Türkische Zentralbank will bei Vollgas durchstarten

Obwohl die türkische Wirtschaft noch auf Hochtouren läuft, hat die Zentralbank eine Zinssenkung beschlossen. Der hektische Kurswechsel verunsichert den Finanzmarkt. Die Währung könnte außer Kontrolle geraten.

(c) EPA (EVRIM AYDIN)

Ankara. Während man in Europa und den USA gerade erst wahrgenommen hat, dass die Konjunktur in ernster Gefahr ist, ist man in der Türkei schon dabei, den Konjunkturzug durchzustarten, obwohl er sich noch immer in rascher Fahrt befindet. Anders sind die hektischen Entscheidungen der Zentralbank der vergangenen Tage nicht zu deuten.

Noch am Freitag vergangener Woche hatte Zentralbankchef Erdem Balci verkündet, dass die Zinsen bis Jahresende unverändert bleiben würden. Er widersprach damit dem Rat vor allem ausländischer Analysten, die eher für eine Zinserhöhung plädiert hatten. Ziel der Zentralbank war die Senkung des jährlichen Kreditwachstums von derzeit 35 Prozent auf 25 Prozent bis Jahresende und ein Abbau des Leistungsbilanzdefizits.

 

„Sie spielen mit dem Feuer“

Beides sprach dafür, dem Markt Geld zu entziehen, um den boomenden Konsum zu bremsen. Am Mittwoch traf sich dann das Komitee für Finanzstabilität unter dem Vorsitz des stellvertretenden Ministerpräsidenten Ali Babacan. Offenbar bei dieser Sitzung änderte Balci plötzlich seine Meinung und senkte bereits am Donnerstag den Repo-Zins von 6,25 Prozent auf 5,75 Prozent. Dass gleichzeitig der Zins für Ausleihen über Nacht drastisch angehoben wurde, ging in der Überraschung über den unerwarteten Schritt unter.

Als Folge stieg der Kurs des Dollar scharf an. „Sie spielen mit dem Feuer“, kommentiert Antero Atilla, Analyst der Danske Bank, die Entscheidung gegenüber der Agentur Bloomberg. Auch der türkische Experte für Investitionen, Hakan Tezcan, konstatierte Überraschung. Die Wechselkurse könnten langfristig außer Kontrolle geraten. Dem will die Zentralbank vorbeugen und hat den Verkauf von Devisen angekündigt. Die Türkische Lira hat in den vergangenen sieben Monaten zehn Prozent an Wert gegenüber dem Dollar eingebüßt.

Indes ließ sich die Zentralbank von der vorherrschenden Kritik an ihrem jähen Kurswechsel offenbar nicht beeindrucken. Gestern verkündete sie, dass sie auch den Satz, den die Banken auf Devisenreserven hinterlegen muss, senken wird. Nach Berechnungen des Nachrichtensenders CNN Türk wird das den Märkten etwa 930 Mio. Dollar Liquidität zuführen. Die Märkte sind vom Durchstart weiter nicht überzeugt. Die Lira schwächelte gestern weiter, während die Börse auf den tiefsten Stand seit dreizehn Monaten rutschte – allerdings durchaus im Einklang mit dem weltweiten Trend.

 

Erdoğan braucht gute Zahlen

Traditionell macht sich die türkische Zentralbank mehr Sorgen um die Konjunktur als um langfristige Stabilität. Doch unverkennbar will auch die Regierung den sehr hohen Wachstumspfad halten. Ministerpräsident Tayyip Erdoğan hat erst im Mai im Wahlkampf versprochen, bis zum hundertsten Jahrestag der Republikgründung im Jahre 2023 werde die Türkei zu den zehn größten Wirtschaftsnationen der Erde gehören.

Dazu bräuchte er in den kommenden zwölf Jahren ohne Pause extrem hohe Wachstumszahlen. Ein näherliegender Grund ist die geplante Verabschiedung einer neuen Verfassung 2012. Dazu muss Erdoğan ein Referendum gewinnen, und das will er natürlich nicht inmitten einer Flaute versuchen.

Bislang läuft die türkische Konjunktur indessen noch prächtig. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft um elf Prozent. Allerdings kam im Juli bereits das erste Anzeichen für einen möglichen Abschwung, der Absatz von Fahrzeugen aller Art brach gegenüber dem Vormonat um fast ein Viertel ein, blieb aber knapp über dem Vorjahreswert.

In der letzten Wirtschaftskrise hat die Türkei zur Stützung der Konjunktur nur wenig getan und ließ sich von den Konjunkturprogrammen der anderen kostengünstig aus der Krise ziehen. Diesmal scheint es fast umgekehrt zu kommen, die Türkei heizt die Konjunktur nach, während niemand sonst eine Idee hat, was man gegen die heraufziehenden Konjunkturprobleme machen könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)

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