Sex, Drugs, Versicherungen und ein böses Nachspiel

Der Skandal um die Reisen für Vertreter der Versicherung HMI wächst zu einem Super-GAU. Die Branche fürchtet um ihr Saubermann-Image. Eine der Spuren führt zum damaligen Vertriebschef der HMI, Kai Lange.

(c) APA (ZOLTAN KEREKES)

Wien/Cim/Ag. Sex unter falschen Umständen oder mit mangelnden Sicherheitsvorkehrungen kann böse Folgen haben. Bei der deutschen Versicherung Hamburg Mannheimer International (HMI) wachsen diese zu einem Image-Super-GAU. Unlängst ist aufgeflogen, dass die besten 100 Versicherungsvertreter 2007 auf einer „Incentive“-Reise Orgien mit mindestens 20 Prostituierten in der Budapester Gellért-Therme gefeiert haben. Der Ruf ist verloren, nun verabschiedet sich auch das Werbegesicht. Jürgen Klopp, Trainer des deutschen Meisters Borussia Dortmund, legt seinen Werbevertrag auf Eis und lässt ausrichten, man könne das, „was man von dieser Reise liest, nur aufs Schärfste verurteilen“.

Die Versicherung, die mittlerweile zum Ergo-Konzern und damit zur Münchener Rück gehört, versucht zu retten, was zu retten ist. Ergo-Chef Torsten Oletzky spricht von einem „groben Fehler“, einem „krassen Verstoß“ gegen die Regeln, der „unglaublich peinlich“ sei. Ergo sucht hektisch nach Verantwortlichen, auch rechtliche Schritte würden geprüft.

 

Die nächste Reise ist gestrichen

Eine der Spuren führt zum damaligen Vertriebschef der HMI, Kai Lange. Lange, der sich als einer der Gründer des Finanzdienstleisters AWD einen Namen gemacht hat, organisierte die Reise, will von den Eskapaden aber nichts gewusst haben. Er habe den Abend im Discobereich verbracht.

Die Details erfährt er nun aus den Medien: Die Frauen wurden mit dem Logo und in den Firmenfarben bemalt. Laut Berichten, die sich auf eidesstattliche Erklärungen berufen, hat man die Frauen mit farbigen Bändern ausgestattet, die darauf hinwiesen, zu welchen Diensten sie bereit waren. Frauen mit weißen Bändern waren den ranghöchsten Mitarbeitern vorbehalten. Wenn sich eine Prostituierte mit einem Vertreter in eines der mit Tüchern verhängten Betten zurückzog, wurde sie später mit einem Stempel am Arm „markiert“.

Die Party soll kein Einzelfall gewesen sein: Das „Handelsblatt“ berichtet, Prostituierte seien auch bei Tagungen für Führungskräfte Stammgäste. Die „Bild“ veröffentlicht Fotos, die einen Mann – angeblich einen hochrangigen Vertreter der HMI – während einer Belohnungsreise auf Mallorca nebst einer jungen Frau zeigen. Zwischen Tequila-Gläsern ziehen die beiden feines weißes Pulver durch Geldscheine in ihre Nasen.

Der Kommentar der Versicherung dazu: Es handle sich nicht um Kokain, die beiden spielten ein Tequila-Trinkspiel, zu dem es gehöre, Salz durch die Nase zu schnupfen. Ähnliche Bilder soll es von einer Reise nach Dubai im März 2010 geben. Zumindest drei Mal pro Jahr soll der sogenannte „Top 5“-Klub der erfolgreichsten Vertreter auf Firmenkosten verreisen. Eine für kommendes Wochenende geplante Tour nach Monte Carlo wurde nun abgesagt.

 

„Unterstes Herrenklubniveau“

Auch anderen deutschen Versicherungen werden ähnliche Reisen vorgeworfen. Die Branche ringt um ihr Saubermann-Image. Der deutsche Bund der Versicherten fordert vom Ergo-Vorstand Aufklärung. Solche Ausgaben – die dreitägige Ungarn-Reise hat 83.000 Euro gekostet – dürfe man nicht auf auf dem Rücken der Kunden austragen. Auch aus der Politik kommt heftige Kritik. Von „unterstem Herrenklubniveau“ ist die Rede. Oder davon, dass solche Orgien mit mehr Frauen in den Führungsetagen nicht passieren würden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2011)

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