George Soros: Der Sprengmeister der Weltmärkte

Um den Multimilliardär George Soros ranken sich unzählige Mythen und Verschwörungstheorien. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Soros ist ein Spekulant, der seine Bekanntheit in Geld und Einfluss umzumünzen versteht.

(c) EPA (LAURENT GILLIERON)

Wenn George Soros ein Interview gibt, eine Rede hält oder auch nur ein kurzes Statement ausschickt, ist ihm eines sicher: die Aufmerksamkeit der ganzen Finanzwelt. Zuletzt sorgte er beim „World Economic Forum“ in Davos für Trubel. Soros warnte dort vor einem globalen Finanzkollaps, dem Ende des Euro, vor sich ausweitenden Protesten in Europa und Nordamerika und vor der Errichtung von brutalen Polizeistaaten in der westlichen Welt.

Der 81-Jährige Multimilliardär spielt in einer Liga mit G8-Regierungschefs und Zentralbankpräsidenten. Seine Worte können die Märkte bewegen. Nur Warren Buffet, der wahrscheinlich reichste Mann der USA, kann Soros in dieser Hinsicht noch das Wasser reichen. Buffet lebt privat eher zurückgezogen und ist selten politisch aktiv – Soros hingegen ist wohl der umtriebigste superreiche alte Mann überhaupt. Dabei ist eines nicht zu vergessen: Wenn Soros wieder einmal vor einer Krise, einem Kollaps oder dem Platzen der von ihm beschworenen „Superblase“ an den Märkten spricht, tut er das nicht als unabhängiger Beobachter. Er ist ein Investor, der seine Stellung in der Welt zu nutzen weiß, um seine Gewinne und seinen Einfluss zu maximieren.

Aber George Soros ist noch viel mehr als das. Geldverdienen allein scheint ihm schon lange nicht mehr zu reichen. Soros polarisiert. Den einen gilt er als hilfreicher Wohltäter, als politischer Aktivist, der seinen Reichtum dazu nutzt, Demokratie und Menschenrechte voranzubringen. Den anderen gilt Soros als skrupelloser Geschäftsmann und als Teil einer Verschwörung, die nichts Geringeres im Sinn hat, als die Weltherrschaft an sich zu reißen.


Linke Ikone. Er selbst nennt sich am liebsten einen „Philosophen“. Sein großer Traum ist es, den Wirtschaftswissenschaften einen originären Gedanken hinzuzufügen. Diese Ehre wurde dem mehrfachen Buchautor bisher nicht zuteil. Sein Konzept der „Reflexivität“ der Finanzmärkte blieb bisher ins Reich der obskuren Theorien verbannt. Aber ausgerechnet in der Krise wittert er nun seine zweite Chance.

Seit 2009 hat Soros 50 Millionen Dollar in sein „Institute for a New Economic Thinking“ gesteckt, in dem eine Hundertschaft an etablierten Wirtschaftswissenschaftlern die Gesetze der Ökonomie neu zu schreiben versucht. Mit dem Institut inszeniert sich Soros, der als Spekulant im Stile der Filmfigur Gordon Gekko bekannt geworden ist, als Kapitalismuskritiker. Seine Theorie: Der „Marktfundamentalismus“ hätte in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einer „Jahrhundertblase“ geführt, die jederzeit platzen könnte. Damit reiht sich Soros in eine lange Reihe populärer Figuren ein, die „dem Markt“ die Schuld an der aktuellen Krise geben und eine Form von Neosozialismus als Lösung fordern. Der Multimilliardär inszeniert sich als linke Ikone. Soros unterstützt heute die „Occupy“-Bewegung genauso wie die Forderung nach höheren Steuern für Reiche.

Das ist eine bemerkenswerte Wandlung. Soros hat mit seinen Dollar-Millionen jahrzehntelang gegen den Einfluss des Sowjetsozialismus in Europa und Zentralasien angekämpft. Ab Ende der 1970er unterstützte er die Gewerkschaft Solidarność in Polen, die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 in der Tschechoslowakei und den Dissidenten Andrei Sacharow in der Sowjetunion finanziell. Das war bevor er mit Währungsspekulationen ans ganz große Geld kam und so in die internationale Finanzaristokratie aufstieg. Heute gilt Soros als der wichtigste nicht-staatliche Finanzier von NGOs und kritischen (linken) Medien in Ländern der ehemaligen Sowjetdiktatur.

Die Aktivitäten der „Soros Foundation“ und seines „Open Society Institute“ haben maßgeblich zum Erfolg der so genannten „Farbigen Revolutionen“ in Osteuropa beigetragen. Und schizophrene Reaktionen hervorgerufen: Nationalistische und pro-russische Fraktionen sehen in Geroge Soros einen „Agenten“ US-amerikanischer Interessen.


Antiamerikanisch? In den USA wiederum steht Soros aus dem gegenteiligen Grund am Pranger. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ warf ihm im September 2011 vor, amerikanische Interessen langfristig zu untergraben, weil seine Aktivitäten in Osteuropa und Zentralasien starke anti-amerikanische Ressentiments schüren würden. „Einige Nationen, wie Russland, Weißrussland, Kasachstan und Turkmenistan haben Soros und seine Front-Organisationen sogar verbannt“, schrieb das Magazin. Laut Forbes schüttet Soros heute mehr als 500 Mio. Dollar pro Jahr in die Länder der ehemaligen Sowjetunion.

Allein die Gründung der Central European University (CEU) in Budapest hat er sich 420 Mio. Dollar kosten lassen. In der Lobby der CEU hängt sogar ein Porträt von George Soros. Die Uni gilt als Schmiede künftiger westlich orientierter Eliten in Osteuropa. Der bekannte österreichische Politologe Anton Pelinka unterrichtet an der Central European University.

Interessanterweise gilt Soros auch in der internationalen Finanzwelt als eher anti-amerikanisch eingestellt. In seinem Buch „The Age of Fallibility“ schrieb Soros: „Die Vereinigten Staaten sind das Haupthindernis für eine stabile und gerechte Weltordnung.“ Nach den Terroranschlägen am 11.September 2001 tat sich Soros als scharfer Kritiker des „Krieg gegen den Terror“ hervor. Im Jahr 2003 sagte er, die Abwahl des damaligen Präsidenten George W. Bush sei für ihn eine „Frage von Leben oder Tod“.

Es ist aber nicht nur Soros' großzügige Unterstützung der Demokraten und ihrer Front-Organisationen, die den Rechten in Amerika ein Dorn im Auge ist. So sieht Soros' Lieblingsfeind, der streitbare ehemalige Fox-News-Moderator Glenn Beck, den gebürtigen Ungarn als Strippenzieher in einer weltweiten Verschwörung, deren Ziel es sei, die USA und den Dollar aus dem Weg zu räumen, um eine weltweite (sozialistische) Diktatur zu errichten. Soros' offene Kritik an der Rolle des Dollars als Weltleitwährung befeuert solche Verschwörungstheorien. Ebenso seine Mitgliedschaft in so elitären Zirkeln wie dem „Council on Foreign Relations“, der oft als „Staat im Staate“ bezeichnet wird. Auch bei den alljährlichen klandestinen Treffen der sagenumwobenen „Bilderberg-Gruppe“ ist Soros regelmäßig dabei.


Die Soros-Methode. Was sich mit Sicherheit sagen lässt: George Soros ist mit (offiziell) 22 Mrd. Dollar Vermögen heute ein integraler Bestandteil der internationalen Finanzaristokratie. Er ist ein Insider unter den Insidern und jemand, der immer noch kräftig mitmischt auf jenem „Markt“, den er inzwischen selbst für Krisen verantwortlich macht. Seine wahren Ziele kennt am Ende nur George Soros selbst. Auch deswegen sind seine Aussagen mit Vorsicht zu genießen. „In den Medien wird Soros immer auf eine von zwei Arten porträtiert“, schrieb „Forbes“: „Entweder als desinteressierter globaler Wohltäter oder als böses Genie in der Zentrale einer komplexen, kosmopolitischen Verschwörung. In Wahrheit verfolgt Soros die Politik des begabten Spekulanten, der er ist: Wenn er die Möglichkeit sieht, mit einer relativ kleinen Summe die Geschichte in die von ihm gewünschte Richtung zu drehen, dann investiert oder spendet er.“

Der Ökonom und „New York Times“-Kolumnist Paul Krugman hat die Soros-Methode 1999 so beschrieben: „Niemand, der in den letzten paar Jahren ein Wirtschaftsmagazin gelesen hat, kann übersehen, dass es heutzutage wirklich Investoren gibt, die ihr Geld nicht nur in der Erwartung einer Währungskrise verschieben, sondern tatsächlich alles tun, um so eine Krise auszulösen: aus Spaß und für den Profit. Für diese Akteure haben wir bis dato noch keinen Namen. Ich schlage deshalb ,Soroi‘ vor.“

Seine Strategie hat Soros seit seinem ersten großen Coup verfeinert. Am 16.September 1992, dem „Schwarzen Mittwoch“, spekulierte er gegen die englische Zentralbank und gewann. Nachdem das Pfund derart unter Druck geriet, dass Großbritannien aus dem damaligen System fixer Wechselkurse in Europa aussteigen musste, wertete die britische Währung ab und bescherte Soros einen Gewinn von mehr als einer Milliarde Dollar.

Seitdem gilt Soros als „der Mann, der die Bank of England sprengte“. Diese Geschichte bietet auch die „harmloseste“ Erklärung für die politischen Aktivitäten des George Soros. Vielleicht ist er am Ende nur ein reicher alter Mann, der nicht als skrupellosester Spekulant des 20.Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen will.

George Soros

Als Sohn von Tivadar und Elizabeth Soros kommt George Soros am 12.August 1930 in Budapest zur Welt. Sein Vater ist Esperanto-Autor. George Soros lernt die künstliche Kosmopoliten-Sprache von Geburt an. Soros überlebt den Krieg und die Judenverfolgung der Nazis in Budapest und emigriert 1947 nach London.

An der London School of Economics studiert Soros unter Karl Popper. Der Name des „Open Society Institute“ erinnert an Poppers Buch „The Open Society and Its Enemies“.

Soros zieht 1956 nach New York und beginnt als Trader an der Wall Street. 1970 gründet er „Soros Fund Management“. Er ist zweimal geschieden und hat fünf Kinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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