Vincenzo Conticello: Ein Wirt schenkt der Mafia ein

Der sizilianische Gastronom Vincenzo Conticello weigerte sich, Schutzgeld zu zahlen, und brachte die Erpresser hinter Gitter. Die Folge: Die Kunden blieben aus. Jetzt rettet sich der Anti-Mafia-Held in die Expansion – bis nach China.

Wirt schenkt Mafia
Wirt schenkt Mafia
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Es klingt seltsam, aber es schmeckt herrlich: in Schmalz gebratene Kalbsmilz, Ricotta und geriebener Käse in einer süßen Sesamsemmel. Dieses Fast Food der sizilianischen Art ließ sich schon Garibaldi schmecken. Im Jahr 1860 landete er in Palermo, um Italien von der Fremdherrschaft zu befreien – aber zuerst kehrte er in der „Antica Focacceria San Francesco“ ein, um sich für seine revolutionäre Mission zu stärken.

Heute zieht der Wirt in fünfter Generation selbst in die Welt hinaus, um Italien von einer hausgemachten Plage zu befreien: dem organisierten Verbrechen. Denn Vincenzo Conticello hatte sich 2005 geweigert, Schutzgeld zu zahlen. So wurde der 51-Jährige zur Galionsfigur der Anti-Mafia-Bewegung, schwer bewacht und ohne festen Wohnsitz. Ein Held wider Willen: Denn der ehrgeizige Unternehmer hatte eigentlich ein ganz anderes Ziel – seine goldbraune Focaccia und hundert andere, edle Imbisse zu Gold zu machen, mit Filialen in aller Welt.

In jüngeren Jahren studierte der rastlose Vincenzo Politologie und trieb sich lange in Südamerika herum, um Ökotourismusprojekte auf die Beine zu stellen. Vor zehn Jahren kam er in nach Palermo zurück, um den altersmüden Vater zu entlasten. Zusammen mit seinem Bruder Fabio brachte er das Jugendstildekor auf Hochglanz und sorgte für frischen Wind in dem ehrwürdigen Edel-Imbissladen mit angeschlossenem Restaurant im Herzen der Altstadt.

Redlichkeit als Ärgernis. Schutzgeld? War bis dahin kein Thema. Der Umsatz lag bei zwei Millionen Euro, zu wenig, um Begehrlichkeiten zu wecken. Die Paten und ihre Clans zählten selbst zu den besten Kunden. Sie freuten sich über einen Rabatt, wenn die Conticellos ihre genuinen Gustostücke auf mafiose Bankette und Hochzeiten lieferten – und ließen es dabei bewenden.

Vincenzo aber wollte bald höher hinaus. Er plante Filialen in ganz Italien, sogar nach China streckte er seine Fühler aus. 15 Millionen Euro Jahresumsatz und 600 Mitarbeiter standen 2005 im Businessplan. Den Mafiosi lief das Wasser im Mund zusammen – wo Geld zu holen ist, da wollen sie dabei sein. Zudem wurde der redliche Gastronom zu einem Ärgernis, weil er ganz gegen den Brauch brav Steuern zahlte, seine Angestellten anmeldete und allesamt ordentlich entlohnte.

Der Albtraum begann mit kleinen, mysteriösen Störfällen. Der Strom fiel aus, das Wasser war blockiert, Glaspaneele gingen in Scherben. Dann stand plötzlich ein elegant gekleideter Herr in der Tür. Er empfahl eindringlich einen Rundumschutz gegen Störenfriede aller Art, von rivalisierenden Kriminellen bis zur Finanzpolizei, für wohlfeile 500 Euro im Monat. Ein Angebot, das man kaum ablehnen kann. Der sture Wirt lehnte es trotzdem ab. Es folgten Todesdrohungen und eine neue Forderung über 50.000 Euro – als Pauschale für die Vergangenheit, hatte das Lokal doch seit seiner Gründung 1834 noch nie „Pizzo“ gezahlt. Der mutige Gastronom zeigte seine Erpresser erst an und dann im Gerichtssaal mit dem Finger auf sie. Vier Mafiosi fassten in Summe fast ein halbes Jahrhundert Haft aus.

Spätestens damit wurde Conticello 2007 zum Aushängeschild von „Addio Pizzo“, einer Initiative, die Sizilien von der kollektiven Schutzgeldschande befreien will. Aber das Vorbild wirkte anfangs kaum. Im Gegenteil: Die Focacceria geriet in die Krise. Catering-Aufträge fielen aus, Lieferanten sprangen ab, die Tische im Ristorante blieben leer. Nicht ganz unverständlich: Ein mit Maschinenpistole ausstaffierter Carabiniere vor der Tür schafft keine gemütliche Lunch-Atmosphäre.

Semmeln als Statement. Auch der Chef selbst wird rund um die Uhr von bewaffneten Leibwächtern eskortiert, fährt ein gepanzertes Auto und lebt an mehreren geheim gehaltenen Orten.Die ehrgeizigen Pläne musste Conticellovorerst auf Eis legen. Doch er gab nicht auf und trat die Flucht nach vorne an: Wenn auf seine Palermer kein Verlass war, musste er erst recht woanders seinGlück versuchen – nur in kleineren Etappen. Er gründete zwei Filialen in Mailand und Imbisstheken in Feltrinelli-Buchläden in Rom. Bei seiner jüngsten Eröffnung, einem Vorzeigeladen auf dem römischen Flughafen Fiumicino, tanzte im Jänner schon die Politprominenz an. Sogar Parlamentspräsident Fini schickte Glückwünsche.

Denn das Blatt beginnt sich zu wenden: Vor allem unter Norditalienern und Touristen gilt es als chic, die Jausensemmel mit einem politischen Statement zu verbinden. Der Anti-Mafia-Wirt wird herumgereicht, vom Empfang beim Pariser Bürgermeister über Aktionstage in New York bis zu Vorträgen an deutschen Unis. Mit diesem Rückenwind wagt er sich wieder an die großen Pläne heran. Nächstes Jahr machen Filialen in Berlin, Frankfurt und München auf. Auch China ist wieder aktuell: Ein Lokal in Hongkong und zwei in Peking sind in Vorbereitung, eine Franchise-Kette soll folgen. Die chinesischen Köche werden bereits auf die Finessen der „Cucina italiana“ getrimmt.

Aber auch in seiner Heimat Sizilien, die Conticello nur noch selten sieht, bewegt sich einiges. „Addio Pizzo“ gewinnt an Boden. Immer mehr Ladenbesitzer, Wirte und Fabrikanten schließen sich der Bewegung an und deklarieren ihr Unternehmen stolz als schutzgeldfreie Zone. In Italien geht eben nicht nur die Liebe, sondern auch die Revolution zuerst einmal durch den Magen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)

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