Venezuela schließt Rückholung der Goldreserven ab

Als erster Staat holt Venezuela die nationalen Goldreserven zurück ins eigene Land. Manche Beobachter glauben, Präsident Chávez bereitet sich mit der Goldrückholaktion auf möglichen Krieg gegen den Westen vor.

(c) REUTERS (HANDOUT)

Wien/Caracas. Die Nationalbank in Caracas meldet Vollzug: Am Montag ist die vorerst letzte Lieferung Goldbarren in Venezuela angekommen: 14Tonnen, geliefert von ausländischen Banken. Damit hat Venezuela seit November 2011 ganze 160Tonnen Gold aus dem Ausland zurück in die Heimat geholt. Wie viel Gold Venezuela jetzt noch im Ausland lagert, ist nicht bekannt. Insgesamt belaufen sich die goldenen Reserven des Landes auf 372Tonnen. Venezuela hat in den letzten Jahren ständig Gold hinzugefügt, wenn auch in relativ kleinen Mengen.

Die Rückholung des Goldes aus dem Ausland hatte Präsident Hugo Chávez im August damit begründet, das Land vor den wirtschaftlichen Problemen der USA und Europas schützen zu wollen. In Zeiten wachsender Unsicherheit an den Märkten ist die sichere Verwahrung der nationalen Goldbestände in der eigenen Zentralbank für einen Staat eine Option, sich abzusichern. Ein Großteil der staatlichen Goldreserven ist nicht im jeweiligen Land, sondern an den Goldhandelsplätzen London, Zürich und New York gelagert. Das dürfte auch für den österreichischen Goldschatz von 280Tonnen gelten – die Nationalbank veröffentlicht hierzu aber keine Details.

Manche Beobachter glauben aber, Chávez bereitet sich mit der Goldrückholaktion auf einen möglichen Krieg gegen den Westen vor. Elektronisches Geldvermögen von Diktatoren zu sperren ist für westliche Regierungen kein Problem, Gold im eigenen Land also eine Art Notgroschen.

Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi hatte die libyschen Goldreserven im Land, als die Militärmission der Nato gegen ihn begann. Wo die rund 144Tonnen libysches Gold geblieben sind, ist indes ein Rätsel. In der Statistik des World Gold Council ist ihr Gegenwert für das zweite Quartal 2011 noch verzeichnet (rund sechs Mrd. Dollar). Im dritten Quartal fällt die Summe plötzlich auf null. Der neue libysche Notenbankgouverneur Qassim Azzuz sagte noch im September, dass „nur“ ein Fünftel der Goldreserven während des Krieges verschwunden wäre.

 

Zentralbankkäufe verfünffacht

Kriegsangst ist aber nicht der einzige Grund für Chávez' Goldgier: Seit zwei Jahren sind die Zentralbanken weltweit nicht mehr auf der Verkäufer-, sondern überwiegend auf der Käuferseite zu finden. Allein im vergangenen Jahr haben sich die Goldkäufe der Zentralbanken verfünffacht, berichtet der Branchendienst „Thomson Reuters GFMS“. 2011 haben die Notenbanken 430Tonnen Gold gekauft, im ersten Halbjahr 2012 werden sie weitere 190Tonnen nachfragen, so GFMS.

Die Aktivitäten der Zentralbanken sind vor dem Hintergrund der „Remonetarisierung des Goldes“ zu begreifen, sagt Erste-Goldexperte Ronald Stöferle: „Gold ist wieder Geld.“ Die Nachfrage nach physischem Gold von Privatkunden hat 2011 auch stark angezogen. Weltweit wurden fast 2000Tonnen Gold verkauft, ein Plus von 36Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Auch der steigende Goldpreis hilft mit, die Bedeutung des Edelmetalls zu vergrößern. So hält zum Beispiel Österreich mit seinen 280 Tonnen mehr als die Hälfte seiner Währungsreserven in Gold. Im Falle von Deutschland (3400 Tonnen) sind es sogar mehr als 70 Prozent. Trotzdem sind europäische Zentralbanken heute noch immer auf der Verkäuferseite zu finden – zwar eingeschränkt, aber dennoch. Dieses Gold wandert nach Asien, um dort in Tresoren zu verschwinden.

 

China deckt sich ein

„So verlagert sich der Wohlstand von West nach Ost“, sagt Stöferle: „Russland, China und Indien akkumulieren ständig.“ China hält offiziell 1054Tonnen, ist aber der größte Goldproduzent der Welt und exportiert nicht eine Unze: Alles Metall bleibt im Land. „Ich gehe davon aus, dass die Chinesen wesentlich mehr besitzen, als sie behaupten“, sagt Stöferle. China sitzt auf 3,2 Billionen Dollar Währungsreserven. Die Zentralbank macht auch keinen Hehl daraus, dass man in Gold hinein diversifizieren will. So bezeichnete der Notenbanker Zhang Jianhua Gold erst im Dezember als „den letzten Sicheren Hafen“.

Sollte China seine Ankündigung wahr machen, bis zu zehn Prozent seiner Reserven in Gold halten zu wollen, müsste man noch rund 9000 Tonnen Gold zukaufen. Es gibt Hinweise, dass dies sogar schon geschieht. Londoner Gold-Trader berichten immer wieder, dass China jeden Boden im Goldpreis zum Nachkauf ausnützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2012)

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