Die Krisen zum Klingen bringen

Im Musical "EuroCrash!" singen Merkel und Sarkozy um die Wette. Es gab schon edlere Versuche, das Wesen von Finanz- und Schuldenkrise mit Mitteln von Kunst und Kultur zu ergründen.

(c) AP (Gero Breloer)

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man fast darüber lachen: Die EU-Granden drehen auf rituellen Krisengipfeln ihre Pirouetten der Beschwichtigung. Mit falschem Pathos appellieren die Südländer an die Solidarität, weil ihnen das Geld ausgeht. Banker drängen mit apokalyptischen Visionen auf immer monströsere Rettungsschirme. Arrogante Nordländer rümpfen darob die Nase und verschanzen sich hinter der reinen Lehre ihrer Stabilitätsdoktrin.

Die Eurokrise, die mit einer griechischen Tragödie begonnen hat, hat auch etwas Komödiantisches. Zumal für den Engländer David Shirreff. In seinem Low-Budget-Musical „EuroCrash!“ über die missglückte Geschichte der Einheitswährung dürfen all jene singen und tanzen, die man sonst nur in staatstragenden Sprechrollen kennt: Trichet charmiert mit einem Chanson, Standard rühmt im Duett mit Poor's die Macht der Ratingagenturen, und Merkel schmettert eine Hymne auf die Bundesbank. Der geistreiche Jux eines Autors des britischen „Economist“ wurde vom australischen Komponisten Russell Sarre vertont. Er lief in London, im „Prime Time“-Theater in Berlin und zog zuletzt nach Frankfurt, damit auch die gestrengen Währungshüter der EZB etwas zu lachen haben.

In einem Märchenwald halten Papa Kohl und Mama Mitterrand die Währungen von einst gefangen. Nur die Rebellen Zloty, Dinar und Lek okkupieren noch vogelfrei das Unterholz. Der Humor ist schwarz und britisch, wie auch der ironische, distanzierte Blick auf die monetäre Misere auf dem Kontinent. Das erste und letzte Wort hat der Euroskeptiker: Politischer Wille allein kann die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft setzen. Der etwas voreilig geträllerte Nachruf auf die europäische Währung: „It was a worthy cause, with fundamental flaws“.

So könnte freilich auch eine Kritik an vielen Versuchen von Dichtern und Denkern lauten, die Krisen der letzten Jahre zu deuten. Etwa jenem von Peter Sloterdijk. Auch der Starphilosoph kleidete seine Gedanken zur Schuldenkrise in ein Märchen, das den „Surrealismus“ der Finanzmärkte veranschaulichen soll. In Kurzform: Ein Deutscher kommt in eine irische Stadt, in der alle auf Kredit leben. Er hinterlegt zwar 100 Euro an der Rezeption des Hotels, will aber vorab das Zimmer sehen. Während er es inspiziert, eilt der Hotelier mit dem Schein zum Fleischer, um seine Schulden loszuwerden. Der tilgt damit seine eigenen Außenstände beim Schweinezüchter, dieser beim Futterlieferanten – und so geht der Reigen weiter, bis die 100 Euro wieder beim Hotelier landen. Dem Gast hat das Zimmer nicht gefallen, er steckt sein Geld wieder ein und geht seiner Wege. Aber die Stadt ist ohne Schulden und guten Mutes – obwohl real alles beim Alten bleibt.

Ein Gleichnis einer aus den Fugen geratenen Welt? Nicht ganz. Denn in der irischen Dorfwirtschaft hat jeder gleich viele Schulden wie Forderungen, die sie absichern. Die Summe ergibt null – ganz anders als in unserer Realität. Hier sorgen geplatzte Immobilienblasen dafür, dass die Werte die Schulden nicht mehr decken, hier verschulden sich Staaten über beide Ohren und verspielen ihren Ruf, den sie als Sicherheit eingesetzt haben. Eine Gefahr, die auch dem Philosophen droht, der mit der Laterne der reinen Vernunft durch den Krisendiskurs irrlichtert. Er ist nicht allein. So manche Künstler und Intellektuelle fragen sich: Auf welch krummen Pfade hat sich der Weltgeist verirrt? Sollte der Kapitalismus, dem wir stets misstrauten, doch noch scheitern? Eilig wollen sie nun lernen, was es mit Hedgefonds und Hochfrequenzhandel so auf sich hat. Die Analyse ist oft trügerisch, ganz anders als das Gefühl, das niemals trügt.

Jelineks und Haslett. Was nicht gegen den künstlerischen Rang vieler Werke spricht – allen voran Elfriede Jelineks Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Anlass für das furiose Textkonvolut waren die Skandale um Meinl und Bawag. Die Literaturnobelpreisträgerin war schon im August 2008 damit fertig, baute es in der Krise aber weiter aus. So wurde es 2009 zum „Stück der Stunde“. Da singt der Chor der Kleinanleger, die ihre Ersparnisse verloren haben und doch kaum besser wegkommen als ihre Bankberater. Die irrationale Gier erfasst alle. Geld wird zum eigentlichen Akteur und Sieger in einem Spiel, das die Menschen verlieren.

Das scheint ein intuitiver Reflex auf die Krise zu sein. Aber die 96 Seiten sind durchaus als toxische Papiere für ein verhasstes System gemeint. Jelinek gibt zu, dass sie nichts von Wirtschaft verstehe. Ihr reichen die Skandale, denn „in ihnen bündeln sich die Gier und die Gemeinheit und alles, was den Kapitalismus so beliebt gemacht hat“.

Nun aber gehe es ihm an den Kragen, weil die Information, die den Markt funktionieren lässt, nicht mehr fließt. Das verhindern die Marktteilnehmer, die vor lauter Gier nichts mehr hören wollen von Risken und Nebenwirkungen. Alle sind überfordert, es entsteht „ein riesiges Chaos“, und darin fühlt sich die Dichterin wohl – weil sie hofft, dass der Markt sich selbst verschlingt. Er ist nicht zu verstehen, weil sie ihn nicht verstehen will.

Präziser in der Analyse und vorsichtiger in den Schlüssen ist der große Roman zum großen Crash: „Union Atlantic“ von Adam Haslett, dem „Propheten der Krise“. Fünf Jahre lang hatte der US-Schriftsteller recherchiert, um ein damals fiktives Szenario realitätsnah zu schildern: Eine Bank gibt einem Hedgefondsmanager freie Hand für große Wetten auf Terminmärkten, um mit dem Gewinn feindliche Übernahmen zu finanzieren. So wird sie zum systemrelevanten Institut – bis eine gigantische Fehlspekulation sie selbst und den Finanzmarkt in den Abgrund zu reißen droht. Just in der Lehman-Woche brachte Haslett das Buch auf den Markt. Sein Roman ist reich an Symbolik, aber arm an Klischees. Nicht die inflationär bemühte Gier, sondern sein Narzissmus treibt den jungen Zocker Fanning an. Sein Gegenpart ist eine alte, idealistische Geschichtslehrerin, die in der Nachbarvilla wohnt. Sie prozessiert gegen Fanning, weil er einen Wald abholzen ließ. So inszeniert der Autor ein Jüngstes Bezirksgericht, an dem der globale Vertrauensverlust unserer Zeit verhandelt wird.

Leichter macht es sich das Kino: Es hat, schon ein Dutzend Mal, sein Material aus der realen Finanzkrise geschöpft. Das gültigste Dokument ist bislang wohl „Margin Call“. Der Film zeigt die Stunden vor dem Crash aus der Innensicht einer Investmentbank und ihrer Mitarbeiter. Sie sind keine Monster, sondern Banker, die in der zynischen Mentalität ihrer Branche erstarrt sind. So tun sie, in die Ecke gedrängt, durchaus monströse Dinge – etwa als Ramsch erkannte Papiere noch schnell an Kunden verramschen, um die Bilanz zu retten. Das Gerücht, Goldman Sachs habe sich so die Schlinge vom Hals gezogen, ist falsch. Aber die Stimmung des Films, das fühlen auch Laien, ist ziemlich echt.

Die Tucholsky-Lüge. Ein rechter Schwindel ist hingegen ein Gedicht zur Krise, das in linken Foren Furore gemacht hat: „Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen, aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf“ – diese Zeilen wurden dem großen Kurt Tucholsky zugeschrieben. Stattdessen stammt das gereimte Pamphlet gegen die „Spekulantenbrut“ von einem Österreicher unserer Tage, der es in FPÖ-nahen Medien publiziert hat. So steht auch hinter diesem Irrtum eine zeitlose Wahrheit: dass die Extreme sich berühren.

Die Lüge gibt eine Wahrheit preis: Das bleibt als einigendes Band von der kulturellen Aufarbeitung der Krise. Darauf schlüge auch der Euroskeptiker aus dem Musical ein. Der Euro, resümierte er, muss scheitern, weil es niemand ehrlich mit ihm meinte: Die Griechen türkten, mit der No-Bail-out-Klausel wollten alle nur die Skepsis der Deutschen betäuben, die wiederum ohne Not den Maastricht-Vertrag verrieten. „The noblest enterprise / should not be based on lies“ – sprach's und trat, die „Financial Times“ unter dem Tweedsakko, von der Bühne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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