kambodschanischen Reisanbau zu investieren – um den Reis anschließend in die Heimat zu exportieren.

Gewalt durch das Militär und durch private Sicherheitsunternehmen der Plantagenbetreiber sind alltäglich geworden. In Omleang schlugen die Bauern zurück. Sie zündeten zwei Hütten eines Sicherheitsunternehmens an und gingen mit Stöcken und Steinen gegen Bulldozer vor, die ihr Land roden sollten. Das war der vorläufige Höhepunkt des noch immer andauernden Landkonflikts.

2007 sei „die Firma“ zum ersten Mal in seinem Dorf Ou Ang Kom aufgetaucht, sagt You Tho, ein älterer Mann mit Kinnbärtchen. Ihre Vertreter hätten mit offiziellen Besitzdokumenten vor seiner Nase gewedelt, erinnert er sich. „Ich lebe mit meiner Familie seit fast dreißig Jahren hier, seht die alten Mangobäume und unsere Häuser.“ Laut dem Landrechtsgesetz von 2001 haben alle Anrecht auf das Land, auf dem sie mehr als fünf Jahre leben. In vielen Fällen scheitert es jedoch an der Umsetzung dieses Rechts.

Die gebotene Entschädigung für sein Land war für You Tho ein Schlag ins Gesicht. „Für 200 US-Dollar soll ich mir mein gesamtes Leben wegnehmen lassen? Auf meinem Hektar Land produziere ich in guten Jahren sechs Tonnen Reis, den ich am Markt für über 1000 US-Dollar verkaufen kann.“

„Die Firma“, die sich im Dorf breitmacht, sind eigentlich zwei Unternehmen: Die Phnom Penh Sugar Company und die Kampong Speu Sugar Company. Sie gehören beide Ly Yong Phat, einem Senator der seit 25 Jahren regierenden Kambodschanischen Volkspartei CPP, und seiner Frau Kim Heang. Beide sind in zahlreiche Landkonflikte verwickelt. Allein in Omleang in der Provinz Kampong Speu sind mehr als 2000 Familien von ihren Plänen betroffen. In der offiziellen Anfrage um eine Genehmigung des Landkaufs heißt es, die geplante Zuckerrohrplantage in Omleang würde „die Entwicklung der ländlichen Gebiete unterstützen“ und einen „Beitrag zur nationalen Armutsbekämpfung“ leisten.

Sorge um Lebensgrundlage.
Die Weltbank erwartet sich von landwirtschaftlichen Direktinvestitionen Vorteile für alle Beteiligten: die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Technologietransfer in die Landwirtschaft. Der Profit der Investoren ist in der Praxis aber keineswegs automatisch an positive Entwicklungen für die lokale Bevölkerung gekoppelt, denn zu oft wird deren „Recht auf Nahrung verletzt und künftigen Generationen der Zugang zu einer Existenzgrundlage verbaut“, so die Menschenrechtsorganisation FIAN. Viele Bauern aus Omleang schlafen nachts schon auf den Reisfeldern, um ihren Besitz vor den anrückenden Bulldozern zu verteidigen.

»Bitterer Zucker« für die EU.
Vom Zucker mit dem bitteren Beigeschmack profitiert auch Europa. Die thailändische „Khon Kaen Sugar Industry“, an der auch die Deutsche Bank Group beteiligt ist, nutzt einen Vorteil Kambodschas aus: Den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt ist es erlaubt, bestimmte Produkte zollfrei in die EU zu exportieren.

Auch an dieser Zuckerfabrik ist Senator Ly Yon Phat von der Kambodschanischen Volkspartei beteiligt. Vom Ableger im kambodschanischen Koh Kong verschiffte man im Juni erstmals 10.000 Tonnen Rohzucker nach Großbritannien. Wie seine Zuckerrohrplantage in der Provinz Kampong Speu hatte auch die für 90 Jahre gewährte Konzession in Koh Kong im Jahr 2006 die Vertreibung von mehreren hundert Familien zur Folge. Mathieu Pellerin von Licadho, der die Entwicklungen in der Zuckerrohrproduktion in Kambodscha seit Jahren verfolgt, sagt dazu: „EU-Politik, die Entwicklungsländern eigentlich helfen sollte, resultiert in dem konkreten Fall in gewaltsamer Vertreibung und Landraub.“ Den Preis dafür zahlen die Familien in den Dörfern – wie jene von Phall Mam.

14,5 MillionenMenschen leben in Kambodscha. Das südostasiatische Land zählt zu den ärmsten der Welt – 31 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen.

67,9 Prozent der Erwerbsbevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig. Reis zählt zu den wichtigsten Exportgütern des Landes.

Kautschuk-Exporte sind seit 2009 um satte 25 Prozent angestiegen – gemeinsam mit den Anbauflächen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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