Energiealarm in Spanien: Bremsen, drosseln, sparen

Die große Abhängigkeit von Importen zwingt Madrid zu kreativen Sparmaßnahmen. Ab dieser Woche gelten auf Autobahnen 110 km/h.

A truck drives past a speed limit sign on a highway outside Madrid
A truck drives past a speed limit sign on a highway outside Madrid
(c) Reuters (Susana Vera)

Wien/Gau. Den Krieg der Krawatten wird Miguel Sebastián nun doch noch gewinnen. Erklärt hatte ihn Spaniens Wirtschaftsminister im Sommer 2008. Damals, als der Ölpreis kurz vor der Krise bei 140 Dollar lag, drosselte er die Klimaanlage seines Ministeriums auf schweißtreibende 24 Grad. Dafür erlaubte er seinen Beamten, die Krawatten abzulegen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und erschien – als einziger männlicher Parlamentarier – im Hohen Haus im offenen Hemd. So zog er sich den Zorn des Kongresspräsidenten zu, der sein Plenum zu einer „Folkloreveranstaltung“ degradiert sah.

Doch nun stehen alle Zeichen auf Energiesparen. Denn der Ölpreis liegt in Euro schon fast auf dem Spitzenniveau von 2008, mit einem weiteren Anstieg ist zu rechnen. Die Folge: Spanien muss die „Energiealarmstufe eins“ ausrufen, und eine ganze Batterie von Sparmaßnahmen wird abgefeuert, um den Verbrauch zu senken. Bei Stufe zwei, mit „zeitweisen Unterbrechungen“ der Versorgung, würden die Reserven angezapft und der Strom zeitweise abgeschaltet.

 

Wenig Wasserkraft, kaum Atom

Warum die Panik? Spanien ist zu 80 Prozent von Energieimporten abhängig. Öl, Gas und Kohle gibt der iberische Boden nicht her. Der Ausbau der Atomkraft wurde schon 1984 gestoppt. Die Wasserkraft und andere alternative Energieformen spielen mit unter zehn Prozent Anteil eine geringe Rolle.

Die Hälfte des Verbrauchs wird mit Erdöl gedeckt. Großteils kommt es aus aktuellen und potenziellen Krisengebieten im arabischen Raum. Der wichtigste Lieferant ist der Iran, schon an zweiter Stelle folgt Libyen. Der Ölpreis macht dem schulden- und rezessionsgeplagten Spanien schon seit Monaten schwer zu schaffen.

So eilt denn die sozialdemokratische Regierung Zapatero von einer Krisensitzung zur nächsten. Die umstrittenste Maßnahme: Auf Autobahnen und Schnellstraßen dürfen die Spanier ab dieser Woche nur mehr 110 km/h statt 120 km/h fahren. Die Regelung gilt bis mindestens Ende Juni; sie soll 15 Prozent beim Benzin und elf Prozent beim Diesel einsparen. Nachprüfen lässt sich das nicht, weil die Nachfrage auch durch die hohen Preise sinkt – die Faktoren sind nicht zu trennen.

 

„Sowjetische“ Pläne

Doch damit nicht genug: Die Dienstwagenflotte (sie ist mit 35.000 Wagen weit größer als in Deutschland oder Frankreich) soll auf die Hälfte schrumpfen. In den Beamtenbüros brennt nur mehr dann Licht, wenn wirklich jemand am Werken ist. Ab 18 Uhr fallen die Tintenburgen, die künftig mit Biomasse beheizt werden, ganz ins Dunkel. Straßenlaternen und Tunnels erhalten nun landesweit Energiesparlampen. Die Zugtarife sinken ein Jahr lang um fünf Prozent (außer bei Fernstrecken). Wer seine abgefahrenen Reifen tauscht, bekommt eine Förderung. Sogar ein Fahrverbot, abwechselnd für Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichen, steht zur Diskussion.

„Chaotisch“, „lächerlich“, „grotesk“: Die konservative Opposition feuert aus allen Rohren gegen die „sowjetischen“ Maßnahmen. Besonders eingeschossen hat sich der Partido Popular (PP) auf die unpopuläre 110-km/h-Beschränkung: Sie solle ja nur das Geld von Temposündern in die leere Staatskasse spülen. Vizepremier Rubalcaba kontert: Im Vergleich zu den Mindereinnahmen bei der Mineralölsteuer seien die Verkehrsstrafen nur „Peanuts“.

Aber eine PP-Sprecherin orakelt düster, da komme sicher noch mehr, und „so ganz nebenbei wirft uns das 40 Jahre zurück“. Die verklausulierte Botschaft kommt an: Ein Tempolimit von 100 km/h fürchten die Autofahrer wirklich. Zumal, wenn es für immer droht: Die erste Geschwindigkeitsbegrenzung hat noch General Franco in der Energiekrise dekretiert – und sie ist bis heute geblieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2011)

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