Detroit: Der langsame Tod des einstigen Automekkas

Seit 2000 haben jeden Tag 65 Einwohner der Metropole den Rücken gekehrt. Ursachen sind die marode Autoindustrie und die US-Häuserkrise.

General Motors Corp. headquarters, background, are shown in Detroit, Wednesday, Dec. 10, 2008.  Gener
General Motors Corp. headquarters, background, are shown in Detroit, Wednesday, Dec. 10, 2008.  Gener
(c) AP (Paul Sancya)

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Einwohner von Detroit von 951.270 um 25 Prozent auf 713.777 geschrumpft, zeigen aktuelle Daten des US Census Bureau. Damit hat die US-Stadt wieder das Niveau erreicht, das sie zuletzt im Jahr 1910 hatte, als die Auto-Massenproduktion noch in den Kinderschuhen steckte. Das berichtet das "Wall Street Journal". Seit 2000 haben somit jeden Tag 65 Einwohner der Metropole den Rücken gekehrt. Nur das von Hurrikan Katrina gebeutelte New Orleans hat eine stärke Einwohner-Flucht zu verzeichnen.

"Ich war geschockt", sagt Demograf Kurt Metzger von Data Driven Detroit. "Selbst in meinen wildesten Träumen, meinen schlimmsten Alpträumen, hätte ich einen derartig großen Rückgang nicht erwartet".

Rasanter Exodus

Zur Boomzeit in den 1950er Jahren war Detroit mit über 1,85 Millionen Einwohnern die fünftgrößte US-Stadt nach New York, Chicago, Philadelphia und Los Angeles. Noch bei der Volkszählung 1990 befand sich die Stadt unter den Top-10. Heute liegt sie nur mehr auf Platz 19, hinter Indianapolis und Columbus.

Noch nie zuvor in der Geschichte der Stadt fand der Exodus der Bevölkerung so rasant statt. Experten hatten mit einer Zahl nahe der 800.000 gerechnet. Bürgermeister David Bing erwägt nun eine Neuzählung. Kein Wunder, denn der Verlust von Einwohnern bedeutet auch den Verlust von finanziellen Zuwendungen durch den Bundesstaat Michigan. Das Büro des Bürgermeisters arbeitet daher bereits seit einem Jahr an einem Restrukturierungsplan. Dieser sieht das Ende mancher Dienstleistungen in spärlich bewohnten Gebieten vor. Zudem versucht die Stadt junge, gut ausgebildete Bürger anzuziehen, um die Wohnviertel zu stabilisieren.

Detroit stirbt von innen heraus

Neben der kriselnden US-Autoindustrie, die in den vergangenen Jahrzehnten eine Autofabrik nach der anderen geschlossen hat, wurde die Stadt auch massiv von der US-Häuserkrise getroffen. Die Zahl leerstehender Häuser hat sich im vergangenen Jahrzehnt auf 80.000 Einheiten verdoppelt. Somit ist jede fünfte Wohneinheit betroffen, wie das US Census Bureau berichtet.

Die Stadt stirbt von innen heraus. Das gesellschaftliche und geschäftliche Leben verlagert sich zunehmend in die Vororte, während Teile des ehemaligen Stadtkerns verrotten. Die aktuellen katastrophalen Zahlen würden der Stadt auch nicht gerade helfen, ist Demograf Metzger überzeugt. Das Image von Detroit würde weiter leiden, zumal ein Gegentrend schwer erkennbar sei. "Das verstärkt die Wahrnehmung des sterbenden Detroit", gibt er zu bedenken. Bemühungen zur Verbesserung der Situation könnten damit wieder zunichte gemacht werden.

Stadtflucht ist kein "weißes" Phänomen

Der Anteil der schwarzen Bevölkerung liegt laut US Census Bureau bei 82,2 Prozent, während die weißhäutigen Bewohner 7,8 Prozent ausmachen - knapp mehr als die Hispanics mit einem Anteil von 6,8 Prozent.

Die Fluchtbewegung aus der Stadt ist aber kein "weißes" Phänomen. Auch immer mehr Einwohner schwarzer Hautfarbe ziehen in die Vororte. Für William Frey von der Brookings Institution liegt das Problem aber vor allem darin, dass junge Menschen die Stadt verlassen. "Die Stadt ist nicht mehr der Ort, wo sie sein wollen. In den Vorstädten gibt es mehr Möglichkeiten", zitiert ihn die Finanz-Nachrichtenagentur "Bloomberg".

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