Argentinien: Eine Anleitung zum Staatsbankrott

Vor genau zehn Jahren schlitterte Argentinien in die Pleite. Über Nacht mussten alle Banken des Landes schließen, die Konten wurden eingefroren. Die Bevölkerung verlor damals zwei Drittel der Ersparnisse.

Symbolbild
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(c) EPA (Gustavo Ercole)

Wien/Buenos Aires. Zuerst wurden die Supermärkte in Buenos Aires geplündert, dann griffen die Unruhen auf die Provinzen über. Die Banken schlossen ihre Schalter und sperrten tagelang nicht mehr auf. Solche Szenen spielten sich vor zehn Jahren in Argentinien ab. Wegen der explodierenden Verschuldung schlitterte das südamerikanische Land im Dezember 2001 in die Pleite. Die Vorgänge zeigen, wie ein Staatsbankrott abläuft und was einigen hoch verschuldeten Ländern in Europa bevorstehen könnte. Mit einem Verlust von 102,5 Milliarden Dollar handelt es sich bei Argentinien um die bisher größte Pleite eines Staates.

In der Hauptstadt Buenos Aires eskalierte die Situation am 20. Dezember 2001: Zehntausende Demonstranten marschierten trotz des Ausnahmezustands zur historischen Plaza de Mayo. Die meisten trommelten mit Löffeln und Decken auf die mitgebrachten Töpfe. „Das Geld ist alle“, erklärte ein Regierungssprecher.

Die Polizei konnte die Straßenschlachten nicht stoppen. Präsident Fernando de la Rua trat zurück und flüchtete mit dem Hubschrauber aus dem Präsidentenpalast. Am 23. Dezember erklärte das Land offiziell, zahlungsunfähig zu sein. Bis Ende 2001 kamen bei Straßenschlachten 27 Menschen ums Leben.

Innerhalb weniger Wochen wechselten sich fünf Präsidenten ab. Argentinien kam damals auf eine Staatsverschuldung von 150 bis 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Weil sich die Regierung weigerte, dringend notwendige Sparmaßnahmen durchzusetzen, strich der Internationale Währungsfonds (IWF) eine dringend benötigte Finanzspritze von über einer Milliarde Dollar. Die Ratingagenturen stuften die Bonität des südamerikanischen Landes herab.

Sparer plündern ihre Konten

Die Argentinier begannen, in Panik ihre Konten zu plündern und die Ersparnisse ins Ausland – vor allem ins benachbarte Uruguay – zu schaffen. Ähnliches passiert derzeit in Griechenland. Die Geldeinlagen bei den griechischen Banken sind zuletzt auf einen Rekordtiefstand von 182,5 Mrd. Euro gefallen. Seit Beginn der Krise wurden mehr als 60 Mrd. Euro ins Ausland transferiert.

In Argentinien war der Ansturm auf die Banken nicht mehr zu bewältigen. Pro Tag wurde eine Milliarde Peso abgehoben. Die Fähren und Busse von Buenos Aires nach Uruguay waren ausgebucht.

Verzweifelt versuchte jeder, sein Geld in US-Dollar umzutauschen. Um die Flucht zu stoppen, ließ die argentinische Regierung über Nacht alle Konten und Sparguthaben sperren. Gleichzeitig wurde die Dollarbindung des Peso im Verhältnis eins zu eins aufgehoben.

Angeblich sollen viele Politiker und Bankmanager Stunden zuvor Bescheid gewusst haben. Sie konnten daher ihre Ersparnisse retten. Die Finanzinstitute stellten ihren Betrieb ein. Jeder Kontoinhaber durfte pro Woche nur 250 Peso (entspricht heute 75 Euro) am Geldautomaten oder über spezielle Schalter abheben. Damit sollte sichergestellt werden, dass sich die Leute mit den nötigsten Dingen des täglichen Bedarfs versorgen können. Doch die meisten Geschäfte sperrten erst gar nicht auf, daher kam es zu Plünderungen.

Auch Uruguay schlitterte in die Krise

Im ganzen Land entstanden 4000 Tauschmärkte. Für Pelzmäntel und Möbel wurden Lebensmittel verlangt. Einige Provinzregierungen druckten eigene Schuldscheine.
Als die Argentinier später wieder auf ihre Ersparnisse zugreifen konnten, hatten diese im Zuge der Peso-Abwertung zwei Drittel an Kaufkraft verloren. Ein Großteil des Mittelstands stürzte in die Armut. Wer sein Geld auf der Bank liegen hatte, gehörte zu den Verlierern. Immobilien- und Grundbesitzer überstanden die Krise relativ unbeschadet.

Die Bemühungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), einen Flächenbrand zu verhindern, scheiterten. Zwei Jahre nach Argentinien brach Uruguay zusammen. Das Land galt zuvor als die Schweiz Südamerikas und als sicherer Hafen für internationale Investoren.

Die Regierung in Buenos Aires sah in der Währungsabwertung die einzige Möglichkeit, um die Wirtschaft wiederzubeleben. Zudem stellte sie die Zahlungen an die Gläubiger ein. Auch viele österreichische Privatanleger, die auf Anraten von Banken argentinische Staatsanleihen gekauft hatten, verloren einen Großteil des Geldes. 2005 stellte der mittlerweile verstorbene Präsident Nestor Kirchner den Anleiheninhabern ein Ultimatum: Entweder sie erhalten ein Viertel des ausstehendes Geldes zurück – oder sie gehen leer aus.

Rund die Hälfte der privaten Gläubiger stammte übrigens aus Argentinien. In zähen Verhandlungen konnte eine Umschuldung erreicht werden. Heute liegt die Staatsverschuldung bei 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mit den staatlichen Gläubigern, die im sogenannten „Pariser Club“ vertreten sind, hat sich Argentinien aber bis heute nicht geeinigt.

Inflationsrate liegt bei 20 Prozent

Die Wirtschaft erholte sich nach der Pleite relativ rasch. 2003 wuchs sie bereits um fast neun Prozent. Für 2012 und 2013 wird ein Plus von vier Prozent erwartet. Argentinien ist heute die drittgrößte Volkswirtschaft Süd- und Mittelamerikas nach Brasilien und Mexiko.

Problematisch ist die hohe Inflationsrate, die derzeit bei 20 Prozent liegt. Auch nach zehn Jahren ist Argentinien nicht an den Kapitalmarkt zurückgekehrt. Die Staatspleite hängt bis heute nach. Im Vorjahr gab es einige Versuche, doch diese wurden gestoppt, weil Investoren Zinsen zwischen elf und zwölf Prozent für Staatsanleihen verlangten. Die Regierung in Buenos Aires betont, dass sie sich selbst finanzieren kann und mittlerweile auch Devisenreserven aufbaue. Ein Regierungssprecher sagte vor Kurzem, eine Rückkehr an die Anleihenmärkte sei 2012 eine „Option“.

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