Zulauf: "Ohne Wohlstandsverlust geht es nicht"

Der Vermögensverwalter Felix Zulauf sieht im Euro einen „Sprengsatz für die europäische Integration“. Das „deutsche Erfolgsmodell“ ist für ihn Geschichte.

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Die Presse: Sie galten schon in der Geburtsstunde des Euro als einer der größten Kritiker der Einheitswährung. Sie haben vor verheerenden Folgen gewarnt und ein Zerbrechen der Währungsunion für möglich gehalten. Ist es nun so weit? Zerbricht der Euro?

Felix Zulauf: Nicht unbedingt, was aber nichts daran ändert, dass das Konzept des Euro ein völlig falsches war. Es wäre schön, könnte man die Währungsunion wieder rückgängig machen. Aber für eine Umkehr ist es zu spät. Jene Länder, die austreten würden, hätten schon am nächsten Tag ein bankrottes Bankensystem. Deshalb geht man weiter vorwärts, obwohl den Euro heute wohl niemand mehr für eine großartige Idee hält.

Die Politik scheint im Moment nicht so recht zu wissen, was sie machen soll. Wie sollte der richtige Weg nach vorwärts aussehen?

Das wird ein sehr schwieriger Weg. Die Politiker müssen eine Gratwanderung vollziehen. Sie sollten eigentlich ihren nationalen Interessen verpflichtet sein. Doch die Interessen der wohlhabenderen Mitglieder wie Deutschland oder Österreich stehen fundamental entgegengesetzt zu den Interessen der Länder an der Peripherie. Das ist der Grund, warum der Euro ein Sprengsatz für die europäische Integration ist. Er könnte sogar zu einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union führen.

Von welchen unterschiedlichen Interessen sprechen Sie, und warum könnte die EU daran zerbrechen?

Damit der Euro jetzt noch funktionieren kann, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder macht man eine Fiskalunion, in der die wohlhabenden Staaten die Defizitländer finanzieren müssen. Oder die Europäische Zentralbank muss aus dem Euro eine Schwachwährung machen, damit die Länder aus der Peripherie ihre Produktivität am Weltmarkt steigern können. Beide Varianten schaden Ländern wie Deutschland.

Für eine Fiskalunion wären die Kernländer kaum zu haben, Volksabstimmungen wären nötig. Bleibt der Euro als Schwachwährung. Das bedeutet, dass die EZB Geld drucken und so die Inflation weiter anheizen wird.

Das ist im Prinzip der einzige Weg. Es wird zu einer hohen Inflation über viele Jahre kommen. Das ist das Ende des Erfolgsmodells von Ländern wie Deutschland oder Österreich. Dieses beruhte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einer starken Währung. Die deutsche und österreichische Industrie hat Wohlstand für ihre Bürger geschaffen, weil der Geldwert stabil gehalten wurde. Das führt zu sicheren Ersparnissen, und das führt zu nachhaltigen Investitionen.

Die Politik der EZB gefährdet also unseren Wohlstand?

Ja. Die Politik der EZB ist sozialpolitisches Gift. Ich bin nicht sicher, ob die Bevölkerung da lange mitmacht, denn dieser Weg ist schlicht nicht im Interesse des deutschen und des österreichischen Volkes.

Es scheint aber der einzige Weg zu sein, um die Verschuldungsprobleme der EU zu lösen.

Es ist nur ein Teil des Weges. Die implizierte Verschuldung, also der Schuldenstand inklusive Verpflichtungen aus dem Gesundheits- und Rentensystem, liegt in der EU bei durchschnittlich 400Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist schlicht nicht mehr zu finanzieren. Man kann die Katastrophe vielleicht noch ein bisschen hinauszögern. Verhindern kann man sie aber nur durch einen echten Umbau.

Wie könnte so ein echter Umbau aussehen?

Das Rentenalter muss deutlich erhöht werden. Dem Einzelnen müssen höhere Kosten im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem aufgebürdet werden. Es muss noch mehr gespart werden. Die Probleme können gelöst werden, aber ohne, dass der durchschnittliche Bürger deutlich an Wohlstand einbüßt, wird es nicht gehen.

Es scheint nicht so, als würde die Politik diese Dinge anpacken.

Diese Schritte sind natürlich keine Wahlpropaganda, deshalb hinkt die Politik dieser Entwicklung hinterher. Hinter vorgehaltener Hand weiß aber jeder gute Politiker, dass das Rentenalter deutlich angehoben werden müsste.

Davon hört man in der Öffentlichkeit nur wenig. Haben wir einen Mangel an guten Politikern?

Nein, da sind schon viele intelligente Leute dabei. Angela Merkel zum Beispiel ist sich der Problematik bewusst, Deutschland hat ja mittlerweile ein Pensionsantrittsalter von 67 Jahren. Natürlich müsste es noch schneller gehen, in Wahrheit müssten wir schon über ein Rentenalter von 75 Jahren reden. Aber das wäre eben politischer Selbstmord.

Auf einen Blick

Der Schweizer Felix Zulauf zählt zu den bekanntesten internationalen Vermögensverwaltern. Er gilt seit Jahren als harscher Kritiker der Politik in der Eurozone.

Der 60-Jährige arbeitete einst für die UBS und gründete 1990 seine Vermögensverwaltung. In Wien sprach er im Zuge des Kongresses zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie über „Die Kernschmelze des Finanzsystems“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2011)

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