"Ölpreis von 200 Dollar als Worst-Case-Szenario"

Neben der aktuellen Entwicklung im arabischen Raum sieht Rohstoffexperte Stöferle die Geldpolitik der Nationalbanken als wichtigsten Einflussfaktor für den Preis.

oelpreis Dollar WorstCaseSzenario
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Öl – (c) AP (David Quinn)

Der Rohstoffexperte Ronald Stöferle von der Erste Bank rechnet mit einem weiteren Anstieg der Ölpreise. Grund dafür ist nicht nur die Situation in Libyen. Auch in anderen wichtigen Ölförderländern spitze sich die Lage zu. "Die größte Unsicherheit stellt die politische Entwicklung in einigen arabischen Staaten dar. Da ist aktuell noch keineswegs alles eingepreist. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Lage rasch beruhigt", sagt Stöferle. Zwar sind die politischen Verhältnisse in Saudi Arabien, Oman, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten stabiler als beispielsweise in Ägypten, dennoch sei ein Dominoeffekt nicht auszuschließen.

Würde zum Beispiel die Produktion in Libyen und Algerien ausfallen, wäre die Reservekapazität von Saudi Arabien, das häufig als Lieferant einspringt, erschöpft. Wegen seiner Rolle als Ersatzlieferant ist die politische Situation gerade in Saudi Arabien maßgeblich für den Ölpreis. Aber auch dort spitzt sich die innenpolitische Lage zu. Der Ölpreis würde in diesem Worst-Case-Szenario vermutlich auf mehr als 200 US-Dollar je Barrel ansteigen, sagt Stöferle.

Geldpolitik wichtigster Faktor für Rohstoffmärkte

Ein wichtiger Grund für den Anstieg des Ölpreises ist laut Stöferle auch die künstlich herbeigeführte Konjunkturerholung durch die Zinspolitik in Europa und den USA. Durch diese Überschwemmung des Geldmarktes kommt es zu einem Anstieg der meisten Rohstoffpreise, die Entwicklung würde durch ein weiteres Konjunkturprogramm der USA (Quantitiv Easing) verstärkt werden, sagt Stöferle. "Geldpolitik dürfte mittlerweile der wichtigste Faktor für die Rohstoffmärkte sein", erklärt Stöferle.

Als dritte große Bedrohung sieht Stöferle das nahende Ölfördermaximum (Peak Oil). "Bei konventionellem Öl wird das Fördermaximum demnächst erreicht sein", erläutert Stöferle. "Es steht außer Frage, dass die Diskussion um Peak Oil mehr als reine Panikmache ist." Rund 64 Länder haben bereits ihr Fördermaximum erreicht. Die Tatsache, dass nun immer häufiger offizielle Institutionen wie z.B. die deutsche Bundeswehr, die Bank of England oder das amerikanische Verteidigungsministerium sich mit Studien zu Peak Oil beschäftigen, bestätigt die latente Bedrohung."

Erdgas vor schnellem Wachstum

Erdgas, und hier im Besonderen Schiefergas, wird nach Meinung der Erste Bank Experten der am schnellsten
wachsende fossile Energieträger der Zukunft sein. Aufgrund seiner chemischen Eigenschaften kann Erdgas Erdöl in zahlreichen Einsatzbereichen problemlos ersetzen. Da es außerdem noch sauberer verbrennt als Kohle oder Erdöl punktet es auch in Hinblick auf CO2 Obergrenzen. "Der Abbau von Schiefergasvorkommen in Europa wird massiv an Bedeutung gewinnen", ist Stöferle  überzeugt. Insbesondere in Polen und in der Ukraine
sind in den nächsten Jahren rege Explorations- und Akquisitionstätigkeiten zu erwarten. Auch China will den
Gasanteil in der nächsten Dekade mehr als verdoppeln. Derzeit wird 80 Prozent des Energiebedarfs mit Kohle gedeckt, während Gas nur ein Prozent abdeckt.

„Der hohe Ölpreis bedeutet definitiv eine Bedrohung für das Wirtschaftswachstum", meint Stöferle. Sobald der
Preis pro Barrel Rohöl nachhaltig auf über 100 Dollar steigt, ist davon auszugehen, dass die OPEC die Förderung drastisch erhöhen wird, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. Die Experten des Erste Bank rechnen 2011 mit einem durchschnittlichen Preis von 124 US-Dollar je Barrel der Marke Brent. Eine Daumenregel besagt, dass ein 10-prozentiger Preisanstieg des Ölpreises das BIP in den USA um ca. 25 Basispunkte verringert.

(mad)

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